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Franz König

Pro Oriente

Libanon: Ökumenisches Gedenken an syrisch-katholischen Märtyrer-Bischof

Syrisch-orthodoxer Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. beim Gottesdienst zum ersten Jahrestag der Seligsprechung des 1915 ermordeten Bischofs Mar Flavianus Mikhael Melki

Beirut, 30.08.16 (poi) Zu einer vielbeachteten ökumenischen Initiative ist es im Libanon gekommen: Der syrisch-orthodoxe Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. war beim feierlichen Gottesdienst des syrisch-katholischen Patriarchen Mar Ignatius Yousif III. Younan in der Marienkirche in Sharfet anwesend, bei dem des ersten Jahrestages der Seligsprechung des 1915 vom jungtürkischen Regime ermordeten Märtyrer-Bischofs Mar Flavianus Mikhael Melki gedacht wurde. An dem Gedächtnisgottesdienst nahmen fast alle syrisch-katholischen Bischöfe teil. Nach der Liturgie führten der syrisch-katholische und der syrisch-orthodoxe Patriarch gemeinsam eine Prozession zum Denkmal für die Opfer des Völkermords an den Christen der syrischen Tradition („Sayfo“) an und gedachten im gemeinsamen Gebet der Märtyrer.

Mar Flavian Mikhael Melki wurde wegen seines Glaubens am 29. August 1915 in Cizre im Zug des vom jungtürkischen „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (das damals die osmanische Regierung stellte) angeordneten Völkermords an syrischen, armenischen und griechischen Christen ermordet. Bischof Melki wurde als erster syrisch-katholischer Märtyrer dieses Genozids zur Ehre der Altäre erhoben. Seine Seligsprechung erfolgte im August des Vorjahrs. Flavian Mikhael Melki stammte aus einer angesehenen syrischen Familie, die bis heute immer wieder bedeutende Bischöfe und Theologen hervorgebracht hat. Er wurde 1858 in Kalaat Mara unweit von Gazarta (heute: Cizre) in Anatolien geboren. Schon in frühen Jahren entschloss sich Melki für den Priesterberuf. 1895 wurde er mit der dramatischen Situation der Christen in Anatolien konfrontiert: Die von ihm geleitete Pfarre wurde bei den von Sultan Abdulhamid II. verantworteten Massakern der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts verwüstet und niedergebrannt, seine Mutter wurde ermordet (der „Großherr, Sultan, Imperator und Schatten Gottes auf Erden“ erhielt damals in der internationalen Öffentlichkeit den Übernamen „grand assassin“, der „große Mörder“). Wenig später wurde Melki zum syrisch-katholischen Bischof der Dschazira mit Sitz in Mardin und Gazarta ernannt, beide damals blühende Städte mit christlicher Bevölkerungsmehrheit. Der Bischof war für seine Nähe zu den Armen berühmt; er lebte selbst in äußerster Armut; um den Bedürftigen helfen zu können, verkaufte er sogar kostbare liturgische Gewänder.

Am 28. August 1915 wurde Bischof Melki – ebenso wie der chaldäisch-katholische Bischof von Mardin, Jaqub Abraham – von osmanischen Sicherheitsleuten festgenommen. Beide Bischöfe wurden von osmanischen Staatspolizisten gefoltert und aufgefordert, zum Islam als dem „wahren Glauben“ zu konvertieren, Melki und Abraham wiesen dieses Ansinnen zurück. Von Bischof Melki ist der Satz überliefert: „Ich verteidige meinen Glauben an Christus bis zum Blut“. Bischof Abraham wurde am 29. August erschossen, Bischof Melki offensichtlich am selben Tag zunächst bewusstlos geschlagen und dann geköpft. Bischof Melki hatte sich im Sommer 1915 in Azakh, einem kleinen Dorf auf heute irakischem Gebiet, aufgehalten. Trotz gegenteiliger Ratschläge muslimischer Freunde entschloss sich der Bischof, nach Gazarta zurückzukehren, als er vom Wüten der „Einheit und Fortschritt“-Funktionäre gegen die Christen hörte, er wollte nicht fliehen. Überliefert ist sein Ausspruch: „Weg gehen - auf keinen Fall. Ich werde mein Blut für meine Schafe geben“.

Die beiden Bischöfe Melki und Abraham teilten das Schicksal des armenisch-katholischen Erzbischofs von Mardin, Ignatius (Choukrallah) Maloyan. Der (bereits im Jahr 2001 selig gesprochene) Märtyrer-Bischof war am 11. Juni 1915 vom osmanischen Polizeipräsidenten von Mardin, dem arabischsprachigen Muslim Mamduh Bey, eigenhändig mit der Dienstpistole erschossen worden. Der auch für Mardin zuständige Vali (Gouverneur) von Amida (Diyarbekir), Resid Bey, ein Arzt, der aus einer aus Russland geflüchteten tscherkessischen Familie stammte, hatte sofort nach den einschlägigen Beschlüssen des „Komitees für Einheit und Fortschritt“ den Plan entwickelt, sein Vilayet zu einer „vollkommen christenfreien Region“ zu machen. Resid Bey bezeichnete die Christen als „Parasiten am osmanischen Volkskörper“, die man vernichten müsse. Nach dem Waffenstillstand 1918 wurde er verhaftet und in Konstantinopel vor ein Kriegsgericht gestellt; durch Selbstmord (er schoß sich in den Mund) entzog er sich der irdischen Gerechtigkeit (wie die Waffe in seine Zelle gelangte, wurde nie geklärt). (ende)