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Franz König

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Der „wackelige“ Waffenstillstand in Aleppo

Der „wackelige“ Waffenstillstand in Aleppo
Franziskanerpater Ibrahim al-Sabbagh berichtet über den Alltag in der nordsyrischen Metropole – „Wir helfen auch den Muslimen“

Damaskus, 16.09.16 (poi) Der Waffenstillstand für Syrien geht in die Verlängerung – doch er bleibt wackelig. „Was wir jetzt machen, ist: Lebensmittel und Medikamente kaufen, um das an die Menschen zu verteilen“, berichtete der Franziskanerpater Ibrahim al-Sabbagh telefonisch aus Aleppo an „Radio Vatikan“. Er ist Pfarrer im Westteil der Stadt, der von den Regierungstruppen kontrolliert wird. P. Ibrahim: „Wir kaufen mit der Hilfe von Spendern, was wir bekommen können, und warten nicht auf humanitäre Hilfen, von denen man ja nicht weiß, ob sie durchkommen oder nicht, und auf deren Basis man keine stabile monatliche Hilfe organisieren kann. Die Menschen brauchen aber eine solche kontinuierliche Hilfe; darum hängen wir von Spendern ab, mit deren Geld wir unsere Einkäufe tätigen“.
Eines der vielen Probleme in Aleppo ist der Wassermangel, berichtet der Franziskaner: „Das hat sich in letzter Zeit etwas verbessert, aber das Wasser, das wir jetzt haben, ist kein Trinkwasser. Es enthält Bakterien, und viele werden dadurch krank. Unsere größte Plage sind aber die Raketen, die den Leuten auf den Kopf fallen, auf die Wohnungen und Straßen (es wird nicht eigens gesagt, dass diese Raketen aus den von ‚prowestlichen‘ Rebellen gehaltenen Vierteln anflogen, Red.). Das können die Menschen nicht mehr ertragen. Viele – auch in unseren Familien – entscheiden sich deswegen, die Stadt oder gar das Land zu verlassen. Die zweite Plage ist die allgemeine Lage der Stadt: Keine Arbeit zu haben bedeutet, dass die Familien keine monatlichen festen Einkünfte haben. Und dadurch wächst immer mehr die Zahl der völlig bedürftigen Familien. Damit einher gehen Depressionen, psychologische Probleme, Verzweiflung“.

Der Pfarrer versucht, sich dem Elend entgegenzustemmen: Er arbeitet, sagt er, in der Regel von acht Uhr morgens bis elf Uhr nachts. Um den Leuten zuzuhören, dringende Probleme zu lösen. „Aber dann ist da noch eine andere Arbeit, die ebenfalls schwierig ist und die ich nachts mache: auf Nachrichten, auf Briefe der Freunde und der Spender zu antworten. Das ist ein sehr langer, sehr ermüdender Tag. Seit Monaten habe ich nie auch nur einen halben Tag frei. Und dann der geistliche, pastorale Dienst, der ja auch für sich schon viel Einsatz fordert. Dazu die humanitäre Hilfe für die Menschen. Aber wir können nicht aufgeben“.

Insgesamt fünf Franziskaner, er selbst eingeschlossen, arbeiten in seiner Pfarrgemeinde in Aleppo, berichtet der Franziskaner: „Aber wir haben immer andere Ordensleute in der Nähe, Jesuiten, Salesianer und verschiedene Schwesterngemeinschaften, die ebenfalls zu helfen versuchen, auch wenn der Hauptort immer die Pfarre bleibt. Wir haben Hunderte von Familien des lateinischen Ritus; insgesamt sind wir Christen hier im Westteil von Aleppo etwa 40.000 Menschen. Dazu muss man allerdings sagen, dass viele von ihnen alte, verlassene Menschen sind, viele Witwen; auch viele kleine Kinder ohne Eltern. Und jeden Moment kann eine Rakete vom Himmel fallen, dann muss man immer sofort handeln: hingehen, die Menschen besuchen, mit ihnen beten, an der Seite derer stehen, die leiden“.

