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Franz König

Pro Oriente

Relativ positives Echo auf die Wahl Trumps bei den Christen des Nahen Ostens

Chaldäisch-katholischer Patriarch verweist auf Unzufriedenheit gegenüber einer „unklaren, nicht ausgeglichenen Politik“ – Christliche Geistliche erforschen die Situation in den befreiten kleinen Städten und Dörfern der Ninive-Ebene

Bagdad, 13.11.16 (poi) Bei den Christen des Nahen Ostens hat die Wahl von Donald Trump zum „president elect“ der USA ein positiveres Echo gefunden als in anderen Weltteilen. Stellvertretend für viele Christen sagte der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako der italienischen katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“, mit der Wahl Trumps hätten die amerikanischen Wähler gezeigt, dass sie der „nicht gerechtfertigten Kriege, der Opfer, der Gewalt und der Zerstörung“ müde seien. Was den Nahen Osten angeht, sei eine verbreitete Unzufriedenheit gegenüber einer „unklaren, nicht ausgeglichenen Politik“ festzustellen, aber auch eine diffuse Hoffnung, dass es eine Veränderung in Richtung eines Horizontes „des Friedens und der Stabilität“ geben könnte. Im Irak sei die Wahl in den USA sowohl von der politischen Führung als auch von den Bürgern überwiegend mit Befriedigung zu Kenntnis genommen worden, sagte der Patriarch. Allerdings sei deshalb das allgemeine Klima der Angst im Hinblick auf eine Zunahme der Spannungen und der regionalen Konflikte nicht verschwunden.

Die Haltung zum Wahlerfolg Trumps mag auch damit zusammenhängen, dass einer der engsten Berater des „president elect“ (mit Schwerpunkt auf Nahost- und Terrorismus-Fragen) der aus dem Libanon stammende Jurist und Politologe Walid Phares ist, der früher Generalsekretär der Maronitischen Weltunion war.

Mittlerweile mehren sich im Irak die Berichte über die Besuche christlicher Geistlicher in den befreiten Kleinstädten und Dörfern der Ninive-Ebene. Die „Barnabas Foundation“ berichtete über den ersten Besuch einer Gruppe christlicher Geistlicher am 30. Oktober in Qaraqosh (Baghdida), die in einer großen Kirche nur mehr rauchgeschwärzte Mauern vorfanden, weil die IS-Terroristen das Gotteshaus angezündet hatten, bevor sie sich aus dem Staub machten. 95 Prozent der rund 50.000 Bewohner der Stadt waren Christen, als Baghdida im Sommer 2014 von den IS-Terroristen überrollt wurde. Von den zahlreichen Kirchen Baghdidas wurden während der mehr als zweijährigen Schreckensherrscht der IS(Daesh)-Terroristen einige zerstört, andere in Moscheen umgewandelt oder gar als Kommandozentralen oder Gefängnisse missbraucht.

Kirchen in vielen Kleinstädten und Dörfern der Ninive-Ebene teilten das Schicksal der christlichen Gotteshäuser von Baghdida. In Karemles wurde eine Kirche sogar als Werkstätte zur Bombenproduktion missbraucht. Die Terroristen bedeckten die 1.000 Jahre alten Wände des Gotteshauses mit Zitaten aus den Hadithen über die Großtaten Mohammeds.
Trotz der Freude über die Befreiung der Ninive-Ebene ist der Weg zur Rückkehr der früheren christlichen Bewohner noch weit – nicht nur weil etwa in Baghdida 90 Prozent der Wohnhäuser von den Terroristen zerstört wurden. Außerdem gibt es nach wie vor viele Landminen und auch IS-Heckenschützen. Es gehe aber auch darum, sich mit der Mentalität der IS-Terroristen auseinanderzusetzen, die leider von nicht wenigen muslimischen Einwohnern Mosuls übernommen worden sei, sagte der syrisch-katholische Priester George Jahola in einem Interview mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR. Auf die eine oder andere Weise müsse man mit diesen Leuten einen Dialog aufnehmen, um grausame Rache zu vermeiden.

