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Franz König

Pro Oriente

Moskauer Patriarch absolviert offiziellen Pastoralbesuch in Großbritannien

Anlass ist das 300-Jahr-Gedenken der Präsenz der russisch-orthodoxen Kirche in London – Metropolit Hilarion hofft auf Stärkung des „gegenseitigen Vertrauens zwischen dem dem britischen und dem russischen Volk“ – Starke Akzente im Sinn des ökumenischen Miteinanders mit der anglikanischen Kirche – Gleichzeitig hält sich auch der serbische Patriarch Irinej in Großbritannien auf – Bewegende Predigt von Patriarch Irinej in der Paulskathedrale in Erinnerung an den Appell des später heilig gesprochenen serbischen Mönchs und Bischofs Nikolaj Velimirovic am St. Veits-Tag des Jahres 1916

London, 16.10.16 (poi) Im Zeichen des ökumenischen Miteinanders mit der anglikanischen Kirche trotz aller Spannungen absolviert der Moskauer Patriarch Kyrill I. derzeit einen offiziellen Pastoralbesuch in Großbritannien. Anlass des Pastoralbesuchs ist das 300-Jahr-Gedenken der Präsenz der russisch-orthodoxen Kirche in London, wo 1716 auf Anordnung von Peter dem Großen eine Botschaftskapelle eingerichtet worden war. Zentrales Ereignis des Besuchs von Patriarch Kyrill I. war am Sonntag die neuerliche Weihe der russisch-orthodoxen Kathedrale der „Entschlafung der Gottesmutter“ in London nach Abschluss der umfangreichen Restaurierungsarbeiten. Am Montag wird der Patriarch Königin Elizabeth II. im Buckingham Palace und dem anglikanischen Primas, Erzbischof Justin Welby, in dessen Residenz Lambeth Palace Besuche abstatten. Patriarch Kyrill hatte – damals noch als Metropolit von Smolensk und Königsberg und Leiter des Außenamts des Patriarchats – bereits einmal, im Jahr 2006, Großbritannien besucht. Am Dienstag ist die Weiterreise des Patriarchen nach Paris zur Weihe der neuen russisch-orthodoxen Kathedrale am Ufer der Seine vorgesehen.

Der Moskauer Patriarch war am Samstag in London eingetroffen, wo er von Erzbischof Jelisej (Ganaba), dem Leiter der Eparchie Sourozh, begrüßt wurde. Die im Jahr 1962 begründete Eparchie ist für die russisch-orthodoxe Seelsorge auf den Britischen Inseln zuständig. Am Samstagabend war der Patriarch beim abendlichen Vespergottesdienst in der Kathedrale der russischen Auslandskirche (ROCOR) in Chiswick anwesend, wo er von Erzbischof Mark (Arndt), dem Leiter der für Deutschland und Großbritannien zuständigen ROCOR-Eparchie, herzlich begrüßt wurde. Die Auslandskirche ist seit 2007 wieder in voller Kirchengemeinschaft mit dem Moskauer Patriarchat.

Besondere Beachtung fand, dass der Patriarch auch einen neuen Grabstein für Metropolit Anthony (Bloom) segnete. Metropolit Anthony (1914-2003) war einer der interessantesten und bedeutendsten orthodoxen Bischöfe des 20. Jahrhunderts. Er baute die Eparchie Sourozh auf und zählte zu den großen spirituellen Schriftstellern in englischer Sprache. Er stammte aus einer Familie, die wegen der Revolution zunächst in den Iran und dann nach Frankreich geflüchtet war. Der spätere Metropolit studierte in Paris Medizin, praktizierte in Frankreich als Arzt und war in der französischen Armee und in der Resistance aktiv. Bereits 1939 – bevor er an die französisch-deutsche Grenze abkommandiert wurde – legte er geheim die Mönchsgelübde ab. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst weiter als Arzt, 1948 wurde er zum Priester geweiht und war ab da nur mehr seelsorglich tätig.

Patriarch Kyrill nahm auch an einer Festsitzung der British Royal Geographic Society teil, wo eine Foto-Ausstellung über die Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche auf den Britischen Inseln und die Pastoralreisen des Patriarchen eröffnet wurde.

