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Franz König

Pro Oriente

Syrischer Patriarch bei Eröffnung des neuen Lehrgangs „Syriac Theology“ an der Salzburger Uni

Fach Syrische Theologie erstmals an einer öffentlichen europäischen Universität etabliert - In die Freude über die Salzburger Initiative mischte sich auch die Sorge um die Situation der Christen im Nahen Osten – Ignatius Aphrem II. betont Hoffnung auf Rückkehr des entführten Metropoliten von Aleppo, Mar Gregorios Youhanna Ibrahim

Salzburg, 21.10.15 (poi) Die syrisch-orthodoxe Kirche dankt der katholischen Schwesterkirche und der Universität Salzburg, dass mit dem neuen Universitätslehrgang „Syriac Theology“ dieser Zweig christlicher Theologie erstmals an einer öffentlichen europäischen Universität etabliert worden ist. Der syrisch-orthodoxe Patriarch von Antiochien, Ignatius Aphrem II., verband am Dienstag in Salzburg beim Akademischen Festakt zur Eröffnung des neuen Lehrgangs den Dank mit dem Hinweis auf den von der Stiftung „Pro Oriente“ und ihrem Gründer, Kardinal Franz König, in Gang gesetzten inoffiziellen ökumenischen Dialog. Dieser inoffizielle Dialog zwischen katholischen und orientalisch-orthodoxen Theologen habe die Kirchen des Orients gestärkt. In diesem Zusammenhang erinnerte der Patriarch an den Aleppiner Metropoliten Mar Gregorios Youhanna Ibrahim, der für die Entwicklung des Dialogs von entscheidender Bedeutung war, aber seit mehr als zwei Jahren in der Hand von Entführern ist. „Und doch hoffen wir, dass Mar Gregorios bald und gesund wieder unter uns ist“, sagte der Patriarch.

In die Freude über die Salzburger Initiative mische sich die Sorge um die Situation der Christen im Nahen Osten, betonte Ignatius Aphrem II. Die Patriarchen der verschiedenen orientalischen Kirchen würden jetzt immer gemeinsam auftreten, um die Position der Christen zu stärken. Aber die Präsenz der Christen im Nahen Osten sei aufs höchste gefährdet. Ein Gebiet wie Anatolien, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch 35 Prozent der Bevölkerung Christen waren, weise heute fast keine Christen mehr auf. In Syrien sei die Zahl der Christen um 40 Prozent gesunken. Dabei sei auch den Muslimen bewusst, dass es für sie besser sei, wenn Christen mit ihnen zusammenleben. Das habe eine lange historische Tradition. Die Administratoren des muslimischen Reiches seien Jahrhunderte hindurch immer Christen gewesen, Christen hätten den Muslimen durch ihre Übersetzungstätigkeit das Erbe der antiken Literatur und Wissenschaft erschlossen, auch die „Nahda“, die arabische Renaissance am Ende des 19. Jahrhunderts, sei vielfach von Christen getragen worden. Ignatius Aphrem II.: „Die Muslime brauchen uns“.

In Syrien würden die Anstrengungen der europäischen Länder zur Aufnahme von Flüchtlingen geschätzt, sagte der Patriarch: „Aber wir bitten die Europäer zugleich: Helft uns Christen, in unserer orientalischen Heimat zu bleiben und unser reiches Erbe zu bewahren“. Ignatius Aphrem II. erinnerte zugleich daran, dass auch die Christen der syrischen Tradition – ebenso wie die Armenier – heuer des Beginns des Völkermordes gedenken, der vor 100 Jahren – 1915 – von den jungtürkischen Machthabern des damaligen Osmanischen Reiches in Gang gesetzt wurde. Dem Völkermord, der in der Sprache der syrisch-orthodoxen Kirche „Sayfo“ (Zeit des Schwerts) genannt wird, seien damals mindestens 500.000 Christen syrischer Tradition zum Opfer gefallen. Aber im türkischen Südostanatolien sei es den Christen syrischer Tradition nicht erlaubt, der Geschehnisse zu gedenken, sie müssten über ihre Märtyrer schweigen. Die Anerkennung des Völkermords sei die Voraussetzung, damit es zu einer Versöhnung kommen könne.