Wörtlich meinte P. Jahola: „Es ist schwierig, an eine rasche Rückkehr der Christen in ihre Dörfer und Städte zu denken. Das gilt nicht nur für Baghdida, wo 90 Prozent der Häuser zerstört oder niedergebrannt sind“. Der Priester erstellt im Auftrag des syrisch-katholischen Erzbischofs von Mosul, Youhanna Boutros Mouche, ein Verzeichnis aller von den IS (Daesh)-Terroristen zerstörten Kirchen, Friedhöfe und kirchlichen Institutionen, aber auch der Wohnhäuser. Einige Jugendliche helfen dem Priester bei dieser schwierigen Aufgabe. Bisher stehe schon fest, dass man mehr als 6.000 schwer beschädigte Wohnhäuser abreißen und neu bauen müsse. „Wir hatten uns erwartet, dass die Islamisten alles stehlen, was nicht niet- und nagelfest ist, aber die Zerstörungen übertreffen alles, was man sich vorstellen konnte“, stellte P. Jahola fest.

Die IS (Daesh)-Terroristen hätten eigentlich einen Völkermord verübt, es sei ihnen darum gegangen, jede Spur des Christentums zu vernichten, betonte der Priester. Angesichts dieser Situation dürfe die internationale Gemeinschaft nicht ruhig bleiben. Die internationale Gemeinschaft müsse sich für die Rechte der Christen einsetzen, die historische Präsenz des Christentums im Zweistromland dürfe nicht ausgelöscht werden. Die jüngsten Gesetzgebungsvorhaben des irakischen Parlaments – die etwa die Produktion und den Verkauf von alkoholischen Getränken untersagen und bestimmte Kleiderordnungen an den Universitäten vorschreiben, seien ein Alarmzeichen für die zunehmende Einschränkung der Freiheit, von der besonders die religiösen Minderheiten betroffen seien.

Auch die Gotteshäuser in der Ninive-Ebene hätten ein Martyrium erlitten, sagte P. Jahola. Umso wichtiger sei es gewesen, dass Erzbischof Mouche am 30. Oktober in der von den IS-Terroristen zerstörten Marienkathedrale in Baghdida einen feierlichen Gottesdienst zelebriert habe. Die Hymnen auf aramäisch – der Sprache Jesu – seien inmitten der rauchgeschwärzten Mauern wieder erklungen, „es war gleichsam der Versuch, den Hass auszulöschen, der in den beiden Jahren der IS-Herrschaft so viele Opfer gefordert hat“.

Bewegende Botschaft von Erzbischof Casmoussa

Der heute in Beirut lebende emeritierte syrisch-katholische Erzbischof von Mosul, Georges Casmoussa, hat eine bewegende Botschaft an alle gerichtet, die an der Befreiung von Baghdida/Qaraqosh beteiligt waren. Sein Wort sei ein “Schrei der Freude, des Friedens und der Hoffnung” für die Vertriebenen von Qaraqosh und ein Ausdruck der Dankbarkeit für die mutigen irakischen Soldaten, “Muslime und Christen, Araber und Kurden”, die am 22. Oktober die Stadt befreit hätten.

Erzbischof Casmoussa erinnerte an das Bild des aus Qaraqosh stammenden Soldaten, der seine Stirn mit dem Sand der Stadt “wie mit Balsam” eingerieben habe, und ein anderes Bild, auf dem ein Soldat zu sehen ist, der das Tor der Kirche seiner Kindheit küsst und ein weiteres, das Offiziere und Soldaten zeigt, wie sie gemeinsam das Ave Maria auf aramäisch beten.

Seine Dankbarkeit gelte aber auch der kurdischen Region, die großzügig die christlichen Flüchtlinge aus Mosul und aus der Ninive-Ebene aufgenommen habe, betonte der Erzbischof. Zugleich wolle er aber auch den Freunden in aller Welt danken, die großartige Gesten der Solidarität gegenüber den vertriebenen und zum Exodus gezwungenen Christen gesetzt hätten, mit Papst Franziskus, dem ersten guten Samariter, an der Spitze. Der Papst habe nicht nur unermüdlich die Sache der irakischen Christen in den internationalen und kirchlichen Gremien vertreten, er bereite auch neue Projekte zur Unterstützung des Wiederaufbaus bevor. Dieser Wiederaufbau solle in Harmonie und Solidarität mit den Christen der verschiedenen Konfessionen, mit den sunnitischen und schiitischen muslimischen Nachbarn, mit Kurden und Arabern, mit Mandäern und Jeziden und all den anderen Komponenten des irakischen Mosaiks geschehen. (ende)