Unfreundlicher „Times“-Leitartikel

Unmittelbar vor dem Besuch des Patriarchen war am 8. Oktober in der Londoner „Times“ unter dem Titel „Von Blut roter Teppich“ ein überaus unfreundlicher Leitartikel erschienen, in dem es u.a. wörtlich hieß: „Kyrill führt eine Kirche, die nicht nur ein Bollwerk der schlechten Regierung von Herrn Putin ist, sondern in den 70 Jahren der Sowjet-Ära so eng mit dem KGB verbunden war, dass kein Priester ohne dessen Zustimmung befördert werden konnte“. In dem Leitartikel wurde insbesondere Anstoß an der Begegnung der Königin mit dem Patriarchen genommen. Protokollarische Erwägungen würden sich dabei als „trojanisches Pferd der Propaganda“ erweisen. Ein Bild der Königin mit einem der engsten Verbündeten Putins würde eine Annäherung suggerieren, die keine Basis in der Wirklichkeit hat.

Trotzdem stellte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), in einem Interview mit „RIA Nowosti“ fest, er sei sicher, dass der Besuch des Patriarchen, die Liturgien und die Begegnungen mit Gläubigen und Repräsentanten der anglikanischen Kirche von England sowie mit dem allgemeinen Publikum das „gegenseitige Vertrauen zwischen dem britischen und dem russischen Volk stärken“ werden. Die Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien seien in den letzten Jahren „schwierig“ gewesen, sagte der Metropolit und fügte hinzu: „In der Geschichte gab es aber auch Perioden der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, etwa im Zweiten Weltkrieg. Vergangenheit und Gegenwart ermutigen uns, für eine Annäherung zwischen dem russischen und dem britischen Volk einzutreten, die sich auch auf die offiziellen Kontakte auswirken muss“. Zwischen der russisch-orthodoxen und der anglikanischen Kirche gebe es seit dem 16. Jahrhundert enge Beziehungen, die sich vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr gut entwickelt hätten. Metropolit Hilarion erinnerte in diesem Zusammenhang an den Besuch des anglikanischen Erzbischofs von York, Cyril Garbett, der unmittelbar nach der Wahl von Patriarch Sergij auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs nach Moskau kam. Außerdem hob er die „herzlichen Gefühle“ des Thronfolgers, Prinz Charles, für die orthodoxe Kirche hervor.

Auf die Spannungen innerhalb der Anglican Communion ging Metropolit Hilarion nur kurz ein. Die russisch-orthodoxe Kirche betrachte diese Vorgänge – zB die Bestrebungen zur „Liberalisierung“ der christlichen Moral - „mit Sorge“. Dabei unterstütze man die Position jener anglikanischen Repräsentanten, die „auf dem Boden der Normen des Evangeliums“ stehen.

Ein von Metropolit Hilarion erstellter Film über „Die Orthodoxie auf den britischen Inseln“ wurde bereits am 12. Oktober in London präsentiert. In dem Film – dessen Regisseur Walerij Schechowtsow war – wird die orthodoxe Gegenwart in Großbritannien, aber auch das Leben der ungeteilten Christenheit auf den Inseln vor der Kirchenspaltung geschildert. U.a. kommen Erzbischof Jelisej, Erzbischof Mark, aber auch der in Oxford residierende Metropolit Kallistos (Ware), der zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel gehört, zu Wort.

Innnige Verbindung zwischen Serbien und Großbritannien

Fast gleichzeitig mit Patriarch Kyrill stattete auch der serbische Patriarch Irinej auf Einladung von Erzbischof Justin Welby von 12. bis 18. Oktober Großbritannien einen offiziellen Besuch ab. Anlass dieses Besuchs war das 100-Jahr-Gedenken an die aufsehenerregende Predigt des jungen serbisch-orthodoxen Priestermönchs Nikolaj Velimirovic am 28. Juni 1916 (dem St. Veits-Tag jenes Kriegsjahres) in der Londoner Paulskathedrale. Es war das erste Mal gewesen, dass ein nichtanglikanischer Kleriker in der Kathedrale das Wort ergreifen konnte. Nikolaj Velimirovic (1881-1956) wurde später Bischof von Zica und von Ohrid, er wurde von den Deutschen im KZ Dachau interniert und kehrte nach 1945 nicht nach Jugoslawien zurück, sondern baute die serbisch-orthodoxe Kirche in den USA auf. 2003 wurde er von der serbischen Kirche heilig gesprochen. In der mitteleuropäischen Perspektive wurde er oft als „Nationalist“ gesehen.

