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Franz König

Pro Oriente

Anatolien: Ein Imam pflegt armenisches Kirchlein

Bemerkenswertes Beispiel interreligiöser Verbundenheit in Yozgat – Name der Stadt ist mit dem „Yozgat-Verfahren“ verbunden, in dessen Rahmen der letzte osmanische Sultan nach 1918 versuchte, die Betreiber des Völkermords an den armenischen Bürgern des Osmanischen Reiches haftbar zu machen

Ankara, 07.11.16 (poi) Über ein bemerkenswertes Beispiel interreligiöser Verbundenheit aus Anatolien berichtet die Website „Orthodox News OCP“: In der Stadt Yozgat pflegt Metin Halici, Imam der Moschee im Bezirk Sarikaya, liebevoll eine kleine armenische Kirche im Hof seines Wohnhauses. Seit 13 Jahren sorgt Halici dafür, dass die kleine Kirche in ordentlichem Zustand bleibt und greift selbst zu Besen und Schaufel, um sie sauber zu halten. Die unausgesprochene Verpflichtung hat er bereits von seinem Vorgänger übernommen. Bis in die sechziger Jahre hatte es in Yozgat noch eine kleine armenische Gemeinde gegeben, heute leben keine armenischen Familien mehr in der Stadt. Aber jedes Jahr kommen Armenier aus anderen türkischen Städten und aus der weltweiten armenischen Diaspora nach Yozgat, „sogar aus so entfernten Ländern wie Argentinien“, so Halici. Dann wird in der kleinen Kirche, die mutmaßlich aus der Spätantike stammt, die Heilige Liturgie gefeiert.

Als er zum Imam im Bezirk Sarikaya ernannt wurde, sei er sehr überrascht gewesen, im Hof seines Hauses eine Kirche vorzufinden, berichtet Halici. Als er mehr über die armenische Geschichte des Bezirks erfuhr, beschloss er, sich um die Kirche anzunehmen, wie es auch sein Vorgänger getan hatte. Seine Frau und seine Kinder helfen ihm dabei. In osmanischer Zeit sei seine Heimat ein „Land der Toleranz für verschiedene Glaubensbekenntnisse“ gewesen, wo es Gotteshäuser unterschiedlicher Religionsgemeinschaften gegeben habe, erinnert Halici. Deshalb sollten diese Gotteshäuser auch in Abwesenheit der Gläubigen dieser Religionsgemeinschaften ordentlich und sauber gehalten werden.

In Yozgat hatte bis 1915 eine große armenische Gemeinde gelebt. Der Name der Stadt ist historisch mit dem „Yozgat-Verfahren“ verbunden, dem ersten der Kriegsgerichtsverfahren, die auf Anordnung des letzten Sultans, Kaisers und Kalifen Mehmet VI. nach Ende des Ersten Weltkriegs gegen Spitzenfunktionäre des „Komitees für Einheit und Fortschritt“ (Ittihad ve Terakki) als Drahtzieher des Völkermords an den armenischen Bürgern des Osmanischen Reiches angestrengt wurden.

m Rahmen des „Yozgat-Verfahrens“ fanden ab Anfang 1919 insgesamt 18 Sitzungen des Kriegsgerichts statt. Am 22. Februar 1919 wurden beim „Yozgat-Verfahren“ zwölf Telegramme verlesen, mit denen die Aussage des Verwaltungsbeamten Abd-ul-Ahad Nuri bestätigt wurde, Innenminister Talaat Pascha habe ihm erklärt, die Deportationen der Armenier verfolgten den Zweck der Vernichtung. Nuri – der zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde – sagte vor Gericht aus, er habe den geheimen Befehl erhalten, keinen Armenier am Leben zu lassen. (ende)