Pro Oriente Logo

Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

„Pro Oriente“-Konferenz über die „Lemberger Synode“ von 1946

Wiener Stiftung veranstaltet wissenschaftliche Konferenz über eines der schwierigsten ökumenischen Probleme – Bei der „Synode“ von 1946 wurde die „Integration“ der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche in das Moskauer Patriarchat beschlossen, der Schatten Stalins und Chruschtschows – Bei der Wiener Konferenz ist die Erarbeitung eines gemeinsamen katholisch-orthodoxen Narrativs über das Ereignis von 1946 angepeilt

Wien, 30.05.16 (poi) Einem der schwierigsten ökumenischen Probleme – der sogenannten „Lemberger Synode“ von 1946 und ihren Folgewirkungen – ist eine wissenschaftliche „Pro Oriente“-Konferenz gewidmet, die von 2. bis 4. Juni in Wien stattfindet. „Pro Oriente“-Präsident Johann Marte wird die Konferenz am Morgen des 2. Juni eröffnen, der an der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät tätige junge griechisch-katholische Theologe Daniel Galadza – der aus der ukrainischen Emigration in Kanada stammt – wird darstellen, worum es ihm bei der Planung dieser Konferenz ging, die das ehrgeízige Ziel der Erarbeitung eines gemeinsamen katholisch-orthodoxen Narrativs über das Ereignis und seine Folgen anpeilt. Am Abend des 2. Juni gibt es um 19.30 Uhr im Erzbischöflichen Palais in der Wollzeile eine öffentliche Veranstaltung, bei der der ukrainische griechisch-katholische Bischof Borys Gudziak (der in Paris tätig und Leiter des Außenamts der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche ist) und Prof. Wladislaw Petruschko von der Moskauer orthodoxen St. Tichon-Universität sprechen werden. Sie werden sich darum bemühen, die Vorgänge um die „Lemberger Synode“ im Kontext der Versuche zur Wiederherstellung der Einheit zwischen katholischer und orthodoxer Kirche zu beleuchten.

Die „Lemberger Synode“ fand von 8. bis 10. März 1946 unter massivem Druck der sowjetischen Staatsorgane (vor allem des Volkskommissariats des Inneren/NKWD) in der Lemberger Georgskathedrale statt, 216 Priester und 19 Laien mussten teilnehmen. Ziel der Synode war es, die „Rückkehr“ der griechisch-katholischen Kirche der westlichen Ukraine in das Moskauer Patriarchats zu beschließen. Alle ukrainischen griechisch-katholischen Bischöfe waren zu diesem Zeitpunkt bereits in Haft, drei zur Orthodoxie konvertierte Priester – die später zu Bischöfen beförderten Geistlichen Antonij Pelwetskyj und Myhailo Melnyk sowie der Erzpriester Gavrylo Kostelnyk – gaben den Ton an Die Zentralgestalt war Gavrylo Kostelnyk, der auch den Vorsitz führte. Er stammte aus Ruski Krstur, einem der ruthenischen Dörfer in der damals noch ungarischen Vojvodina, wo er 1886 geboren wurde. Seine Schulzeit verbrachte er im damals ebenfalls noch ungarisch kontrollierten Kroatien. Seine Studien absolvierte er am Lemberger griechisch-katholischen Seminar und an der katholischen Universität im Schweizer Fribourg. Der vielsprachige junge Theologe heiratete 1913, im selben Jahr wurde er zum griechisch-katholischen Priester geweiht. Er war anschließend als Seelsorger an der Lemberger Verklärungskathedrale tätig, aber auch als Professor am Seminar und an der Theologischen Akademie. Ende der zwanziger Jahre profilierte sich Kostelnyk als Gegner der „Latinisierungstendenzen“ in der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche. 1930 musste er daher seine Professur zurücklegen.

