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Franz König

Pro Oriente

Papst Franziskus betet für Mosul, Patriarch Sako denkt an „Roadmap“ für die Zukunft des Irak

Chaldäisch-katholischer Patriarch erinnert bei Seminar in Berlin an die Pflicht des Westens, die Befreiung des Landes vom IS-Terror zu unterstützen – Zugleich appelliert er an die Christen, sich politisch zu engagieren und für gleiche Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit einzutreten – Beschlussfassung über neues Anti-Alkohol-Gesetz schockiert Christen im Irak

Vatikanstadt-Bagdad, 24.10.16 (poi) Auch das Angelus-Gebet von Papst Franziskus stand am Sonntag im Zeichen des Krieges im Irak. Am Ende des Gebets brachte der Papst seine Nähe zu den Menschen Mesopotamiens, vor allem zu den Bewohnern der Stadt Mosul, zum Ausdruck. „Unsere Seele ist erschüttert von den grausamen Gewalttaten, die seit allzu langer Zeit an schuldlosen Bürgerinnen und Bürgern verübt werden, seien es Muslime, seien es Christen oder seien es Angehörige anderer Ethnien und Religionen“, erklärte der Papst. Er sei ‪„betrübt“ über die Nachrichten, dass „so viele Söhne und Töchter dieses geliebten Landes“ kaltblütig getötet worden seien, darunter auch viele Kinder: ‪„Diese Grausamkeit macht uns weinen und macht uns sprachlos“. Der Papst versicherte die Menschen an Euphrat und Tigris seiner Solidarität und seines Gebets, damit ‪„der Irak, obwohl hart getroffen, stark und standhaft in der Hoffnung sein möge, um in eine Zukunft der Sicherheit, der Versöhnung und des Friedens zu gehen“. Auf diese Worte folgte ein stilles Gebet, zu dem Papst Franziskus die rund 50.000 versammelten Gläubigen auf dem Petersplatz eingeladen hatte.

Mittlerweile haben Überlegungen über die Gestaltung der irakischen Zukunft eingesetzt. Der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako war einer der Sprecher bei einem Seminar der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin, das zeitgleich mit dem Beginn der Offensive gegen die in Mosul verschanzten IS-Terroristen von 17. bis 19. Oktober angesetzt war. Der Patriarch wurde von Weihbischof Basil Yaldo begleitet. Moderator des Seminars war der emeritierte US-amerikanische Diplomat Ryan Crocker, der u.a. zwischen 2007 und 2009 Botschafter in Bagdad war. Crocker stellte fest, dass es vor allem darum gehe, für die künftige US-Regierung eine „Vision der Zukunft des Irak mit seinen verschiedenen religiösen und ethnischen Gemeinschaften“ zu erstellen.

Mar Louis Raphael Sako wählte als Ausgangspunkt die Situation, wie sie sich bisher darstellte: Weite Teile des Landes in der Hand der IS-Terroristen, Terroranschläge, die unzählige Todesopfer gefordert haben, Hunderttausende Inlandsflüchtlinge, eine weitgehend zerstörte Infrastruktur. Es sei daher die Pflicht des Westens, die Befreiung aller Teile des Landes zu unterstützen und durch die friedliche Lösung von Konflikten die Chancen der Versöhnung zu fördern. Zugleich drückte der Patriarch die Hoffnung aus, dass die Befreiung von Mosul und der Ninive-Ebene erfolgreich sein wird. Es bedürfe einer „klaren und weisen“ Vision auf der Grundlage der Realität, um einen dauerhaften Frieden zu erreichen und das Blutvergießen, die Zerstörungen und die Flüchtlings-Tragödien zu beenden.
Nach der Befreiung der vom IS besetzten Gebiete müssten die westlichen Regierungen die Flüchtlinge bei der Rückkehr in ihre Heimstätten unterstützen – durch Herstellung vollständiger Sicherheit, Rückgabe von Rechten und Besitztümern, Hilfe beim Wiederaufbau von Städten und Dörfern, aber auch bei der Wiederherstellung des „kulturellen und religiösen Erbes in all seinen Komponenten“.

Dann sei es die Aufgabe der Iraker, durch einen „zivilen und ruhigen“ Dialog, fern der Mentalität von Kampf und Rache, als „realistische Vision für die Zukunft“ eine „Roadmap“ für die Staatsreform und die Entwicklung des Landes zu erstellen. Vor allem gehe es darum, das Prinzip der gleichen Bürgerrechte – unabhängig von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit – durchzusetzen. Dazu seien auch einige Verfassungsänderungen notwendig, um Freiheit und Demokratie zu sichern. Vor allem müssten Religion und Staat getrennt werden.

Der chaldäische Patriarch bezeichnete es als notwendig, dass die Christen im Land die Haltung der Distanz zum politischen Leben aufgeben, sie hätten Verantwortung zu übernehmen und positiven Einfluss auszuüben. Nur so könnten die Christen ihre Rechte sichern und sich durch den Dialog mit ihren „Partnern in der gemeinsamen Heimat“ von Diskriminierung und Intoleranz befreien. Wenn die Christen an Euphrat und Tigris überleben wollen, sei es notwendig, sich im politischen Prozess zu engagieren und für gleiche Bürgerrechte, Rechtsstaatlichkeit und die Verbreitung von Werten der Gleichheit, der Freiheit und der nationalen Partnerschaft einzusetzen. Der Patriarch schloss seine Intervention mit den Worten: „Die Christen des Irak lieben ihr Land, in dem sie seit 2.000 Jahren verwurzelt sind, sie sind entschlossen, hierzubleiben, was auch immer kommen mag“.

Indiz für Islamisierung des Landes

Die politische Situation im Bagdad wurde am Samstag allerdings durch die überraschende Verabschiedung eines Gesetzes schwer belastet, das Import, Produktion und Verkauf alkoholischer Getränke untersagt und schwere Geldstrafen bei Zuwiderhandeln vorsieht. Viele Christen sehen in diesem Gesetz ein Indiz für zunehmende „Islamisierung“ des irakischen Staates.

Das Gesetz wurde von dem schiitischen Abgeordneten Mahmoud al-Hassan eingebracht. Er gehört der „State of Law coalition“ an, der größten Gruppierung im irakischen Parlament, die trotz ihres vielversprechenden Namens zunehmend von schiitischen Hardlinern dominiert wird. Al-Hassan sagte zu der von ihm eingebrachten Gesetzesinitiative: „Dieses Gesetz ist notwendig, um die Identität des Irak als islamisches Land zu bewahren“.

Import, Produktion und Verkauf alkoholischer Getränke sind im Irak zumeist in den Händen christlicher Wirtschaftstreibender, die durch das neue Gesetz mit empfindlichen Verlusten rechnen müssen. Durch das Gesetz stellt sich der Irak auf eine Stufe mit Saudiarabien und Libyen. (ende)