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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Ab Montag Dialog mit orientalischen Kirchen in Wien

Erste Konsultation der neuen “Pro Oriente”-Commission for Ecumenical Encounter between the Oriental Orthodox Churches and the Catholic Church – Am Dienstag öffentliches Abendgebet in der Wiener armenisch-apostolischen Kirche St. Hripsime

Wien, 26.11.16 (poi) In Wien tagt von 28. November bis 1. Dezember die erste Konsultation der neuen “Pro Oriente”-Commission for Ecumenical Encounter between the Catholic Church and the Oriental Orthodox Churches (CEE). An der Tagung nehmen Top-Experten aus den orientalisch-orthodoxen Kirchen teil. Wissenschaftlicher Leiter der Tagung ist der Salzburger Ostkirchenfachmann (und Vorsitzende der Salzburger “Pro Oriente”-Sektion) Prof. Dietmar W. Winkler. Am Dienstag, 29. Novermber, gibt es im Rahmen der Tagung um 19.30 Uhr ein öffentlich zugängliches Abendgebet in der armenisch-apostolischen Kirche St. Hripsime im 3. Bezirk (1030 Wien, Kolonitzgasse 11).

Von besonderer Bedeutung ist für die neue Kommission die Befassung mit den Aspekten der permanenten Christenverfolgung und Bedrohung des christlichen Erbes in den nahöstlichen Heimatländern der meisten orientalisch-orthodoxen Kirchen. Die Zahl der orientalisch-orthodoxen Christen, die ihre angestammte Heimat auf Grund massiver Bedrohungen verlassen müssen, steigt ständig. Die neue Kommission versteht sich auch als ein Raum des Austausches, in dem Theologen über die Sorgen und Nöte ihrer Kirchen berichten können. Für „Pro Oriente“ ist es wiederum besonders von Bedeutung, unbürokratisch helfen und vermitteln zu können. Dieser pastorale Aspekt entspricht einem ausdrücklichen Wunsch des Vorsitzenden des „Pro Oriente“-Kuratoriums, Kardinal Christoph Schönborn.

Die Begegnung in Wien hat hohe ökumenische Bedeutung. Die orientalisch-orthodoxen Kirchen (syrisch-orthodoxe Kirche, indisch-orthodoxe Kirche, koptisch-orthodoxe Kirche, äthiopisch-orthodoxe Kirche, eritreisch-orthodoxe Kirche, armenisch-apostolische Kirche) hatten sich nach dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451 von der damaligen Kirche des Römischen Reiches (heute: katholische KIrche und orthodoxe Kirche) getrennt. Im Jänner 2003 erfolgte die Gründung der Internationalen Kommission für den offiziellen theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirche (dieser Kommission gehört auch Prof. Winkler an). Bereits zuvor war auch der theologische Dialog zwischen der orthodoxen Kirche und den orientalischen Kirchen aufgenommen worden. Für die Stiftung „Pro Oriente“ zählte die Begegnung mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen seit jeher zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Bereits 1971 fand auf Einladung der Stiftung die erste inoffizielle Wiener Konsultation katholischer und orientalisch-orthodoxer Theologen statt. Diesem sehr erfolgreichen Meeting verdanken die Kirchen durch die sogenannte „Wiener Christologische Formel“ die Überwindung von 1.500 Jahre währenden terminologischen und kulturell-politisch bedingten Missverständnissen über das Bild von Jesus Christus als „wahrem Gott und wahren Menschen“. Der damalige koptische Bischof - und spätere Papst-Patriarch - Schenuda III. hatte die Formel auf Basis der Messgebete entwickelt; sie sollte vielen gemeinsamen Erklärungen von Päpsten und Patriarchen als Basis dienen und der Versöhnung zwischen orientalisch-orthodoxen Kirchen und römisch-katholischer Kirche den Weg bahnen.

Die inoffiziellen „Pro Oriente“-Dialoge zwischen katholischen und orientalisch-orthodoxen Theologen trugen wesentlich zur Aufnahme des offiziellen Dialogs zwischen römisch-katholischer Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen bei. Insbesondere die fünf „Wiener Konsultationen“ (1971, 1973, 1976, 1978, 1988) führten zu einer Annäherung zwischen katholischer Kirche und orientalisch-orthodoxer Kirchenfamilie. Studienseminare und Regionalsymposien (u.a. im Wadi Natrun, in Kerala und im libanesischen Kaslik) dienten der Weiterarbeit an den Themen der Konsultationen und der Rezeption der Ergebnisse. Von 1988 bis 1997 sorgte ein „Standing Committee“ für die Weiterführung des inoffiziellen Dialogs zwischen römisch-katholischen und orientalisch-orthodoxen Theologen.