Nach Kriegsende – im Mai 1945 – trat der Priester an die Spitze einer vom NKWD inspirierten „Initiativbewegung“ für die „Wiedervereinigung“ mit dem Moskauer Patriarchat. Unter massivem Druck der sowjetischen Behörden traten bis zum Frühjahr 1946 viele griechisch-katholische Priester der Bewegung bei. Am 23. Februar 1946 wurde Kostelnyk gemeinsam mit zwölf anderen Priestern vom damaligen orthodoxen Metropoliten von Kiew in die orthodoxe Kirche aufgenommen. Aus Dokumenten des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine geht hervor, dass der ganze Vorgang vom Ersten Sekretär der Partei, Nikita S. Chruschtschow, kontrolliert und gelenkt wurde, der bei wichtigen Detailfragen die ausdrückliche Zustimmung Stalins suchte. Bis heute ungeklärt ist, ob alles nach dessen Wünschen verlief, denn Chruschtschow hatte nach der Synode einen Karriere-Knick zu verzeichnen, er wurde bis Ende 1947 als Erster Sekretär abgelöst. Die Geschichte Kostelnyks endete tragisch: Am 20. September 1948 wurde der Priester nach der Feier der Göttlichen Liturgie auf den Stufen der Lemberger Verklärungskathedrale angegriffen und tödlich verletzt, der Täter Wasilij Pankiw richtete sich am Tatort selbst. Die offizielle Version der Sowjetbehörden lautete, Pankiw sei ein Mitglied der ukrainischen nationalistischen Untergrundbewegung UPA gewesen, deren Exponenten aber jede Beteiligung am Mord an Kostelnyk leugneten. Später wurde sogar die Version von einem „vatikanischen Agenten“ in Umlauf gesetzt. In Lemberg aber hielt sich beharrlich das Gerücht, der Mord sei vom NKWD inszeniert worden, weil Kostelnyk mittlerweile „unbequem“ und „überflüssig“ geworden war.

Für die ukrainische griechisch-katholische Kirche bedeutete die „Lemberger Synode“ den Abstieg in die Katakomben. Bis heute ist der Blick auf den „Lwiw Sobor“ konfessionell überaus unterschiedlich. Für die griechisch-katholische („unierte“) Kirche bedeutete die Synode den Beginn einer langen Leidenszeit, die „Reinigung durch Verfolgung“ mit sich brachte, für viele Orthodoxe stellte sich der „Lwiw Sobor“ als Fortsetzung der 1839 einsetzenden Maßnahmen zur „Wiedervereinigung“ der „Unierten“ mit der Orthodoxie auf dem Territorium der einstigen polnisch-litauischen Doppelrepublik.

Der erste Teil der „Pro Oriente“-Konferenz ist historischen Fragen gewidmet, um eine „ehrliche Diskussion über heikle Fragen„ zu ermöglichen und einen Beitrag zur „Heilung der Erinnerung“ zu leisten (von der sowohl Papst Johannes Paul II. als auch der am Päpstlichen Orientalischen Institut/PIO in Rom lehrende amerikanische Jesuit P. Robert F. Taft gesprochen hatten). Zum Abschluss der Konferenz wird es darum gehen, „Wege des Dialogs“ für die Zukunft zu erschließen und dabei auch die katholischen Ostkirchen einzubeziehen.

Die „Pro Oriente“-Konferenz versammelt katholische und orthodoxe Theologen und Historiker an einem Tisch, um zentrale Fragen zu klären: Welche politischen Umstände bestimmten die Beziehungen zwischen russisch-orthodoxer und ukrainischer griechisch-katholischer Kirche? Welche historischen Ereignisse verlangen am meisten nach „Heilung der Erinnerung“? Wie kann
das Konzept des „Uniatismus“ gemeinsam von ostkirchlichen Katholiken und von Orthodoxen verstanden werden? Wie kann ein Narrativ aus russisch-orthodoxer und ukrainischer griechisch-katholischer Sicht Seite an Seite verstanden werden?

Bei dieser Konferenz sind die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien, das „Metropolitan Andrey Sheptytsky Institute for Eastern Christian Studies“ in Ottawa und die ukrainische katholische Universität Lemberg (Lwiw) Partner von „“Pro Oriente“. (ende)