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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Vollversammlung der katholisch-orthodoxen Dialogkommission geht am Donnerstag zu Ende

Orthodoxer Erzbischof Job (Getcha) zitierte das Wort des Papstes Johannes Paul II. von den „beiden Lungenflügeln“ der einen Kirche – Mangelnde Kommuniongemeinschaft zwischen Katholiken und Orthodoxen „ein Skandal und eine Wunde am Leib Christi, die geheilt werden muss“ – Metropolit Hilarion (Alfejew) brachte bei unterschiedlichen Gelegenheiten die Auseinandersetzung mit den Unierten in der Ukraine zur Sprache

Rom, 20.09.16 (poi) Die 14. Vollversammlung der Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen katholischer und orthodoxer Kirche in Francavilla al Mare (Erzdiözese Chieti in Mittelitalien) geht am Donnerstag zu Ende. Das Ergebnis wird mit Spannung erwartet. Mit großer Aufmerksamkeit wurden die Worte des neuen orthodoxen Ko-Vorsitzenden, Erzbischof Job (Getcha), registriert. Schon bei der Eröffnung am Freitag hatte der aus der ukrainischen Emigration in Kanada kommende Erzbischof – Vertreter des Ökumenischen Patriarchats bei der Zentrale des Weltkirchenrats in Genf – Johannes Paul II. zitiert: „Wir sind die beiden Lungenflügel der einen Kirche, wie Papst Johannes Paul II. sagte. Wir arbeiten daran, die Fragen zu vertiefen, die uns trennen, um die Unterschiede zu überwinden. Wenn wir zusammenkommen, erleben wir, dass wir zwei einander sehr nahe Kirchen sind: Deshalb erwarten wir uns nicht nur weiterführende Resultate aus diesem Dialog, sondern setzen auch große Hoffnungen darauf“.

Am Sonntag hielt Erzbischof Job bei der Göttlichen Litugie der orthodoxen Kommissionsmitglieder im katholischen Heiligtum von Manoppello – wo das im Johannes-Evangelium erwähnte Schweißtuch Christi („soudarion“) verehrt wird - die Predigt. Wörtlich sagte der orthodoxe Erzbischof: „Wenn wir diese heilige Reliquie der Passion und Auferstehung Christi verehren, die Ost und West vereint, sind wir eingeladen, Christus zu begegnen, indem wir seine treuen Jünger sind, uns selbst verleugnen, unser Kreuz auf uns nehmen und ihm folgen“. Dass die getrennten Christen in der Liturgie nicht den selben Kelch teilen können, sei „ein Skandal und eine Wunde am Leib Christi, die geheilt werden muss“.

In dieser Hinsicht sei die am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils im Dezember 1965 proklamierte Nichtigerklärung der Exkommunikation von 1054 zwischen den Kirchen von Rom und Konstantinopel ein „wichtiger und bedeutsamer“ Schritt. Seither befänden sich die beiden Kirchen in der Situation wie vor 1054. Der damals erfolgte Bruch der Gemeinschaft (communio) müsse durch den 1980 aufgenommenen theologischen Dialog der beiden Kirchen überwunden werden. Dieser Dialog habe das Ziel der „Wiederherstellung der vollen Einheit“ der beiden Schwesterkirchen. Es gehe darum, Individualismus, Egoismus und Egozentrismus zu überwinden, die nach Ansicht großer Theologen das „größte Problem und die größte Gefahr“ im kirchlichen Leben darstellen.

Absage an die Anti-Ökumeniker

Erzbischof Getcha zitierte in diesem Zusammenhang die Erklärung des Panorthodoxen Konzils auf Kreta: „Die orthodoxe Kirche, die unaufhörlich ‚für die Einheit aller‘ betet, hat stets den Dialog mit jenen gepflegt, die von ihr entfremdet sind…Sie hat eine führende Rolle in der heutigen Suche nach Mitteln und Wegen zur Wiederherstellung der Einheit derer gesucht, die an Christus glauben…Die gegenwärtigen bilateralen theologischen Dialoge der orthodoxen Kirche und ihre Teilnahme an der Ökumenischen Bewegung beruhen auf diesem Selbstbewusstsein der Orthodoxie und ihren ökumenischen Geist – mit dem Ziel der Suche nach der Einheit aller Christen auf der Grundlage der Wahrheit des Glaubens und der Tradition der alten Kirche der sieben Ökumenischen Konzilien (des ersten Jahrtausends)“. Der Abgesandte des Ökumenischen Patriarchats fügte ein weiteres Zitat aus Kreta hinzu, das eine unverhohlene Absage an alle anti-ökumenischen Aktivitäten beinhaltet: „Die orthodoxe Kirche betrachtet alle Bestrebungen, die Einheit der Kirche zu brechen, wie sie von Einzelpersonen oder Gruppen unter dem Vorwand des Erhalts oder der angeblichen Verteidigung der wahren Orthodoxie unternommen werden, als verwerflich“. Im Geist dieser Erklärungen des Panorthodoxen Konzils seien die orthodoxen Mitglieder der Internationalen Dialogkommission mit den katholischen Brüdern und Schwestern nach Chieti gekommen, um am gemeinsamen Verständnis von Synodalität und Primat – „einer der schwierigsten Fragen in der Beziehung der beiden Schwesterkirchen“ – zu arbeiten.

