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Franz König

Pro Oriente

Kämpfe um Mosul: Neue Flüchtlingswelle im Irak befürchtet

Die vertriebenen Christen aus der Ninive-Ebene brauchen nach wie vor in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Region, Hilfe – Großer Einsatz der weltweiten päpstlichen Hilfsorganisation „Kirche in Not“

Bagdad-Erbil, 21.10.16 (poi) „Wir erwarten in den nächsten Tagen einen Massenexodus aus Mosul, wenn die Kämpfe weitergehen“: Das berichtete Archimandrit Emanuel Youkhana, ein Priester der Apostolischen Kirche des Ostens, der die Hilfsorganisation "Christian Aid Program North Iraq" (CAPNI) leitet, am Freitag im Gespräch mit dem „Kirche in Not“-Informationsdienst. Auch die Vereinten Nationen rechnen mit einer massiven Fluchtbewegung der Zivilbevölkerung aus Mosul, falls die IS-Terroristen ernsthaften Widerstand gegen die irakische Armee und ihre Verbündeten – die kurdischen „Pesch Merga“ und verschiedene Milizen – leisten sollten. Der Archimandrit verwies auf erste Erfolge der Offensive: „Wir danken Gott, dass die Stadt Karakosch endlich frei ist! Es gab kaum Widerstand der IS-Terroristen und keine größeren Zerstörungen“.

Die 2014 geflüchteten christlichen Einwohner von Karakosch (Baghdida) halten sich nach wie vor zumeist in der Region um Erbil, die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, auf. Von der Zentralregierung in Bagdad erhalten sie wenig bis gar keine Hilfe. Einzig die Kirchen kümmern sich um die traumatisierten Menschen, zum Beispiel im „Self in Need Center“. Sein Ansatz: Zuhören, psychologische und seelsorgliche Hilfe anbieten, Raum zum Trauern und zur Aufarbeitung geben. Viele haben die Flucht körperlich weitgehend unbeschadet überstanden, doch in ihrer Seele sieht es anders aus. Sie haben viel durchgemacht: Frauen, die durch IS-Milizionäre missbraucht und geschlagen wurden; Männer, die im Krieg gekämpft haben, Kinder, die ihre nächsten Angehörigen verloren haben. „Ohne die internationale päpstliche Hilfsorganisation ,Kirche in Not‘ würde es diese Einrichtung nicht geben“, betont der chaldäisch-katholische Erzbischof Bashar Warda. Er organisiert die Hilfsprojekte in Erbil und ist so etwas wie ein „Manager Gottes“ geworden.

Die Liste seiner Erfolge ist lang: Mittlerweile muss in Erbil kein Flüchtling unter freiem Himmel oder im Zelt schlafen. Warda und seine Mitarbeiter haben feste Containersiedlungen errichtet, etwa in Ankawa, einer christlich geprägten Vorstadt von Erbil. 150 Familien sind dort in wetterfesten Wohncontainern untergebracht. Es gibt Toiletten, Duschen, Waschräume. Aus Dankbarkeit wird die Siedlung „Pater-Werenfried-Center“ genannt, in Erinnerung an den Gründer von „Kirche in Not“. Es gibt acht Schulen für christliche Flüchtlingskinder, alle wurden von „Kirche in Not“ in der Region Erbil errichtet. Mehrere tausend Kinder können so in Sicherheit lernen. „Syrien sollte ein warnendes Beispiel sein: Dort können viele Christen seit Jahren ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken“, sagte der geschäftsführende Präsident von „Kirche in Not“, Johannes von Heereman, bei der Einweihung der ersten Schule im Dezember 2014. Teilweise mussten die Schulen schon vor ihrer endgültigen Fertigstellung eröffnet werden – so groß war der Bildungshunger.

Für den leiblichen Hunger stellt Erzbischof Warda in einem Kraftakt mit vielen Freiwilligen Tag für Tag Lebensmittelpakete für die Flüchtlinge zur Verfügung. Das erfordert einen großen logistischen Aufwand. „Aber wir schaffen immer wieder das Unmögliche: 11 000 Familien satt zu bekommen“.

Aber auch an die geistliche Betreuung der Bevölkerung ist gedacht: In einer Brache soll jetzt eine Kirche für die Flüchtlinge gebaut werden, die der syrisch-katholischen Kirche angehören. Die meisten von ihnen kommen aus Karakosch. „Ein eigene Kirche und ein Gemeindezentrum bedeuten für diese Menschen Hoffnung“, sagt der Nahost-Experte von „Kirche in Not“, Andrzej Halemba: „Sie können dadurch nicht nur ihre religiösen Traditionen bewahren, sondern auch ihr Miteinander wieder stärken“. Die Fundamentarbeiten hätten bereits begonnen – nun hoffe man auf weitere großzügige Hilfe, um den Bau voranzubringen: „Das ist eine Dimension der Barmherzigkeit: Den geistlich Heimatlosen eine Zuflucht zu schaffen“.

Papst Franziskus hat mit einer großzügigen Spende ein Projekt von „Kirche in Not“ unterstützt: die St.-Josef-Klinik in Ankawa. Die Klinik behandelt Christen, Muslime, Jesiden, ohne Ausnahme. Ein kleines Team von einheimischen Ärzten und drei Ordensfrauen hält den Betrieb aufrecht. Bis zu 3.000 Patientinnen und Patienten zählt das Krankenhaus jeden Monat. Täglich erhalten dort rund 150 Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck oder Herzkrankheiten kostenlos Medikamente. (ende)