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Franz König

Pro Oriente

Kardinal Schönborn besucht die koptische Kirche

Ägypten-Besuch des Wiener Erzbischofs von 21. bis 26. Oktober – Gedenken an die koptischen Märtyrer in Libyen, Besuch in den Klöstern und Begegnung mit den koptischen „Müll-Menschen“ auf dem Muqattam in Kairo

Wien-Kairo, 18.10.16 (poi) Kardinal Christoph Schönborn besucht den koptisch-orthodoxen Papst-Patriarchen Tawadros II. in Ägypten. Der Wiener Erzbischof wird sich mit einer kleinen Delegation von 21. bis 26. Oktober in Ägypten aufhalten. Der Besuch ist Zeichen der Freundschaft und Solidarität zwischen der katholischen Kirche in Österreich und der koptisch-orthodoxen Kirche. Tawadros II. ist ein Freund Österreichs. Er war bereits vor seiner Wahl zum Patriarchen bei der Eröffnung des „Pope Shenouda College“ im September 2012 in Wien. Damals betonte er die theologische Tradition der koptischen Kirche. Alexandrien sei in der Antike das wichtigste Wissenschafts- und Bildungszentrum der Mittelmeerwelt gewesen. In der Auseinandersetzung damit sei in Ägypten das christliche theologische System entstanden, das immer den menschlichen Verstand respektiert habe. Die alexandrinische Schule habe die klassische Philosophie als Mittel zur Erklärung des christlichen Glaubens genützt. Akademische Bildung, Märtyrertum und Mönchtum seien zu den drei Säulen der koptischen Kirche geworden. Zuletzt war Tawadros II. im Juni bei der Übergabe des früher katholischen Gotteshauses „Maria vom Siege“ beim Westbahnhof an die koptische Gemeinde in Wien anwesend. Kardinal Schönborn bezeichnete damals die Präsenz der Kopten in Wien als „ein großes Geschenk“. Die koptischen Christen seien in der Tradition des Heiligen Markus „Zeugen der Treue, des Glaubens, der Nächstenliebe“. Ihr Vertrauen auf Gott gebe ihnen die Kraft und den Mut, solche Zeugen zu sein. Zugleich seien die christlichen Immigranten aus Ägypten innerhalb kurzer Zeit „lebendige Glieder der Gesellschaft in Österreich“ geworden. Tawadros II. dankte seinerseits der katholischen Kirche in Wien mit Kardinal Schönborn an der Spitze für die Liebe, die „den Kopten jeden Tag entgegengebracht wird“.

Der Wiener Erzbischof wird bei seiner Ägypten-Reise von einer kleinen Delegation begleitet; ihr gehören u.a. der für Österreich zuständige koptisch-orthodoxe Bischof Gabriel, der Bischofsvikar für Wien-Stadt, Dariusz Schutzki, der Flüchtlingsreferent Manuel Baghdi sowie die Vorsitzenden der „Pro Oriente“-Sektionen Graz und Salzburg – Peter Piffl-Percevic und Prof. Dietmar W. Winkler – an. Prof. Winkler ist auch Mitglied der offiziellen Kommission für den theologischen Dialog zwischen römisch-katholischer Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen (zu denen auch die koptische Kirche gehört) auf Weltebene. Die Präsenz der beiden „Pro Oriente“-Obleute betont die jahrzehntelange Verbundenheit der Stiftung mit der koptischen Kirche. Der verstorbene koptische Patriarch Schenuda III. hatte – noch als junger Bischof – bei der ersten Wiener „Pro Oriente“-Konsultation mit orientalisch-orthodoxen Theologen 1971 wesentlich zur Entwicklung der „Wiener christologischen Formel“ beigetragen, mit der eine 1.500 Jahre währende Auseinandersetzung beigelegt werden konnte.

Bereits am Freitag wird die österreichische Delegation mit Kardinal Schönborn an der Spitze von Patriarch Tawadros II. in der Markuskathedrale in Kairo empfangen. Der Samstag ist dem Gedenken an die 21 koptischen Arbeitsmigranten gewidmet, die am 15. Februar 2015 in Libyen von IS-Terroristen geköpft wurden, nachdem sie die Aufforderung zur Konversion zum Islam zurückgewiesen hatten. Die 21 getöteten Arbeitsmigranten wurden von der koptischen Kirche als Märtyrer anerkannt, ihr Gedenktag wird jeweils am 15. Februar begangen.

Am Sonntag besucht Kardinal Schönborn mit seiner Delegation zunächst die Markuskathedrale in Alexandrien. Der erste Vorgängerbau der Kathedrale geht auf das Jahr 311 zurück. Im Verlauf der Zeit wurde die Kathedrale immer wieder zerstört und wiederaufgebaut, der letzte Umbau geht auf die Jahre 1985 bis 1990 zurück. Die aus spätrömischer Zeit stammenden sechs Marmorsäulen schmücken seither das Westportal der Kathedrale. Die nächste Station ist das Kloster Mar Mina westlich von Alexandrien. Das heutige Kloster wurde erst ab 1959 auf den Ruinen der einstigen „Stadt des Heiligen Minas“ errichtet, die in der Spätantike eine der wichtigsten christlichen Pilgerstätten des Mittelmeerraums war, aber bei der islamischen Eroberung Ägyptens weitgehend zerstört wurde. Von Mar Mina reisen die österreichischen Pilger in das Kloster Der Anba Bischoi im Wadi Natrun weiter, wo sie neuerlich mit Papst-Patriarch Tawadros II. zusammentreffen werden. Der Anba Bishoi, das „rote Kloster“(wegen der Farbe des Baumaterials), geht auf das 4. Jahrhundert zurück. Es ist eines der berühmtesten Klöster Ägyptens, der Vorgänger von Tawadros II., Patriarch Schenuda III., war dort von Präsident Sadat konfiniert. Tawadros II. selbst hat 1986 in Der Anba Bishoi sein monastisches Leben begonnen.

Von Der Anba Bishoi reist Kardinal Schönborn mit seiner Delegation am Montagnachmittag nach Kairo zurück, wo er – gemeinsam mit Tawadros II. – mit dem koptisch-katholischen (unierten) Patriarchen Ibrahim Isaac Sidrak und den Mitgliedern von dessen Synode zusammentreffen wird. Seit dem Amtsantritt von Tawadros II. herrscht zwischen der koptisch-orthodoxen Kirche und der koptisch-katholischen Minderheitskirche ein Klima wechselseitigen Vertrauens.

Am Dienstag besucht Kardinal Schönborn mit seiner Delegation den Muqattam, ein Steinplateau im Südosten von Kairo, das von der Zitadelle bis nach Helouan reicht. Dort sind die „Zabbaleen“ zuhause, die christlichen Müll-Sammler, die in großer Not leben. Eine belgisch-französische katholische Ordensfrau, Sr. Emmanuelle Cinquin (1908-2008), hat für die „Zabbaleen“ ein großes Sozialwerk ins Leben gerufen, das heute von der koptisch-orthodoxen Ordensfrau Sr. Sarah geleitet wird. Sr. Emmanuelle wurde als „Mutter der Müllmenschen“ bekannt, viele Jahre – von 1971 bis 1993 – lebte sie in der Müllsiedlung Ezbeth-el-Nakhl. Am 26. Oktober kehrt Kardinal Schönborn nach Wien zurück. (ende)