Nach der Aufnahme des offiziellen Dialogs 2003 sahen die Kirchen zunächst keine Notwendigkeit, den inoffiziellen Dialog fortzusetzen, wie er von „Pro Oriente“ geführt worden war. Bald zeigte sich jedoch, dass eine inoffizielle wissenschaftliche Begleitung des offiziellen Dialogs von großem Nutzen sein kann. Daher ergriff „Pro Oriente“ die Initiative und es kam zur Gründung der „Commission for Ecumenical Encounter between the Catholic Church and the Oriental Orthodox Churches“, deren konstituierende Sitzung im November 2015 in Wien stattfand. Vor allem Prof. Winkler ist es zu verdanken, dass diese neue Kommission in einer für die orientalisch-orthodoxen Kirchen sehr schwierigen Zeit neu errichtet werden konnte. Der Salzburger Ostkirchenfachmann resumiert: „Auch wenn die Vertrauensbasis und das Klima unter den teilnehmenden Kirchen am offiziellen Dialog ausgesprochen positiv ist, so wird dennoch kein wirklicher Neuansatz gewagt, vielmehr werden Ergebnisse der siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts wiederholt und gefestigt. Gerade hier bedürfte es der effektiven Unterstützung seitens eines wagemutigen inoffiziellen Dialogs“. Zur Arbeitsweise und Methode der neuen „Pro Oriente“-Kommission haben die Gründungsmitglieder festgehalten, dass sie in regelmäßigen Abständen die Einheit verhindernde Themen im Rahmen von Experten-Konsultationen beraten möchten. Zu diesen Konsultationen sollen verstärkt auch Angehörige der jüngeren Theologengeneration eingeladen werden. Bei jedem Themenschwerpunkt seien insbesondere auch die pastoralen Implikationen zu berücksichtigen. Insbesondere werden drei Ziele angestrebt: 1. Reflexion über die Resultate des offiziellen Dialogs, um sie in den Kirchen stärker zu verbreiten, 2. Studium der nichttheologischen Faktoren, die eine Annäherung der Kirchen bremsen, auch im Zusammenhang mit Diaspora, Migration und Integration, 3. Vorbereitung der nachwachsenden Generationen für den ökumenischen Dialog.

Bei der Wiener Tagung ab 28. November möchten die Experten – ausgehend von den beiden bereits veröffentlichten gemeinsamen offiziellen Dialogdokumenten zu den Themen „Natur, Verfassung und Mission der Kirche“ und „Die Ausübung der Gemeinschaft im Leben der frühen Kirchen und die Auswirkungen auf das Suchen nach Einheit heute“ – schon jetzt sichtbare Zeichen kirchlicher Einheit darstellen. Zugleich sollen die Hindernisse, die einer vollen Kirchengemeinschaft der katholischen Kirche mit den orientalisch-orthodoxen Kirchen im Weg stehen, aus den verschiedenen Perspektiven benannt und Wege zur Überwindung dieser Hindernisse aufgezeigt werden. Gerade in Bezug auf kirchentrennende Hindernisse gebe es (traditionelle) Geschichtsbilder in den jeweiligen Kirchen, die einer Wiederherstellung der Einheit entgegenwirken.

Mit Prof. Winkler an der Spitze sind folgende Experten ständige Mitglieder der neuen „Pro Oriente“-Kommission: die armenisch-apostolischen Bischöfe Armash Nalbandian (Katholikosat von Etschmiadzin) und Anoushavan Tanielian (Katholikosat von Kilikien), der syrisch-orthodoxe Metropolit Mar Polycarpus Augin Aydin, der koptisch-orthodoxe Theologe P. Shenuda Asaad, der äthiopisch-orthodoxe Theologe P. Daniel Seifemicahel Feleke und der indisch-orthodoxe Theologe P. Baby Varghese. Unter den Beobachtern sind Msgr. Gabriel Quicke vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen, P. Frans Bouwen aus Jerusalem und der Leiter des Salzburger Universitätslehrgangs für Syrische Theologie und des syrischen Kollegs “Beth Suryoye”, Prof. Aho Shemunkasho.

P. Frans Bouwen (Jerusalem) betonte in einer Einschätzung der aktuellen Situation des offiziellen theologischen Dialogs zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen (er ist Mitglied der entsprechenden internationalen Kommission): "Im Zuge unserer Studien und unseres theologischen Austausches im Dialog sind wir zur Erkenntnis gelangt, dass ‚communio‘ (Gemeinschaft) mehrdimensional ist und nicht nur auf eine offizielle, hierarchische ‚communio‘ reduziert werden darf. Wir haben gelernt, dass ‚communio‘ sich in verschiedenen und charakteristischen Weisen ausdrückt: in gegenseitiger Verantwortung, durch den Austausch von Briefen und wechselseitige Besuche, in Liturgie und Gebet, durch gemeinsame Zeugenschaft und Martyrium, im Mönchtum und durch die Heiligenverehrung. Viele der Verbindungen, die unter den Kirchen in den ersten Jahrhunderten bestanden, bestehen trotz der Trennungen bis heute oder wurden in letzter Zeit neu belebt. Die Aufgabe der Kommissionsmitglieder wird darin bestehen, in positiver Weise noch bestehende Divergenzen in Lehre und Praxis zwischen den Kirchen zu untersuchen und sorgfältig zu prüfen, inwieweit diese Divergenzen als legitim und die Essenz des Glaubens nicht gefährdend gelten dürfen. Sie werden sich die Frage stellen müssen, wie weit die Wiederherstellung der Beziehungen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten existierten, für eine Wiedergewinnung der vollen sakramentalen Gemeinschaft heute ausreichend ist“. (forts mgl)