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Franz König

Pro Oriente

Irak: Trotz Mosul-Offensive Probleme für Christen

Deutscher Religionsdialog-Koordinator Otmar Oehring und chaldäisch-katholischer Erzbischof Bashar Warda beleuchten mit unterschiedlicher Akzentuierung die Problemzonen

Bagdad-Berlin, 03.11.16 (poi) Die militärischen Erfolge auf dem Weg zur Befreiung Mosuls aus den Händen der IS-Terroristen werden von den Christen im Irak genau beobachtet. Dies betonte Otmar Oehring, Koordinator für internationalen Religionsdialog bei der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung, der gerade von einer Recherchereise durch den Nordirak zurückgekehrt ist, im Gespräch mit „Radio Vatikan“: „Das Erste, das man in Erbil mitbekommt, ist der graue Himmel. Das hängt mit den brennenden Ölfeldern zusammen, die der IS angezündet hat, um sich vor Luftschlägen zu wappnen. Die Situation der Christen hat sich gewandelt – von Hoffnung im Hinblick auf die Befreiung der Ninive-Ebene hin zu einer Ernüchterung, als es dann endlich soweit war, und inzwischen tendenziell auch zu Verzweiflung“.

Das hänge damit zusammen, dass im Zug der Befreiung der Städtchen und Dörfer der Ninive-Ebene immer klarer wird, wie stark dort die Zerstörungen sind. „75 bis 85 Prozent der Gebäude in den christlichen Orten sollen zerstört sein, niemand hat natürlich eine Vorstellung, wie all diese Gebäude wieder aufgebaut werden sollen“, so Oehring: „Die geflohenen Christen, die ja nun schon seit Sommer 2014 nicht mehr in diesen Gebieten waren, haben in der Zwischenzeit keine Einkünfte mehr erzielen können, sie haben kein Geld mehr. Wie sollen sie ohne Geld ihre Häuser wiederaufbauen?“

Das gelte natürlich auch für die Gotteshäuser. Ohne Hilfe aus dem Ausland sei ein Wiederaufbau der zerschlagenen kirchlichen Infrastruktur kaum zu leisten. Oehring:„Dann bleibt natürlich im Hintergrund die große Frage, wie es mit der Sicherheit in Zukunft aussehen wird. Denn die Gebiete in der Ninive-Ebene, in denen die Christen gelebt haben und in die sie natürlich gerne wieder zurückkehren würden, sind ja umstritten zwischen der irakischen Zentralregierung und der Regierung der kurdischen Region“.

Zwar könne man in diesen Tagen Fernsehberichte von Christen sehen, die enthusiastisch wieder zurückkehren in ihre befreiten Dörfer, so Oehring. Vor zehn Tagen wäre das noch nicht möglich gewesen. Aber Flüchtlinge in einem christlichen Camp in Erbil hätten ihm ganz klar gesagt, sie könnten sich momentan noch nicht vorstellen, in ihre Heimatorte zurückzukehren, weil eben zu viele Fragen ungeklärt sind: „Und alle sagen: Solange es keine Sicherheitsgarantien aus der westlichen Welt gibt, können wir uns eine Rückkehr nicht vorstellen.“

Skeptisch ist Oehring, ob Christen nach Mosul zurückkehren wollen, sobald die Millionenstadt aus der Hand der IS-Terroristen befreit ist: „Eigentlich sagen uneingeschränkt alle, dass sie sich das nicht vorstellen können. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sie im Sommer 2014 die Eroberung Mosuls durch die IS-Terroristen erlebt haben, sondern dass sich schon Jahre zuvor abgezeichnet hat, dass das Zusammenleben mit der muslimischen Mehrheitsbevölkerung immer schwieriger wurde, und dass es zu einer Radikalisierung in diesem Zusammenhang gekommen ist. Vor diesem Hintergrund ist nicht abzusehen, wie ein Zusammenleben mit den Muslimen in Zukunft wieder möglich sein soll“.

Das bedeute, dass die Christen, die derzeit in der kurdischen Region als Flüchtlinge leben, „in naher Zukunft die Entscheidung treffen müssen, ob sie im Land bleiben – oder ob sie den Irak verlassen“. Wenn sie den Irak verlassen, würden die meisten zunächst einmal ins Nachbarland Türkei gehen und „von da aus dorthin, wo man ihnen Aufnahme bietet oder wo sie glauben, dass sie ihre Zukunft frei und friedlich gestalten können“.