Patriarch Irinej unterstrich am Freitag in der Paulskathedrale beim Vespergottesdienst („evensong“) – in Anwesenheit von Erzbischof Justin und zahlreicher anglikanischer Bischöfe – die innige Verbindung zwischen Serbien und Großbritannien im Ersten Weltkrieg und im Zweiten Weltkrieg. Im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg hob er den Einsatz der schottischen Krankenschwestern in Serbien hervor, aber auch die Sorge anglikanischer Geistlicher für evakuierte serbische Kinder und Jugendliche, die in Großbritannien ihre Ausbildung fortsetzen konnten. Er verwies aber auch auf das gemeinsame Schicksal im Kampf gegen Übel und Zerstörung: Im April 1941 habe die NS-deutsche Luftwaffe bei der Bombardierung der Christi-Himmelfahrt-Kirche in Belgrad hunderte Gläubige getötet, sechs Monate zuvor sei auch die Paulskathedrale bombardiert worden, was u.a. zur Zerstörung des Hochaltars führte. Die Verbundenheit dauere bis heute an, führte der Patriarch aus und verwies auf den großherzigen Einsatz des spirituell stark von Nikolaj Velimirovic beeinflussten, in Coventry residierenden anglikanischen Bischofs von Warwick, John Stroyan, für die serbischen Flutopfer im Mai 2014.

Heute müssten sich die Kirchen gemeinsam der Zukunft stellen, so Patriarch Irinej. Es gehe um „selbstloses Geben“, um „Gebet in der Wahrheit“ für die ganze Welt, auch angesichts der Herausforderungen einer „zunehmend post-christlichen, wenn nicht gar anti-christlichen Kultur“, um den Dienst an allen Menschen ohne Unterscheidung von Hautfarbe, Volk, Geschlecht, gesellschaftlicher Position. Wörtlich sagte der Patriarch: „Wir müssen für die Hungernden und Heimatlosen Nahrung und Obdach beschaffen, die an den Rand Gedrängten beschützen und uns für das wichtige Werk der Versöhnung einsetzen“.

Plädoyer für Versöhnung

Ausführlich ging das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche auf die Situation im Kosovo und der Metochie ein, diese Situation im spirituellen Herzland der Serben sei „unsere größte Wunde“. Der Patriarch lud zum Gebet dafür ein, dass die Christen im Kosovo – „und anderswo“ – frei und ohne Furcht Gottesdienst feiern können. In diesem Zusammenhang erinnerte er an die berühmte Marienkirche (Bogorodica Ljeviska) aus dem 14. Jahrhundert in Prizren, die beim antiserbischen Pogrom 2004 schwer beschädigt wurde, aber auch an den Märtyrer-Mönch Chariton aus Crna Reka, der im Juni 1999 von Bewaffneten entführt und geköpft wurde, als er Brot für die im Bischofshaus untergebrachten Vertriebenen besorgen wollte. Trotzdem gebe es in der Hand Gottes für beide Nationen im Kosovo und in der Metochie Platz, für die heute zumeist vertriebenen Serben und für die Albaner.

Serbien sei eine kleine Nation ohne große weltliche Macht, erinnerte der Patriarch. Aber die Besten des Volkes versuchten, Christus und den Heiligen nachzufolgen. Sie machten sich das Wort des Heiligen Nikolaj Velimirovic zu eigen, dass „Orthodoxie jenseits von Ost und West“ zu finden sei. Denn wer Christus nachfolgen wolle, überwinde die lokalen Grenzen und suche auf universaler Ebene Sinn, Liebe und Gerechtigkeit. Trotz Verletzung und Misstrauen nach Versöhnung zu streben, sei der beste Weg nach vorn, „im Einsatz für die Einheit mit den Brüdern und Schwestern im christlichen Glauben wie auch für Frieden und Verständigung mit den Menschen anderer religiöser, ethnischer oder soziopolitischer Zugehörigkeit“. Für die Erreichung dieser Ziele bitte er die anglikanischen Christen um „ihre Hilfe, ihre Weisheit und ihr Verständnis“.

