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Franz König

Pro Oriente

Politische Neuordnung der Ninive-Ebene ist der zweite Schritt, jetzt geht es um die Rückkehr der Vertriebenen

Treffen der geistlichen Oberhäupter der christlichen Kirchen des nordirakischen Raumes in Erbil – „Die Christen gehören zu den ursprünglichen Komponenten des irakischen Mosaiks“

Bagdad-Erbil, 31.10.16 (poi) Für die politische und administrative Zukunft der gerade erst aus der Hand der IS-Terroristen befreiten Ebene von Ninive müssen „akzeptable“ Lösungen gefunden und verwirklicht werden, die den Vorgaben der irakischen Verfassung entsprechen. Aber diese Frage habe jetzt keine Priorität. Dies betonten die geistlichen Oberhäupter der christlichen Kirchen des nordirakischen Raumes bei einem Treffen in Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Region des Irak, am Sonntag, 30. Oktober. Die Patriarchen und Bischöfe bezeichneten es als vordringlich, jetzt im bisherigen Herrschaftsgebiet der IS-Terroristen die Entminung voranzutreiben, die Rückkehr der Vertriebenen zu ermöglichen und Wohnhäuser, Betriebe und Infrastrukturen zu reparieren. Erst wenn diese Aufgaben gelöst seien, sollte es einen „friedlichen und gelassenen Dialog“ aller Beteiligten über die politische Zukunft der Ebene von Ninive geben. An dem Treffen in Erbil am Sonntag – das im Zeichen der Perspektiven für eine politisch-administrative Neuordnung im Norden des Irak stand, sobald auch Mosul befreit sein würde - nahmen der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako, der assyrische Patriarch Mar Gewargis III. Sliwa, der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Mosul, Mar Nikodemos Daoud Sharaf, der syrisch-katholische Erzbischof von Mosul, Youhanna Boutros Mouche, und der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil, Bashar Warda, teil.

Im Abschlusskommunique des Treffens der Hierarchen vom Sonntag wird daran erinnert, dass die Christen zu den „ursprünglichen Komponenten“ des Bevölkerungsmosaiks im Irak zählen. Ihre Kirchen und Klöster seien das Zeichen ihrer 2.000 Jahre zurückreichenden Präsenz. Die Christen hätten in Mosul und in der Ninive-Ebene in einer „Atmosphäre des stabilen Pluralismus und der Kooperation“ mit ihren Nachbarn zusammengelebt, auch wenn es „Episoden der Gewalt und der Verfolgung“ gegeben habe. Immer hätten die Christen einen „wertvollen Beitrag“ der Mäßigung und Offenheit gegenüber den anderen ethnisch-religiösen Komponenten der Region geleistet. Nach den Gewalttaten und Verbrechen, die sie durch die Hand der Dschihadisten zu erleiden hatten, sei der Beitrag der Christen noch notwendiger, um im Irak die Versöhnung und das friedliche Zusammenleben zu fördern. In diesem Sinn müsse jede Diskriminierung der christlichen Komponente aufhören, die Rechte der Christen müssten genauso geschützt werden wie die aller anderen Iraker – „und zwar durch Taten und nicht nur durch Worte“, wie es den Vorgaben der Verfassung entspricht, die im Artikel 2 volle Religionsfreiheit garantiere.

Wörtlich heißt es im Abschlusskommunique der Hierarchen: „Wir erwarten den Schutz der Rechte und Freiheiten der Christen, damit wir in unserer Heimat bleiben und zum Wiederaufstieg unseres Landes beitragen können. Wir haben die Fähigkeiten, das Potenzial und die Kompetenz, um das sowohl auf der Ebene des Gesamtstaats als auch der kurdischen Region zu tun“.
Die christlichen Vertriebenen aus Mosul und der Ninive-Ebene seien entschlossen, in ihre Heimstätten zurückzukehren, sobald die Sicherheit gegeben ist und ihnen Entschädigungen für ihre Verluste gewährt werden. Diese Vertriebenen seien auf der Suche nach einem friedlichen Weg des Zusammenlebens mit den Nachbarn in gegenseitigem Respekt und im Zeichen des guten Willens und der Bereitschaft zur Zusammenarbeit, als „Bürger mit gleichen Rechten“.

Die Hierarchen danken in dem Kommunique allen militärischen Kräften, die an der Befreiung der Ebene von Ninive beteiligt sind, „einschließlich der von Christen gebildeten Milizen zum Schutz des Volkes“ (ursprünglich hatte es Bedenken gegen die Aufstellung christlicher Milizen gegeben). Abschließend teilen die Hierarchen mit, dass sie demnächst mit irakischen Politikern und Führungspersönlichkeiten christlicher politischer Organisationen zusammenkommen werden.