Sein Stadtviertel sei kein rein christliches, betont der Pater, hier hätten immer schon – wie in Syrien üblich - auch viele Muslime gewohnt, vor dem Krieg, und auch jetzt sei das immer noch so. „Hier gibt es Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit. Unter den Christen gibt es auch viele Unterschiede: sie gehören verschiedenen Kirchen an – und unter den Katholiken gibt es Angehörige von Gemeinden unterschiedlicher Riten, lateinischer, syrischer, melkitischer, armenischer, chaldäischer Ritus. Wir haben immer schon so gelebt, und so leben wir auch heute noch in diesem westlichen Stadtteil von Aleppo. Es gibt großen gegenseitigen Respekt und Zusammenarbeit, und wir bemühen uns auch immer, gerade bei den humanitären Hilfen die Hand auch zu den anderen hin auszustrecken, weil unser Herr Jesus uns mit seinem Gebot der Liebe dazu anleitet. Wir helfen auch den Muslimen“.

Es gibt immer noch Raketen

Dass es in Aleppo nach wie vor gefährliche Zwischenfälle gibt, machte P. Ibrahim al-Sabbagh im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ deutlich. Am Donnerstagmorgen sei in seinem Bezirk Azizieh im westlichen Teil von Aleppo eine Rakete explodiert, die zuvor das Dach und ein Gästezimmer des syrisch-katholischen Bischofspalais beschädigt hatte. Zum Glück seien weder der Bischof noch sein Generalvikar oder Gäste im Haus gewesen. Das Palais werde ebenso wie die benachbarte Kathedrale der Aufnahme Mariens in den Himmel seit geraumer Zeit aus den östlichen, von „Rebellen“ gehaltenen Bezirken Aleppos unter Beschuss genommen. Obwohl die Waffenruhe im allgemeinen halte, gebe es immer wieder Gewalt-Episoden, die eine ohnehin eingeschüchterte Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen.

Seit Beginn des Waffenstillstands gebe es eine Situation „relativer Ruhe“, fügte der Guardian des Franziskanerklosters hinzu. Aber diese scheinbare Normalität werde immer wieder durch Raketenangriffe auf Kirchen und Wohnhäuser in Frage gestellt. Diese Angriffe führten dazu, dass weiterhin eine Atmosphäre der „Instabilität und Unsicherheit“ herrsche.

Nach Ansicht des UNO-Sonderbeauftragten für Syrien, des italienischen Diplomaten Staffan de Mistura, hält der am höchsten islamischen Fest – dem dreitägigen Opferfest „Id al-Adha“ – begonnene Waffenstillstand im großen und ganzen. Allerdings werde bei der Verteilung der Hilfsgüter viel Zeit verloren.
P. Ibrahim al-Sabbagh betont, dass es aber das eigentliche Ziel bleiben müsse, einen dauerhaften und nicht auf eine kurze Zeitspanne begrenzten Waffenstillstand zu garantieren. Die Zivilbevölkerung leide nach wie vor, sie müsse den „Preis des Krieges“ bezahlen. Die Wasser- und Stromversorgung in Aleppo sei immer wieder unterbrochen, Lebensmittel und Medikamente seien schwer aufzutreiben, es mangle an Fachärzten.

Der bevorstehende Schulbeginn werde die Eltern wieder vor die schwierige Entscheidung stellen, ob sie ihre Kinder in die Schule schicken wollen oder nicht. Niemand wisse, was nach dem Ende des Waffenstillstands geschehen werde. Vor allem die Eltern sehr kleiner Kinder seien in großer Sorge. Obwohl man von einer normalen Situation weit entfernt sei, bereiteten sich Direktoren und Lehrpersonal der katholischen Schulen auf die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs vor.

Im Grunde sei die Situation in beiden Teilen Aleppos – dem von der Regierung kontrollierten Westteil mit 1,2 Millionen Einwohnern und dem in der Hand der „Rebellen“ befindlichen Ostteil mit 250.000 Einwohnern - gleich, betonte P. Ibrahim al-Sabbagh. Es gehe um die Bewahrung der Würde der Menschen: „Wir beten für alle, für einen gemeinsamen Frieden“. (ende)