Besondere Hochachtung zollte Patriarch Irinej dem anglikanischen Primas, der die brennenden Fragen der modernen Existenz gewissenhaft aufgreife, Gebet und praktische Theologie liebe und mit „ruhiger Weisheit“ eine so komplexe Gemeinschaft wie die weltweite Anglican Communion zusammenhalte. Sein Engagement für den anglikanisch-orthodoxen Dialog sei eine Inspiration für alle.

Bereits am 13. Oktober war der serbische Patriarch im Lambeth Palace Gast des Erzbischofs von Canterbury. In seiner Begrüßungsansprache verwiese der anglikanische Erzbischof auf die Worte des jungen Nikolaj Velimirovic am 28. Juni 1916 in der Paulskathedrale, als er – auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs – davon sprach, dass er aus der „Mitternacht Europas“ komme, wo alles Licht vergangen sei, das serbische Volk aber trotz seiner Schwäche voll Hoffnung auf die Morgenröte harre. Auch heute finde sich Serbien an der Grenze Europas, mit zehntausenden aus ihren Wohnstätten vertriebenen Menschen, so der anglikanische Primas. Wie in der Vergangenheit habe Europa dieser Herausforderung nicht in geeinter Weise entsprochen, Serbien habe eine große Bürde zu tragen. Und doch gebe es mehr Licht als vor hundert Jahren. Denn das versöhnende Licht Christi habe in den letzten Jahrzehnten Europa erleuchtet. Erzbischof Justin würdigte den Einsatz des Patriarchen für Frieden und Stabilität, aber auch für die Katechese, für das Glaubenswissen, das Gebet und die Gemeinschaft.

Auch bei der Begegnung im Lambeth Palace erinnerte Patriarch Irinej an die dramatischen Ereignisse des Ersten Weltkriegs, als britische Ärzte und Krankenschwestern nach Serbien kamen. Einige von ihnen seien den feindlichen österreichisch-ungarischen Armeen zum Opfer gefallen, viele aber vor allem dem Typhus. Dieser Einsatz habe Serben und Briten für immer verbunden. Den Serben sei auch die Haltung Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg bewusst, als Regierung und Königshaus in London Zuflucht fanden. Es sei für die Serben dann eine „große Überraschung“ gewesen, dass sich Großbritannien in den 1990er Jahren anderen Nationen in der Bombenkampagne gegen Serbien angeschlossen habe, die „so viel Leid über das Land brachte“. Aber es bestehe die Hoffnung, dass diese „Wolke“ bald verschwinden werde.

In der heutigen Welt voll Konfusion und Unruhe hätten die Kirchen die große Aufgabe, in die Beziehungen der Staaten und Völker einen neuen Geist in Treue zur Botschaft Christi zu tragen, so der Patriarch. Deshalb müssten Wege zum engeren Miteinander der Kirchen gesucht werden, indem man das beiseitelasse, was trennt und das Gemeinsame in den Vordergrund stelle. Es gebe viel Gemeinsames zwischen Anglikanern und Orthodoxen, aber auch mit den römischen Katholiken und mit den Protestanten.
I
m Anschluss an die offiziellen Begrüßungen hielten die beiden Delegationen eine Arbeitssitzung ab, wobei es vor allem um das spirituelle Leben in beiden Kirchen, um die Jugendarbeit, um die Sorge für die Flüchtlinge, um die Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung und um die Rolle der Familie als Ort der Glaubenserfahrung nach dem Kollaps des Kommunismus ging.

Am Samstag feierte der serbische Patriarch die Göttliche Liturgie in der Kirche St. Sava in London, am Sonntag in der Kirche St. Lazar in Birmingham. Am Samstag war der Patriarch auch Gast eines Benefiz-Konzerts in Richmond. (ende)