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Franz König

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Jesuit in Aleppo: „Die Menschen leben in totaler Unsicherheit“

Die Bewohner der einstigen syrischen Wirtschaftsmetropole können das Spiel der internationalen Mächte auf dem Rücken der schuldlosen Opfer nicht nachvollziehen

Aleppo, 26.09.16 (poi) In Aleppo herrscht in der Zivilbevölkerung ein „verbreitetes Gefühl des Unverständnisses“, die Leute könnten das Spiel der internationalen Mächte auf dem Rücken der schuldlosen Opfer nicht nachvollziehen, sagte der Jesuit P. Sami Hallak am Montag in einem Telefongespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“. In der einstigen Wirtschaftsmetropole Syriens lebe man in „totaler Unsicherheit“, niemand könne sich die Zukunft der Stadt und des ganzen Landes vorstellen, betonte der Jesuit, der in Aleppo für den „Jesuit Refugee Service“ (JRS) arbeitet.
Im vergangenen Februar hatte der Jesuit ein „Tagebuch der Krise“ veröffentlicht, in dem er minutiös die Schwierigkeiten der Bevölkerung – vom Wassermangel bis zu den Bombardements – schilderte. Zugleich würdigte er damals den „unzerstörbaren Glauben der Christen“ der Stadt, den er als ein „Wunder“ bezeichnete, das stärker sei als der Krieg. Jetzt ist P. Hallak -.wie viele seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger – enttäuscht. Der am islamischen Opferfest (Id-al-Adha) in Kraft getretene Waffenstillstand habe nicht gehalten. „Wir hören die Erklärungen der verschiedenen internationalen Führungspersönlichkeiten“, so der Jesuit: „Aber jeden Tag gibt es ein neues Programm, einen anderen Plan für unsere Stadt. Wir warten, aber es herrscht große Verwirrung. Die Last der Ungewissheit ist immer schwerer zu ertragen“. Aber auch wenn der Friede noch in weiter Ferne scheine, werde die Hoffnung aufrecht erhalten. Alle, die in Aleppo geblieben sind, seien hier, um „zur Wiedergeburt der Stadt beitragen zu können“.

Fünf Jahre nach Beginn der Auseinandersetzungen gebe es noch immer keinen Frieden, stellte P. Hallak fest: „Für uns ändert sich nichts, die dramatische Krise geht weiter, angefangen vom Mangel an Trinkwasser und elektrischem Strom, an Nahrungsmitteln und Medikamenten“. Die Armut nehme zu, die Arbeitslosigkeit, vor allem unter der Jugend, mache die Situation noch schlimmer.

Im westlichen Teil Aleppos, der von der Regierung kontrolliert wird, gehe das Leben relativ normal weiter, berichtete der Jesuit. Man höre keine niedergehenden Raketen und Geschosse mehr, die Situation sei relativ ruhig. Im östlichen Teil, der sich in der Hand der Rebellen befindet, fänden dagegen heftige Kämpfe statt, „dort tobt der Krieg“, man höre Bomben und Explosionen.

In diesem „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ bedeute für die Christen das Wort Barmherzigkeit, an den Leiden Anteil zu nehmen, die „dieses Volk, dieses Land“ betreffen, und einen Beitrag zu leisten, damit es wieder leben kann, unterstrich der Jesuit. Barmherzigkeit bedeute, den Leidenden nahe zu sein, zur Unterstützung im humanitären Bereich und zur psychologischen Hilfe beizutragen. P. Hallak: „Wir müssen die tiefen Wunden des Krieges heilen, die Zukunft aufbauen, wir sind hier, weil wir eine Aufgabe inmitten dieser Menschen haben, die immer tiefer in Schwierigkeiten stecken“. (ende)