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Franz König

Pro Oriente

Silbernes Amtsjubiläum des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I.

Am 22. Oktober 1991 wurde er gewählt, am 2. November 1991 erfolgte seine Amtseinführung als 270. Nachfolger des Heiligen Apostels Andreas – Glückwünsche von Papst Franziskus, dem Moskauer Patriarchen Kyrill und zahlreichen weiteren religiösen und politischen Persönlichkeiten aus aller Welt

Konstantinopel-Moskau-Vatikanstadt-Washington, 23.10.16 (poi) Vor 25 Jahren – am 22. Oktober 1991 - wurde der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I., „Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom“, gewählt. Seine feierliche Amtseinführung in der Georgskathedrale im Phanar erfolgte am 2. November 1991. Bartholomaios I. ist der 270. Nachfolger des Heiligen Apostels Andreas. Als Oberhaupt der orthodoxen Kirche hat er nicht nur einen Ehrenvorrang, sondern etwa auch das Recht zur Einberufung von Panorthodoxen Synoden sowie von Versammlungen („synaxis“) der Oberhäupter der autokephalen (selbständigen) orthodoxen Kirchen. Ebenso ist er u.a. berechtigt, bei Auseinandersetzungen innerhalb von orthodoxen Kirchen einzugreifen, was Bartholomaios in den letzten Jahren drei Mal getan hat (in den Kirchen von Jerusalem, von Bulgarien sowie in der Kirche von Tschechien und der Slowakei).
Aus Anlass seines Jubiläums erhielt Patriarch Bartholomaios I. Glückwunschschreiben aus aller Welt. Ein besonders herzliches Schreiben kam vom Moskauer Patriarchen Kyrill I. Eingangs erinnerte der Moskauer Patriarch an den „unvergänglichen Ruhm“ der großen „Lehrer und Heiligen“ des Sitzes von Konstantinopel, angefangen vom Heiligen Johannes Chrysostomos. Wörtlich stellte Kyrill I. weiter fest: „Während deines jahrzehntelangen primatialen Dienstes hast du aktiv Zeugnis für den orthodoxen Glauben im nichtchristlichen Milieu abgelegt und große Anstrengungen zur Förderung des Friedens und der Verständigung unter den Nationen unternommen, du hast das menschliche Leben, die Umwelt und die ganze Schöpfung Gottes verteidigt. Diese vielfältigen Aktivitäten der Heiligen Kirche von Konstantinopel haben sowohl in der christlichen Welt als auch darüberhinaus Anerkennung gefunden, auch dank der Talente, die Gott dir im Übermaß verliehen hat…In besonderer Weise schätze ich die brüderliche und konstruktive Natur unserer persönlichen Beziehungen, die seit vielen Jahrzehnten unverändert sind, und unsere engste Zusammenarbeit zum Nutzen unserer Kirchen und der ganzen Heiligen Orthodoxie“.

„Apostel und Visionär“

Herzliche Worte kamen auch aus Rom. Papst Franziskus hat das Vorwort zu einer Biografie von Patriarch Bartholomaios I. geschrieben. Auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist in dem Band mit einem Beitrag vertreten, ebenso der emeritierte anglikanische Primas Rowan Williams, Rabbiner David Rosen und andere. Herausgeber der ersten ausführlichen Biografie des Patriarchen ist der orthodoxe Theologe und Erzdiakon John Chryssavgis, der den als „grünen Patriarchen“ bekannten Bartholomaios I. in Umweltfragen berät.
Das Werk mit dem Titel "Bartholomew. Apostle and Visionary" (Bartholomaios. Apostel und Visionär) ist die erste umfassende Biografie über den Patriarchen von Konstantinopel. Das bei „Thomas Nelson Publishing“ erschienene Buch stelle ein „spannendes Narrativ des spirituellen Wegs des Ökumenischen Patriarchen dar, von seiner Kindheit auf der Ägäis-Insel Imbros an“, stellte Erzbischof Demetrios (Trakatellis) fest, Primas der mit Konstantinopel verbundenen griechisch-orthodoxen Kirche in Nord- und Südamerika, fest. In den vergangenen 25 Jahren habe Bartholomaios I. mit der „Tiefe seiner Demut, der Höhe seiner Intelligenz und der Kraft seines Beispiels als unermüdlicher Diener des Evangeliums“ den Respekt von Kirche und Welt errungen.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, gratulierte Patriarch Bartholomaios I. in einem Brief und würdigte darin dessen ökumenische Engagement: „Wir bauen im ökumenischen Gespräch auf Sie. Die katholische Kirche in Deutschland ist Ihnen dankbar für alles ökumenische Bemühen. Dabei denke ich besonders an die segensreichen Begegnungen, die Sie mit Papst Johannes Paul II. erstmals 1996 in St. Peter in Rom, später auch mit Papst Benedikt XVI. und zuletzt mehrfach mit Papst Franziskus hatten“. Patriarch Bartholomaios I. und Papst Franziskus verbinde die besondere Sorge um das Heilige Land, sodass beide 2014 „Hand in Hand in die Jerusalemer Grabeskirche gehen konnten“. Kardinal Marx erinnert in seinem Brief auch an die bei Patriarch Bartholomaios vor einem Jahr erfahrene Gastfreundschaft, als er zum orthodoxen Andreasfest im Patriarchat eingeladen war. „Ihr Mühen für Frieden und Aussöhnung ist weltweit beachtet, zuletzt als Sie mit Papst Franziskus auf Lesbos der Opfer von Vertreibung, Flucht und Gewalt gedacht haben. Ihr Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung ist wegweisend, gerade in Ihrer vielbeachteten Schöpfungsenzyklika ‚Laudato si‘‘“, so Kardinal Marx.

