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Franz König

Pro Oriente

Libanon: Maronitischer Patriarch verstärkt den Druck

Kardinal Rai intensiviert bei kirchlichen Anlässen die Kritik an den Politikern, die seit mehr als zwei Jahren die Wahl eines Präsidenten verhindern und damit den Staat „untergraben“

Beirut, 22.09.16 (poi) Der maronitische Patriarch von Antiochien, Kardinal Bechara Boutros Rai, hat in jüngster Zeit mehrfach kirchliche Anlässe genützt, um seine scharfe Kritik an der libanesischen Politik, insbesondere an der systematischen Verhinderung der Wahl eines neuen Präsidenten (der gemäß dem „Pacte national“ von 1943 ein maronitischer Christ sein muss) zu artikulieren. Bei der 50-Jahr-Feier der Schwestern vom Heiligen Sakrament in Jbeil (Byblos) sprach der Patriarch davon, dass jene Politiker, die seit mehr als zwei Jahren die Präsidentenwahl blockieren, den Staat „untergraben“ wollen. Bei der Messfeier – bei der u.a. die Vertriebenen-Ministerin Alice Chaptini, der Schweizer Botschafter Francois Barras und viele Politiker anwesend waren – erinnerte Kardinal Rai daran, dass Politiker – ebenso wie es Jesus Christus getan habe – dazu berufen seien, zu dienen und nicht, sich dienen zu lassen. Die Macht dürfe niemals ein „Instrument des Despotismus“ oder ein „Werkzeug zur Verwirklichung persönlicher oder konfessioneller Interessen“ werden. Durch die Blockade der Präsidentenwahl seit dem Frühjahr 2014 hätten die Politiker das öffentliche Leben im Libanon gelähmt, die Ausbreitung von Chaos und Korruption, aber auch die Verarmung des Volkes gefördert. Das habe zur Verstärkung der Emigrationsbewegung gerade unter der „Elite der aktiven Kräfte“ geführt. Zugleich übte der maronitische Patriarch scharfe Kritik an den Welt- und Regionalmächten, die Kriege und Konflikte „in Palästina, im Irak, in Syrien und im Jemen“ anheizen und zu wenig tun, um einen „gerechten und dauerhaften Frieden im Nahen Osten“ zu schaffen.

Am Sonntag hatte Kardinal Rai in Becharre – dem Geburtsort des berühmten Dichter-Philosophen Khalil Gibran – bei einer Messfeier aus Anlass der Heiligsprechung von Mutter Teresa die Mitglieder der „politischen Klasse“ im Libanon aufgefordert, „ihren Egoismus und ihre persönlichen und kollektiven Interessen, ihre Abhängigkeit von ausländischen Machthabern“ zu überwinden, um „das Vaterland zu retten und einen Präsidenten der Republik“ zu wählen. An die Adresse der Politiker sagte der Patriarch: „Durch die Blockadepolitik zerstört ihr direkt oder indirekt den Staatsapparat und die Institutionen und damit auch das wirtschaftliche, industrielle und touristische Leben, ihr stürzt die Bevölkerung in die Armut und drängt sie in die Emigration oder die Verzweiflung“. Zugleich appellierte Rai an die Zivilgesellschaft im Libanon, ihre Stimme zu erheben.

Das kleine Kloster der Mutter-Teresa-Schwester in Becharre verdankt seine Existenz dem Willen der Frau und der Schwester eines libanesischen Offiziers, der seinen Dienst immer durch den Einsatz für die Ausgegrenzten und an den Rand Gedrängten ergänzt hatte. Der Offizier war Opfer eines Attentats in der Bekaa-Ebene geworden.

„Heilige Pflicht“

Am Dienstagabend war Kardinal Rai einer der Hauptredner bei einem interreligiösen Friedensgebet, zu dem die Kommission für Gerechtigkeit und Frieden der katholischen Patriarchen- und Bischofskonferenz des Libanons in Übereinstimmung mit dem Assisi-Friedensgebet des Papstes nach Notre Dame d’Harissa nördlich von Beirut eingeladen hatte. Auch dort appellierte der maronitische Patriarch an die Abgeordneten des libanesischen Parlaments, ihrer „heiligen Pflicht“ zu entsprechen und einen neuen Präsidenten zu wählen. Die Versöhnung sei die „höchste Erscheinungsform des Friedens“, betonte der Kardinal, das gelte für das persönliche und familiäre Leben ebenso wie für das gesellschaftliche und politische Leben.

Das interreligiöse Friedensgebet war bewusst nach Notre Dame d’Harissa einberufen worden, um die gemeinsame Verehrung der Madonna durch Christen und Muslime zu unterstreichen. Im Libanon wird diese Gemeinsamkeit besonders betont, seit der 25. März (Mariä Verkündigung) zum Nationalfeiertag erklärt wurde. An der Gestaltung des Friedensgebets nahmen alle Religionsgemeinschaften des Libanons teil. Besonderen Applaus erntete ein muslimischer Chor, der eine Marien-Hymne aus dem volkstümlichen maronitischen Repertoire zu Gehör brachte.

Als Vertreter des sunnitischen Islam bezeichnete Scheich Mohammed Nokkari, der frühere Direktor des „Dar-al-Fatwa“ in Beirut, die im angeblichen Namen des Islam verübten Terrorakte als „Zeichen der Endzeit“. Freilich müsse man sich auch an der Botschaft der Hoffnung orientieren, die Christen und Muslimen gemeinsam sei. Der schiitische Mufti, Scheich Ahmad Abd-el-Amir Kabalan, bedauerte, dass die Libanesen nach wie vor „Geiseln der Politiker“ seien. Der alaoutische Scheich Mohammad Dayeh bezeichnete das vom Terrorismus unter dem Deckmantel des Islam verbreitete „Netz der Zwietracht“ als „satanisch“. (ende)