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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Zum Tod des Papstes

„Ich bin fröhlich, seid es auch ihr“. So wie jenen Ordensfrauen, von denen sich Johannes Paul II. mit diesen Worten verabschiedete, fällt es auch der Stiftung PRO ORIENTE nicht leicht, diesem tröstenden Zuspruch zu folgen. Verlieren wir in ihm doch einen Papst, der uns jahrzehntelang durch seine Worte und Taten ermutigte, in unseren Bemühungen um die sichtbare Einheit der Christenheit nicht müde zu werden und dem wir „grundsätzlich neue und radikale Impulse“ (Kardinal W. Kasper) für unseren Dialog mit der Orthodoxie und den orientalisch-orthodoxen Kirchen verdanken.

Die Stiftung PRO ORIENTE war in besonderer Weise empfänglich und dankbar für diese Impulse, weil sie 1964 durch ihren Gründer Kardinal Franz König aus der ökumenischen Aufbruchstimmung des 2. Vatikanischen Konzils hervorgegangen ist und durch ihren Sitz in Wien an der historischen Nahtstelle zwischen westlicher und östlicher Christenheit ein besonderes Sensorium für den Skandal der Spaltungen mitbringt.

PRO ORIENTE war daher sehr glücklich, als Johannes Paul II. 1998 bei seinem letzten Besuch in Wien das Wort von den „beiden Lungenflügeln“ prägte, mit denen Europa atmen müsse und anregte, statt von Osterweiterung der Europäischen Union von „Europäisierung des Kontinents“ zu sprechen.

Johannes Paul II. hat uns bewusst gemacht, dass in einer Situation, in der die Menschheit immer mehr zu einer großen Schicksalsgemeinschaft zusammenrückt, Ökumene die christliche Antwort auf die Zeichen der Zeit ist.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir seine große Reisetätigkeit in die Länder der Orthodoxie und zu den orientalisch-orthodoxen Kirchen. Seine erste ökumenische Reise führte ihn 1979 nach Istanbul, wo er gemeinsam mit dem damaligen ökumenischen Patriarchen Dimitrios I. das Fest des hl. Andreas feierte. Ein weiterer Höhepunkte seiner ökumenischen Reisetätigkeit war seine Begegnung mit Patriarch Teoctist in Rumänien 1999 und sein Besuch in Armenien 2001, wo er als erster Papst gemeinsam mit Katholikos Karekin II. einen Gottesdienst feierte und in dessen Haus wohnte. Zu Recht bezeichnete der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. den Tod Johannes Pauls II. als „Verlust für die gesamte Christenheit und für die nach Frieden und Gerechtigkeit suchende Weltgemeinschaft“.

Außerordentlich dankbar ist die Stiftung PRO ORIENTE auch für die wegweisenden Impulse, die sie vom heimgegangenen Papst für Initiativen im Bereich des interreligiösen Dialogs erhalten hat. Sie erinnert sich dabei an die historischen Schritte, die Johannes Paul II. mit den Friedensgebeten der Weltreligionen in Assisi 1986 und 2002 setzte, und an seine Besuche in der Großen Synagoge zu Rom und in der Omayyaden-Moschee in Damaskus.

Wir erinnern uns an die fünf Apostolischen Schreiben und an die dreizehn gemeinsamen Erklärungen des Papstes mit orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchenoberhäuptern. Für einige davon durfte PRO ORIENTE wissenschaftlich-theologische Vorarbeit leisten. In seiner Enzyklika „Ut unum sint“ fasste er 1995 seine Gedanken zur Ökumene zusammen und ging in einem Akt der Kenosis sogar so weit, sein Amtsverständnis zur Diskussion zu stellen, womit der Papst der Suche nach der Einheit theologisch und spirituell eine neue Dimension eröffnet hat.

Bedeutende Symbole im ökumenischen Geist setzte der Papst auch mit der Übergabe von Reliquien, der Überlassung einer römisch-katholischen Kirche in Rom an die bulgarisch-orthodoxe Gemeinde und die Übergabe der Ikone der Mutter Gottes von Kazan an Patriarch Aleksij II.

Wir erinnern uns schließlich an die Vergebungsbitten im Jubiläumsjahr 2000 des Papstes für Verfehlungen der Christen in der Vergangenheit, eine Geste, die in der gesamten Kirchengeschichte ohne Beispiel sind. Vor allem dadurch ließ er uns die Bedeutung der Spiritualität für unser ökumenisches Bemühen erkennen und lehrte uns nach dem Vorbild unseres Herrn an die Kraft des Gebetes zur Erreichung der Einheit aller Christen zu glauben.

Dr. Johann Marte
Präsident der Stiftung PRO ORIENTE
Wien, am 13. April 2005