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Franz König

Pro Oriente

Irak: Chaldäischer Patriarch kündigt für 2017 ein ‪„Jahr des Friedens“ an

Kampf um die Befreiung Mosuls und der Ninive-Ebene aus der Hand der IS-Terroristen kann Beginn eines „Prozesses der Aussöhnung“ einläuten – Dank an die irakischen Soldaten und die kurdischen „Pesch Merga“-Kämpfer

Bagdad-Erbil, 27.10.16 (poi) Das Jahr 2017 wollen die christlichen Kirchen im Irak als ‪„Jahr des Friedens“ begehen. Im Rahmen der Initiative will man vor allem um Aussöhnung beten und verhindern, dass das Land nach der Befreiung von Mosul und der Ninive-Ebene aus der Hand der IS-Terroristen von „sektiererischen Strömungen“ destabilisiert wird. Die Initiative wurde vom chaldäisch-katholischen Patriarchen Mar Louis Raphael Sako am Dienstagabend, 25. Oktober, bei einem ökumenischen Gebet für die Befreiung Mosuls in der kurdischen Regionalhauptstadt Erbil angekündigt.

An dem ökumenischen Gebet in der Kirche Unserer Lieben Frau von der immerwährenden Hilfe im Stadtteil Ankawa nahmen auch der assyrische Patriarch Gewargis III. Sliwa und der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Mosul, Mar Nikodemos Dawood Sharaf, sowie christliche Politiker teil. Zahlreiche Priester und Ordensleute, viele einfache Gläubige beteten zusammen mit den Bischöfen. Nach dem Gebet der Psalmen und einer Lesung aus dem Johannes-Evangelium brachte Mar Louis Raphael Sako die Hoffnung zum Ausdruck, dass der Friedensprozess rasch vorankommen möge und möglichst wenige Menschenleben koste.

Der chaldäische Patriarch dankte den Truppen, die an der militärischen Offensive teilnehmen und erwähnte dabei sowohl die Soldaten der irakischen Armee als auch die kurdischen „Pesch Merga“-Kämpfer, die „christlichen und muslimischen, arabischen und kurdischen Soldaten“. Mar Louis Raphael Sako plädierte für das kommende Jahr für kirchliche Initiativen, die „eine Kultur der friedlichen Zusammenlebens fördern“.
Das Bemühen um die Befreiung Mosuls habe verschiedene Kräfte vereint, dies könne, so der Patriarch, den Beginn eines neuen Prozesses der Aussöhnung einläuten, bei dem auf der Grundlage von gemeinsamen Perspektiven die verlorene gegangene Stabilität und Einheit des Irak wieder hergestellt wird. Der chaldäische Patriarch will einen Ausschuss schaffen, in dem Vertreter politischer, sozialer, religiöser und kultureller Institutionen gemeinsam Zukunftspläne für die Region nach der Befreiung aus der Hand der IS (Daesh)-Terroristen schmieden, im Gespräch mit der Regierung in Bagdad und mit der Regierung der autonomen Provinz Kurdistan.

Abschließend wünschte sich der Patriarch auch konkreten Schutz für jene vielen Christen, die aus Mosul und der Ninive-Ebene fliehen mussten, die erzwungene Entfernung aus der angestammten Heimat dürfe nicht zu einem permanenten Zustand werden. Nach Ansicht von Mar Louis Raphael Sako muss „der ganze Irak“ mit seinen verschiedenen ethnischen und religiösen Komponenten ‪aus den Ereignissen „eine Lehre ziehen“ und den historischen Moment als Gelegenheit betrachten, um nach der Befreiung von Mosul einen authentischen Rechtsstaat aufzubauen.

Lokalaugenschein in der Ninive-Ebene

Ein Bild der Verwüstung bot sich dem Patriarchen, als er am Mittwoch, 26. Oktober, sechs christliche Kleinstädte und Dörfer (u.a. Qaraqosh, Bartella, Karamles) in der Ninive-Ebene besuchte, die bis vor einigen Tagen in der Hand der IS-Terroristen waren: Geisterstädte mit abgebrannten Kirchen, heruntergerissenen Kreuzen, geschändeten Marienstatuen, mit Hassparolen beschmierte Häuserfassaden. Überall zerstörte Häuser, kaputte Brücken, verminte Felder. Bei einem Lokalaugenschein mit anderen Priestern bedankte sich der Patriarch sowohl bei den Generälen der irakischen Armee als auch bei den Kommandanten der kurdischen „Pesch Merga“-Milizen für die geglückte Rückeroberung, aber auch für die Begleitung bei dem nicht ungefährlichen Lokalaugenschein. Dies sei ein gutes Beispiel für das Zusammenwirken von Christen und Muslimen, denn es seien vor allem muslimische Soldaten, die die Befreiung christlicher Orte in der Ninive-Ebene ermöglicht haben. Besonders erfreulich sei, dass die irakischen und kurdischen Offiziere eigenhändig die von den IS-Terroristen heruntergerissenen Kreuze wieder auf den Kirchen angebracht hätten „und das sie das mit Stolz taten“. Die Kommandanten hätten ihm zu verstehen gegeben, dass sie seinen Besuch in den befreiten Städten und Dörfern als Ehre ansehen, berichtete der Patriarch. Er habe seinerseits den Soldaten den Sieg über den Terrorismus und die endgültige Befreiung von Mosul gewünscht.