"Geschändet und zerstört"

Der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako hat inzwischen im Gespräch mit „Radio Vatikan“ Details über seinen Lokalaugenschein in den Kleinstädten und Dörfern der Ninive-Ebene am 26. Oktober mitgeteilt. Wie er sagte, könne man sich kaum einen Begriff davon machen, was es bedeute, in einst blühende kleine Städte und Dörfer zu kommen, die nach zwei Jahren Besetzung durch die IS- Terroristen nun „geschändet und zerstört“ sind. Sechs Orte, unter ihnen das einst 40.000 Bewohner zählende Qaraqosh (Baghdida), habe er besucht, berichtete der Patriarch: „Die Zerstörung ist sehr groß, ich denke, etwa dreißig Prozent sind zerstört. Auch die Kirchen sind beschädigt oder entweiht worden, da sind Sprüche gegen Christen und so weiter. Aber die Kirchen stehen noch, und das ist wichtig. Auch die Straßen sind zerstört: Wir haben zwölf Stunden gebraucht, um hin und zurück zu kommen“.

Die vor zwei Jahren geflohenen oder vertriebenen Christen könnten eine Rückkehr in ihre Heimat kaum erwarten, stellte Mar Louis Raphael Sako fest. Doch nun gehe die Arbeit erst los: „Das Problem ist, dass die Minen entfernt und die Ruinen gesichert werden müssen, damit die Menschen dort hinkönnen, um nachzusehen, in welchem Zustand ihre Häuser sind, was geblieben ist, um eine Rückkehr zu planen“. Jetzt sei das noch sehr gefährlich, „denn die Minen sind so gut wie überall“. Die Terroristen hätten auch kilometerlange Tunnel gegraben, all das müsse erst beseitigt werden. Er sei fassungslos angesichts des logistischen und finanziellen Aufwandes für dieses ausgetüftelte Tunnelsystemen, so der Patriarch.

Doch besondere Sorge mache ihm nun die Situation der Bewohner von Mosul: "Wir haben große Angst um Mosul. Es kann ein Massaker geben…“ Zudem könnten tausende aus der Stadt geflohene Zivilisten auf der Suche nach Obdach auch die Häuser in den christlichen Dörfern besetzen: „Und das stellt ein großes Problem dar. Wie soll man sie nachher wieder dazu bringen, die Häuser zu verlassen? Wir arbeiten daran, dass sie gleich in für sie bereitstehende Flüchtlingscamps ziehen können.“

Auf der Fahrt durch die zerstörten und nach wie vor gefährlichen Gebiete sei der Konvoi des Patriarchen auf kurdische, sunnitische und schiitische Befehlshaber der alliierten Streitkräfte getroffen, die den Besuch der Delegation herzlich begrüßt hätten. Die Offiziere hätten dafür gesorgt, dass die Kreuze und Glocken der verwüsteten Kirchen schnellstmöglich wieder an ihren angestammten Platz zurückkehren konnten, das habe ihn sehr beeindruckt, sagte der Patriarch.

Messfeier in Qaraqosh

Auch der syrisch-katholische Erzbischof von Mosul, Youhanna Boutros Mouche, hat das befreite Qaraqosh – seine Geburtsstadt - besucht. Er feierte am Sonntag in der syrisch-katholischen Marienkathedrale der kleinen Stadt zusammen mit vier Priestern den ersten Gottesdienst nach mehr als zwei Jahren der Zweckentfremdung der Kathedrale; christliche Milizionäre und Politiker repräsentierten bei der Messe das Volk Gottes. „Diese Kirche ist ein Symbol für uns. Wenn sie ganz zerstört worden wäre, hätten die Leute von Qaraqosh nicht zurückkommen wollen“, sagte er im Gespräch mit der Beiruter Tageszeitung „L’Orient-Le Jour“. In seiner Predigt betonte der Erzbischof wörtlich: „Wir sind hier heute zusammengekommen, um die Stadt von allen Spuren der IS-Terroristen zu reinigen, von dem Hass, dessen Opfer wir waren“.

Einer der Priester in der Begleitung des Erzbischofs, P. Majeed Hazem, bezeichnete die Messfeier in der schwer gezeichneten Kathedrale als „einen neuen Beginn“, der zugleich der Welt die Widerstandskraft der Christen „trotz allen erlittenen Unrechts“ zeige. „L’Orient-Le Jour“ zitierte Imad Michael, einen 71-jährigen christlichen Milizionär, der über die IS-Terroristen nur lakonisch sagte: „Das sind keine Muslime, sondern Ungläubige“. Wie andere christliche Milizionäre berichtete er, dass es viele Bestrebungen von humanitären Organisationen gegeben habe, die christlichen Vertriebenen zur Emigration in den Libanon, nach Kanada oder nach Australien zu motivieren: „Aber wir wollen hier, in unserer Heimat, bleiben und wir hoffen auch, dass die Auswanderer wieder zurückkehren“.

Erzbischof Mouche teilt diese Auffassungen. Aber es sei klar, dass die Vertriebenen erst zurückkehren können, wenn die Landminen beseitigt sind, die von den IS-Terroristen an allen Ecken und Enden deponiert wurden. Die Beseitigung der Minen sei auch die Vorbedingung, um an den Wiederaufbau der Infrastrukturen gehen zu können.

Der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Mosul, Mar Nikodemos Daoud Sharaf, besuchte mit einer Delegation des Klerus seiner Eparchie die St. Simon-Kirche in der ebenfalls befreiten Ortschaft Bartella. Zum ersten Mal nach mehr als zwei Jahren erklangen in der schwer mitgenommenen antiken Kirche wieder die Psalmen und Hymnen auf Aramäisch, in der Sprache Jesu. (ende)