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Franz König

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„Aleppo wird heimgesucht von Bomben und von Lügen“

Griechisch-katholischer Erzbischof der nordsyrischen Metropole geht scharf mit den Weltmächten ins Gericht – „Man hat uns Frieden und Waffenstillstand versprochen: Alles Lügen“

Aleppo, 23.09.16 (poi) Aleppo wird heimgesucht von „Bomben und Lügen“: Der griechisch-katholische melkitische Erzbischof der nordsyrischen Metropole, Jean-Clement Jeanbart, machte am Freitag in einem Telefoninterview mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR seinem Herzen Luft. „Wir leben unter der ständigen Bedrohung durch Bomben und Raketen“, sagte der Erzbischof. Die Menschen könnten – vor allem im von Regierungstruppen kontrollierten Westen der Stadt - keine Nacht ruhig schlafen, weil immer wieder aus dem Ostteil abgefeuerte Granaten explodieren.
„Man hat uns Frieden, zumindest Waffenstillstand versprochen. Aber nichts hat sich bewahrheitet, alles Lügen, Lügen, Lügen“, so der erzürnte Erzbischof. Er ist skeptisch gegen alle in Umlauf gesetzten Versionen über die beiden dramatischen Ereignisse des 17. September (Luftangriff der westlichen Koalition auf syrische Regierungstruppen bei Der-ez-Zor) und des 20. September (Angriff auf eine LKW-Kolonne des Roten Kreuzes mit humanitären Hilfslieferungen in Uram-al-Kubra). Jean-Clement Jeanbart stellt sich die Frage, wieso das US-Militär nicht über die Position der syrischen Truppen in Der-ez-Zor Bescheid wusste und wer Kenntnis über die Route des Rot-Kreuz-Transports hatte. Schmerzliche Bilanz des Erzbischofs: „Das einzige, was sicher ist: Unsere Leute werden zwei Mal getroffen, von den Geschossen und von der Propaganda der Beteiligten, alles Lügen“.

In Aleppo würden die Lebensbedingungen immer schwieriger, so Jeanbart. Es gebe wenig Wasser, vor allem fehle es an Strom. Man sei auf Generatoren angewiesen. Aber weil die wenigsten Leute noch Arbeit hätten, gebe es viel zu wenig Geld, um Diesel zum Betrieb der Generatoren zu kaufen. Die Preise für Lebensmittel und Medikamente seien enorm gestiegen. Er sei voll Zorn, wenn er daran denke, dass Syrien vor 2011 so viele Medikamente produziert habe, betonte der Erzbischof: „Die Kriegshandlungen haben die ganze pharmazeutische Industrie unseres Landes zerstört“. Viele dieser Fabriken hätten sich im Ostteil von Aleppo befunden, der heute in der Hand der Rebellen sei.

Bittere Schlussbemerkung des griechisch-katholischen Erzbischofs: „Angesichts all dieser Zerstörung wissen wir nicht, was war sagen oder denken sollen. Die Syrer wollen nur Dialog und Frieden. Aber das wollen die großen Staaten nicht, die hinter unserem Rücken unser Land und unsere Gesellschaft zerstören. Die sind nur interessiert an Erdöl, Erdgas, Wasser, Territorium, um ihre Macht und ihren Einfluss zu vermehren, vor allem die Amerikaner und die Russen. Wir zahlen für den Egoismus der großen Staaten, die noch dazu behaupten,. christlich zu sein“. (ende)