Nach der Entminung der Orte hofft Mar Louis Raphael Sako auf eine baldige Rückkehr der Christen in ihr „Heiliges Land“, das sie im Sommer 2014 Hals über Kopf verlassen mussten. Die österreichische Sektion von „Christian Solidarity International“ (CSI) unterstützt den chaldäischen Patriarchen bei seinen Bemühungen um die Rückkehr der vertriebenen Christen.

Wie der Patriarch im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ sagte, sei der zwölfstündige Lokalaugenschein für ihn „Quelle von Trauer und Leid, aber auch von großer Hoffnung“ gewesen. Voraussetzung für die Rückkehr der christlichen Bewohner in die kleinen Städte und Dörfer sei die Wiederherstellung der Sicherheit und die Säuberung des Gebiets von den „explosiven Hinterlassenschaften“ der Terroristen. In einigen der von Mar Louis Raphael Sako mit einer großen Gruppe von Priestern besuchten Orte läuteten zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren wieder die Kirchenglocken. „Wir haben in jeder Kirche für den Frieden und die Stabilität der Region gebetet“, berichtete der Patriarch.

Der Lokalaugenschein sei ein wichtiges Signal für die Christen, für die irakische Öffentlichkeit und für die internationale Gemeinschaft gewesen, betonte Mar Louis Raphael Sako: „Das sind christliche Gebiete und christliche Orte. Mit diesen Orten ist unsere Präsenz im Zweistromland verbunden, hierher kehren wir zurück, sobald es die Umstände erlauben“. Umso wichtiger sei es, dass die christlichen Flüchtlinge nicht ins Ausland emigrieren, sondern in der Heimat bleiben. Beobachter werteten die Worte des Patriarchen auch als „Botschaft“ an den türkischen Präsidenten Recep T. Erdogan, der in den letzten Tagen Mosul nur für „arabisch- und kurdischsprachige Sunniten sowie türkischsprachige Turkomanen“ beansprucht hatte.

Die militärischen Erfolge bezeichnete der chaldäisch-katholische Patriarch als „sehr wichtig“ für die Zukunft, die christlichen Flüchtlinge in der kurdischen Region des Irak hätten sie mit „Freude und Furcht“ verfolgt. Die Erfolge seien ein „Zeichen der Einheit der Iraker“. Es sei zu hoffen, dass diese Einheit nach der vollständigen Befreiung von Mosul und der Ninive-Ebene anhalte, denn die Einheit sei „essenziell für die Zukunft des Landes“.

Wendepunkt für den ganzen Irak

In einer von „AsiaNews“ veröffentlichten Botschaft forderte Mar Louis Raphael Sako, dass die Metropole Mosul wieder zu einem multikulturellen Treffpunkt unterschiedlicher Kulturen, Ethnien und Religionen werden soll. In der Stadt und in der Ninive-Ebene müssten nach der Befreiung die Rechte aller Bürger, Volks- und Religionsgruppen geachtet und Korruption und Diskriminierung bekämpft werden. Die Christen müssten wieder Vertrauen zu ihren islamischen Nachbarn aufbauen können.

Für die Zukunft sei es unerlässlich, einen Rechtsstaat aufzubauen, der sich auf die Prinzipien von Wahrheit und Gleichheit stützt und der die Freiheit und Würde seiner Bürger verteidigt, so Sako. Ein solcher Staat respektiere die Religion und versuche nicht, sie "zu politisieren und zu eigenen Zwecken zu deformieren".

Die Schlacht zur Befreiung von Mossul bedeute nach Einschätzung des Patriarchen einen Wendepunkt für den ganzen Irak. Denn die Militäroffensive vereinige alle Iraker in einer gemeinsamen Aktion von größter Bedeutung und könnte damit den Anstoß für eine nationale Aussöhnung bilden. Mar Louis Raphael Sako appellierte an Politiker, religiöse und gesellschaftliche Führungskräfte, für eine komplette Neuordnung der Stadt und der Provinz einzutreten, an der alle Gruppen beteiligt sein müssten. Mosul müsse ein Beispiel auch für andere befreite Regionen des Irak sein, dass es Wiederaufbau ohne jede religiöse, soziale oder politische Diskriminierung gebe.

Das christliche Element spiele eine bedeutende Rolle für das Gemeinwohl des Landes, hob der chaldäische Patriarch hervor. Nach dem "Drama von Mosul und der Ninive-Ebene" müssten die Rechte der Christen besonders geschützt werden; sie dürften nicht an den Rand gedrängt bleiben. (ende)