Im Hinblick auf die Eröffnung des neuen Universitätslehrgangs in Salzburg und die Einrichtung des syrischen Studierenden-Kollegs „Beth Suryoye“ erinnerte Ignatius Aphrem II. daran, dass Bildung das „Salz der Erde“ sei. Die Studierenden könnten sich jetzt in Salzburg auf akademischem Niveau mit dem Erbe der syrischen Kirchenväter auseinandersetzen, die mit den griechischen und lateinischen Kirchenväter zu den Säulen des Christentums zählen. Heute sei die Zahl der syrisch-orthodoxen Christen in der weltweiten Diaspora schon größer als in der Heimat. Die syrisch-orthodoxe Kirche sei nicht mehr auf eine Region oder eine Kultur beschränkt. In Salzburg könnten Studierende aus der Diaspora durch akademische theologische Bildung die Werkzeuge erhalten, um Antworten auf die modernen Herausforderungen zu finden. Zugleich sei der neue Universitätslehrgang eine „Quelle des Wissens“ für alle Interessierten mit unterschiedlichem konfessionellem oder kulturellem Hintergrund.

„Ein klares Zeichen der Solidarität“

Eingangs hatte der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Salzburg (und Vorsitzende der Salzburger „Pro Oriente“-Sektion), Prof. Dietmar W. Winkler, die Ernennung von Aho Shemunkasho zum Professor für „Geschichte und Theologie des syrischen Christentums“ und die Eröffnung des neuen Universitätslehrgangs als einen „historischen Schritt“ bezeichnet. Dieser Schritt sei ein Resultat der engen ökumenischen Beziehungen zwischen katholischer Kirche und orientalisch-orthodoxen Kirchen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. In diesem Zusammenhang sei es 1984 zur Unterzeichnung einer Vereinbarung über Zusammenarbeit im Bereich von Seelsorge und theologischer Bildung durch Papst Johannes Paul II. und den damaligen syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius Zakka I. Iwas gekommen. Dass diese Zusammenarbeit jetzt in Österreich verwirklicht werde, hänge einerseits damit zusammen, dass die auf Moses von Mardin zurückgehende erste syrische Druckausgabe des Neuen Testaments 1555 in Wien hergestellt wurde und andererseits der von „Pro Oriente“ initiierte inoffizielle Dialog der Theologen 1971 zur sogenannten „Wiener Christologischen Formel“ führte, die zur Basis für offizielle gemeinsame Erklärungen von Päpsten und Patriarchen werden sollte. In Salzburg habe dann, so Prof. Winkler, seit acht Jahren der Einsatz der Erzbischöfe Alois Kothgasser und Franz Lackner, aber auch die Einbeziehung von Persönlichkeiten wie Rektor Prof. Heinrich Schmidinger, des damaligen Wissenschaftsministers Prof. Karl-Heinz Töchterle und von Landeshauptmann Wilfried Haslauer den Weg geebnet. Wörtlich fügte Prof. Winkler hinzu: „Wenn wir heute feiern, tun wir das auch im Bewusstsein der politischen Situation im Nahen Osten…In dieser Zeit eine qualifizierte akademische Ausbildung für syrisches Christentum zu installieren, stellt ein klares und deutliches Zeichen der Geschwisterlichkeit und Solidarität mit unseren Schwesterkirchen dar“.

Was in Salzburg geschehe, werde daher auch vom Heiligen Stuhl unterstützt, betonte der Rektor und zitierte aus einem Grußwort von Kardinal Kurt Koch, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen: „Es ist wichtig, die Vision einer akademischen theologischen Ausbildung für die syrisch-orthodoxe Kirche mit der Unterstützung katholischer Bildungseinrichtungen auf universitärem Niveau im Kontext der Herausforderungen zu sehen, mit denen die Christen im Nahen Osten, der Wiege des Christentums, konfrontiert sind“. Papst Franziskus habe, so Kardinal Koch, bei seiner Begegnung mit Ignatius Aphrem II. im Juni daran erinnert, dass die syrisch-orthodoxe Kirche vom Beginn an bis heute eine Kirche der Märtyrer sei, die im Nahen Osten gemeinsam mit anderen christlichen Gemeinschaften die „schreckliche Bedrängnis durch Krieg, Gewalt und Verfolgung“ ertragen müsse. (forts)