Keine Arbeit und Sprachprobleme

Oehring diagnostizierte bei den christlichen Flüchtlingen im kurdischen Gebiet ernsthafte Sprachprobleme: „Die Menschen, die nach Kurdistan geflohen sind – ob aus dem direkten Umfeld oder aus Bagdad und Basra –, nutzen als direkte Verkehrssprache das Arabische und nicht das Suryoyo-Aramäisch. In vielen der christlichen Schulen wird auf Suryoyo unterrichtet – was natürlich für die neu Hinzukommenden fast genauso schwierig ist wie zum Beispiel das Erlernen des Kurdischen“.

Kinder könnten sich wohl noch „am einfachsten in diese Lage hineinfinden“, aber Erwachsene hätten es da deutlich schwieriger. Und Erwachsene stünden auch vor der fast unmöglichen Aufgabe, einen Arbeitsplatz zu finden. „Natürlich können sie sich irgendwie bei den Kirchen selber oder bei christlichen Geschäftsleuten, die ohnehin schon in Kurdistan tätig waren, zu verdingen versuchen. Aber wenn man sich vorstellt, dass Ankawa, der christlich geprägte Stadtteil von Erbil, vor dem Sommer 2014 etwa 35.000 Einwohner hatte und die Bevölkerungszahl dort heute nach Schätzungen bei 100.000 liegt, dann ist klar, wie schwierig es ist, dort Arbeit zu finden“. Darüber hinaus gebe es in der kurdischen Region Anzeichen einer wirtschaftlichen Krise: „Vor diesem Hintergrund ist es außerordentlich schwierig, Arbeit zu finden, Einkommen zu generieren und damit sein Überleben selber in die Hand zu nehmen“.

„Die meisten Christen wollen bleiben“

Hoffnungsvoller äußerte sich der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil, Bashar Warda, der allerdings ebenfalls davor warnte, über die Zukunftsaussichten der Christen im Irak ein zu rosiges Bild zu malen. Im Gespräch mit dem „Kirche in Not“-Informationsdienst erinnerte Warda daran, dass der Irak, die Kurden, aber auch die Türkei und der Iran Ansprüche im Hinblick auf Mosul und die Ninive-Ebene stellen. Man könne sich ausrechnen, was dieser Machtkampf für die Christen bedeuten werde, die in ihre Heimstätten zurückkehren wollen, aus denen sie vertrieben wurden. Nach Einschätzung des chaldäischen Erzbischofs wird es mindestens ein Jahr dauern, bis die Rückkehrbewegung der Christen überhaupt in Gang kommen kann.

In der Zwischenzeit bemüht sich Erzbischof Warda – der vor kurzem als Gast von Kardinal Timothy Dolan in New York war – darum, den Flüchtlingen in Erbil und Umgebung ein halbwegs erträgliches Dasein zu ermöglichen, indem ihre Miete bezahlt, für die Beheizung der Wohnungen im kurdischen Winter gesorgt, die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten organisiert und das Funktionieren der Schulen sichergestellt wird. Die chaldäische Erzeparchie Erbil hat in den beiden letzten Jahren von „Kirche in Not“ mehr als 28 Millionen Euro an Unterstützung für die Flüchtlingshilfe erhalten; dazu kommen Spenden von weiteren insgesamt 16 katholischen Organisationen.

Im Gegensatz zu anderen Berichten unterstrich Erzbischof Warda, dass 80 Prozent seiner Schützlinge im Irak bleiben wollen. Das gelte auch für den ganzen Irak. Trotz der zweifellos vorhandenen Emigrationsbewegung werde es immer Christen im Irak geben. Die „Dableiber“ seien nicht nur unter den Armen zu finden, betonte der Erzbischof. Es gebe auch nicht wenige wohlhabende Familien, die zum Bleiben entschlossen seien und in Erbil bereits erfolgreiche Unternehmen und Betriebe aufgebaut haben. Diese positive Entwicklung habe auch dazu geführt, dass in Erbil eine katholische Universität aufgebaut wird.

Nach wie vor sei das größte Hindernis für die langfristige Sicherheit der Christen und Angehöriger anderer religiöser Minderheiten im Land (Jesiden, Mandäer, Zoroastrier) die Existenz radikalislamischer Gruppierungen, stellte der Erzbischof von Erbil fest. Der Islam brauche eine Reform, die auch die Frage der Aufrufe zur Gewalt in etlichen Suren des Korans angehe. Das werde eine wichtige Aufgabe für „mutige islamische religiöse Führungspersönlichkeiten“ sein. Möglicherweise könnten ihnen dabei auch Christen behilflich sein. (ende)