Ehrungen beim „Weltgebetstag für den Frieden“

Bartholomaios I. stand – aus Anlass seines silbernen Amtsjubiläums – auch im Mittelpunkt des „Weltgebetstags für den Frieden“ im September in Assisi. Am 19. September leitete er auf Einladung von Kardinal Gualtiero Bassetti einen ökumenischen Gebetsgottesdienst in der Laurentiuskathedrale von Perugia. Kardinal Bassetti hatte aus Anlass der Präsenz des Ökumenischen Patriarchen eigens eine Diözesanversammlung in die Laurentiuskathedrale einberufen. Am selben Tag nahm der Patriarch an der Ausländer-Universität in Perugia das Ehrendoktorat entgegen (die Universität bildet seit Jahrzehnten Studierende aus aller Welt aus, vor allem aus dem mediterranen und lateinamerikanischen Bereich). Die Laudatio formulierte der Präsident der Gemeinschaft Sant’Egidio, Prof. Marco Impagliazzo. Bartholomaios I. hielt eine „lectio doctoralis“. Mit dem Ehrendoktorat wollte die „Universita‘ per Stranieri“ die Verdienste des Ökumenischen Patriarchen um den ökumenischen und den interreligiösen Dialog sowie seinen Einsatz für die „Bewahrung der Schöpfung“ würdigen.

Eine der Diskussionen im Rahmen des „Weltgebetstag für den Frieden“ war unter dem Titel „Patriarch Bartholomaios: 25 Jahre im Dienst der Christen und der Welt“ dem Amtsjubiläum des Ökumenischen Patriachen gewidmet. Vorsitzender dieses Panels war der anglikanische Primas Justin Welby. Zu den Diskutanten zählten Kardinal Walter Kasper, der Gründer von Sant’Egidio, Prof. Andrea Riccardi, der stellvertretende italienische Außenminister Mario Giro und Rabbiner David Rosen.

Besondere Beachtung fand dann am 20. September die Meditation des Ökumenischen Patriarchen in der Unteren Basilika in Assisi. In dieser Meditation rief Bartholomaios I. die Kirchen zur Umkehr, zur inneren Bekehrung, zu einer „radikalen Mentalitätsänderung“ auf, um als Christen das zu verwirklichen, wozu im letzten Buch der Heiligen Schrift – dem Buch der Offenbarung des Johannes – aufgerufen wird: Bereitschaft zum Hören, Bekehrung, prophetisches Zeugnis. Die Bereitschaft zum Hören setze „Geschmack an der Stille“ voraus, um frei von aller Täuschung und aller Unruhe mit Gott und den Brüdern und Schwestern in Verbindung zu treten. Die Bekehrung sei die Fähigkeit zur Kursänderung von Seele und Geist, um nur auf Jesus Christus zu setzen, „in dem Gott alles gesagt hat, was er der Menschheit im Hinblick auf ihre Rettung und Heilung zu sagen hatte“. Durch das prophetische Zeugnis könnten die Christen in einer friedlosen Welt den Dürstenden „das Wasser des Friedens“ reichen.