Die Göttliche Liturgie am Sonntag war die erste orthodoxe Liturgie im Heiligtum von Manoppello. In Manoppello wird jenes Bild auf Byssus-Seide verehrt, dessen Entstehung ungeklärt ist, auch unter dem Elektronenmikroskop konnten keine Spuren von Malerei entdeckt werden. In der Tradition gilt das „Volto Santo“ (Heiliges Antlitz) als „nicht von Menschenhand gemachtes“ Abbild Jesu. Die in Manoppello lebende deutsche Ordensfrau Blandine Schlömer hat das „Volto Santo“ mit dem Antlitz auf dem Turiner Leichentuch („Santa Sindone“) verglichen und völlige Übereinstimmung nachgewiesen. Der Herausgeber des Magazins „Inside the Vatican“, Robert Moynihan, berichtete, dass am Ende der Göttlichen Liturgie ein in Chieti tätiger orthodoxer Pfarrer mit Tränen in den Augen an die Bischöfe und Theologen beider Kirchen appelliert habe, sich zu „beeilen“ und alle noch bestehenden theologischen Streitfragen zwischen den beiden Kirchen zu lösen, damit es in naher Zukunft und nicht erst „in Jahrhunderten oder Jahrtausenden“ zur vollen Einheit komme.

Bei der separaten Tagung der orthodoxen Delegation am Freitagvormittag hatte der Leiter der russisch-orthodoxen Delegation, Metropolit Hilarion (Alfejew), auf die Notwendigkeit verwiesen, das Problem der unierten Kirchen (katholische Ostkirchen der byzantinischen Tradition) zu behandeln. Wörtlich sagte der Metropolit: „Die Handlungen der griechisch-katholischen Verantwortlichen in der Ukraine und ihre aggressive Rhetorik gegen die orthodoxe Kirche zeigen, dass die Unierten-Frage eine offene Wunde am Leib der Christenheit und der größte Stolperstein im orthodox-katholischen Dialog bleibt“.

Am Montag, 19. September, traf Metropolit Hilarion zu einem Gespräch mit Kardinal Kurt Koch, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, zusammen. Dabei ging es um die Entwicklung der bilateralen Beziehungen seit dem Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill am 12. Februar in Havanna. Der Metropolit betonte dabei die positive Dynamik dieser Beziehungen, unterstrich aber auch im Gespräch mit Kardinal Koch seine „tiefe Sorge“ über die „feindseligen Erklärungen und Handlungen von Spitzenvertretern der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche“ gegenüber dem Moskauer Patriarchats und der autonomen ukrainisch-orthodoxen Kirche.

Beide Seiten hoben die fruchtbare Entwicklung der Beziehungen zwischen russisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirche im Bereich der Kultur hervor. Vor allem im Studenten- und Professorenaustausch zwischen Moskau und Rom habe es große Fortschritte gegeben. Solche Austauschprogramme sollen in Zukunft alljährlich stattfinden.

Aus den Berichten aus Chieti geht hervor, dass die bulgarisch-orthodoxe Kirche als einzige der autokephalen Kirchen keine Vertreter zur 14. Vollversammlung der Dialogkommission entsandt hatte. Allerdings war die bulgarische Kirche bereits bei den letzten Vollversammlungen in Paphos, Wien und Amman nicht vertreten gewesen. Ökumenische Beobachter bezeichneten es aber als bemerkenswert, dass drei der autokephalen Kirchen, die beim Panorthodoxen Konzil auf Kreta nicht vertreten waren – nämlich die Kirchen von Moskau, Antiochien und Georgien – in Chieti wieder mit an Bord waren.

In der regionalen Öffentlichkeit der Abruzzen fand die gemeinsame Pilgerfahrt der internationalen Dialogkommission am Sonntag zur Kirche Santa Maria Maggiore in Vasto, wo ein Teil der Dornenkrone Jesu verehrt wird, große Beachtung. Erzbischof Bruno Forte, der Gastgeber der 14. Vollversammlung, lud die in Vasto versammelten Gläubigen ein, die Arbeit der Dialogkommission im Gebet zu begleiten, damit „jene Einheit verwirklicht wird, die nicht Uniformität, sondern Gemeinschaft in der Verschiedenheit ist“. Von Santa Maria Maggiore zogen die katholischen und orthodoxen Bischöfe und Theologen bei strömendem Regen in Prozession zur Konkathedrale San Giuseppe, wo vor dem Triptychon der Madonna der Barmherzigkeit gebetet wurde. Dompfarrer don Gianfranco Travaglini verwies darauf, dass das Triptychon ein Werk des albanischen Malers Michele Greco aus Valona (Vlora) ist, der als eines der kreativsten Talente der Renaissance-Malerei gilt. Die Präsenz des Werks des albanischen Malers sei ein Hinweis darauf, dass Vasto ein Beispiel für die ständige Verbindung von Ost und West über das Adriatische Meer hinweg sei. Nach der osmanischen Eroberung Albaniens hätten sich große Gruppen albanischer Flüchtlinge in den Abruzzen angesiedelt. Auch heute gebe es noch Dörfer in der Umgebung von Vasto, die die albanische Sprache und das albanische Brauchtum bewahrt hätten. (forts mgl)