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Franz König

Pro Oriente

Gemeinschaft Sant’Egidio „missbilligt“ UNESCO-Resolution über den Tempelberg

„Jerusalem darf nicht mehr für politische Zwecke instrumentalisiert werden“

Rom-Jerusalem, 20.10.16 (poi) Die Gemeinschaft Sant’Egidio „missbilligt“ die Resolution der Programm-Kommission der UNESCO, in der vom Tempelberg in Jerusalem nur mit der muslimischen Bezeichnung „Haram-esch-Scharif“ (edles Heiligtum) die Rede ist und jede Beziehung der historischen Stätte zum Judentum ausgeklammert wird. Die Wortwahl in der Resolution über „den Schutz des kulturellen Erbes Palästinas und den besonderen Charakter von Ostjerusalem“ widerspreche der Berufung der UNESCO als internationaler Organisation zum Schutz des kulturellen Erbes der Welt und diene „politischen Zwecken“. Der – „trotz der Bedenken von UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova verabschiedete“ – Text leugne die tausendjährige Verbindung des Volkes Israel mit dem Ort, an dem der Erste und der Zweite Tempel stand, heißt es in der Erklärung von Sant’Egidio. Auf diese Weise werde nicht nur die religiöse Sensibilität von Millionen Juden beleidigt, es würden auch unwiderlegbare historische und archäologische Fakten geleugnet, die aber die Heiligkeit des Geländes für die Gläubigen anderer Religionen nicht in Frage stellen. Abschließend heißt es in der Erklärung, Jerusalem – dessen Name „Stadt des Friedens“ bedeute – dürfe nicht mehr für politische Zwecke instrumentalisiert werden, sondern sollte ein Ort der Begegnung und des Miteinanders auf der Grundlage einer erneuerten Suche nach Frieden sein, die auf dem „notwendigen Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen“ basieren müsse.

Das Abstimmungsverhalten einiger westlicher Staaten, die sich bei der Abstimmung über die Resolution der Stimme enthielten, hat verschiedentlich scharfe Kritik ausgelöst. Das gilt auch für Italien, wo Giuseppe Laras, der Vorsitzende des Rabbinatsgerichts für Nord- und Mittelitalien, am Donnerstag im „Corriere della Sera“ auch am christlichen Schweigen zu der UNESCO-Resolution Kritik übte. Er stelle sich die Frage, ob man aus dem diesem Schweigen schließen müsse, dass der „jüdisch-christliche Dialog eine Farce war und ist“.

Auch italienischer Bischof nimmt Stellung

Auch der Vorsitzende der Kommission der Italienischen Bischofskonferenz (CEI) für den ökumenischen und interreligiösen Dialog, Bischof Ambrogio Spreafico, hat zu der umstrittenen UNESCO-Resolution Stellung genommen. Wörtlich stellte er fest: „Juden, Christen und Muslime haben heute die Verantwortung, die Heiligen Stätten von Jerusalem miteinander zu teilen, damit sie Zeichen des Friedens für die ganze Welt sind“. Wenn Jerusalem die „Stadt des Friedens“ bleiben solle, dann müsse man sie durch „Begegnung und Dialog“ dazu machen, „jenseits der noch so legitimen Ansprüche jedes einzelnen“.

Der UNESCO-Text nenne einen für Juden und Muslime entscheidenden Ort Jerusalems nur mit dem muslimischen Namen „Haram-esch-Scharif“ (edles Heiligtum), eliminiere aber die jüdischen Namen „Har ha-Bayit“ (Tempelberg) oder Har ha-Miqdash“ (Berg des Heiligen), bedauerte Bischof Spreafico. Viele christlichen Pilger würden diese Orte kennen, die sie „mit großem Respekt besuchen“. Dass der von den Babyloniern im Jahr 586 vor Christus zerstörte Salomonische Tempel, der dann nach dem Exil wiederaufgebaut und von Herodes dem Großen verschönert, schließlich aber endgültig von den Römern im Jahr 70 nach Christus zerstört wurde, an jenem Ort Jerusalems errichtet worden sei, stelle eine „unwiderlegbare historische Tatsache“ dar. Der Name bewahre nicht nur das religiöse, sondern auch das historische und archäologische Gedenken. Wenn eine kulturelle Organisation wie die UNESCO eine solche Tatsache leugne, sei das ein „schwerwiegender kultureller Fehler“, jenseits aller Fragen religiösen oder politischen Charakters, die durch die Resolution aufgeworfen werden. Es sei Besorgnis erregend, wenn eine solche Resolution in einem so delikaten Augenblick verabschiedet wird, in dem „die Religionen aufgerufen sind, einander friedlich zu begegnen und einen Dialog zu führen“. Bischof Spreafico unterstrich zugleich, dass heute „Gesten und Worte der Entspannung“ notwendig seien, die eine „ohnehin schon durch Konflikte und einen todbringenden Terrorismus gespaltene Welt“ nicht noch weiterhin trennen, sondern sie vereinen. (ende)