Obama: „Eine Säule der Weisheit“

Der Ökumenische Patriarch wurde zu seinem silbernen Amtsjubiläum auch von vielen politischen Persönlichkeiten gewürdigt, so vom US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Geleitet von den Lehren seines Glaubens sei Bartholomaios I. „eine Säule der Weisheit und der Erleuchtung“ für Menschen in aller Welt, hieß es in einer Erklärung des Präsidenten. Sein Einsatz, ob er nun der Förderung von Frieden und Versöhnung gilt, dem Enegagemen für menschliche Rechte und Freiheiten, der Unterstützung von Flüchtlingen oder der Ermutigung zur Behütung der natürlichen Umwelt, habe mitgeholfen, die Trennungen der Völker zu überwinden. Wörtlich fügte Obama hinzu: „Das Herzstück seiner Anstrengungen liegt in der fundamentalen Wahrheit über unsere gemeinsame Menschlichkeit: Dass es unsere heilige Verpflichtung ist, unsere Zeit auf Erden der Zusammenarbeit für eine hellere Zukunft für alle zu widmen – einschließlich der kommenden Generationen“.

Von der Insel Imbros

Bartholomaios I. (mit bürgerlichem Namen Dimitrios Archondonis) wurde am 29. Februar 1940 auf Imbros geboren, einer der beiden Ägäis-Inseln, die 1923 türkisch blieben, aber vom Zwang zum Bevölkerungsaustausch ausgenommen wurden. Er studierte Theologie im Priesterseminar von Chalki mit der angeschlossenen Theologischen Hochschule, an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom sowie in München. Im Jahre 1961 wurde er zum Diakon, 1969 zum Priester geweiht. Drei Jahre später wurde er Leiter der Patriarchatskanzlei im Phanar. 1973 erfolgte seine Bischofsweihe. 1990 wurde er Metropolit von Chalkedon (Kadiköy) und damit ranghöchstes Mitglied des Heiligen Synods von Konstantinopel.

Patriarch Bartholomaios engagiert sich für den ökumenischen und den interreligiösen Dialog. Er spricht Griechisch, Türkisch, Italienisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Lateinisch fließend. Außerdem setzt er sich stark für den Umweltschutz, die Bewahrung der Schöpfung, ein, sodass er in den Medien oft als „der Grüne Patriarch“ tituliert wurde.

Im ökumenischen Dialog tritt der Patriarch mit Entschiedenheit für eine Annäherung zwischen orthodoxer und katholischer Kirche ein. Mit Papst Benedikt XVI., der ihn 2006 in Istanbul besuchte, sorgte der Patriarch für eine Wiederaufnahme des offiziellen theologischen Dialogs, der jahrelang brach gelegen hatte. Mit Papst Franziskus verbindet Bartholomaios I. eine herzliche Freundschaft, die u.a. beim gemeinsamen Besuch im Heiligen Land zum 50-Jahr-Gedenken der damals als Sensation empfundenen Begegnung zwischen Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. in Jerusalem zum Ausdruck kam. Bereits bei der Amtseinführung von Papst Franziskus am 19. März 2013 war Patriarch Bartholomaios persönlich in Rom anwesend – zum ersten Mal seit dem Schisma von 1054 war ein Ökumenischer Patriarch bei der Inauguration eines römischen Papstes zugegen. Beharrlich hielt Bartholomaios I. am Ziel einer Panorthodoxen Synode fest, die dann unter seiner souveränen Leitung im heurigen Juni auf Kreta stattfand, aber doch nicht zu der erhofften Manifestation der Einheit der Orthodoxie wurde, weil vier autokephale Kirchen (Antiochien, Georgien, Bulgarien, Moskau) aus unterschiedlichen Gründen nicht präsent waren.

Eines seiner zentralen Anliegen ist die Wiedereröffnung der 1971 von der damaligen türkischen Regierung geschlossenen Theologischen Hochschule von Chalki mit dem angeschlossenen Priesterseminar, die 150 Jahre hindurch eine der bedeutendsten Theologischen Fakultäten der orthodoxen Welt war. Eine Vielzahl von Petitionen des Patriarchen und Interventionen zahlreicher ausländischer Politiker in Ankara führten bisher zu keinem Ergebnis. „Das Ökumenische Patriarchat ist vielleicht die einzige Kirche der Welt, die keine Möglichkeit hat, ihre Priester auszubilden“, sagt Bartholomaios I. Die türkische Regierung weigert sich auch nach wie vor, die weltkirchliche Bedeutung des Patriarchen von Konstantinopel anzuerkennen. Türkische Nationalisten verbreiten immer wieder Verschwörungstheorien, denen zufolge geplant sei, den Phanar samt der Insel Chalki zu einer Art orthodoxem Vatikan-Staat innerhalb der Türkei zu erklären. (ende)