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Franz König

Pro Oriente

Moskauer Patriarch Kyrill weiht die neue russisch-orthodoxe Kathedrale in Paris

Die Dreifaltigkeitskathedrale mit ihren fünf vergoldeten Kuppeln ist das Herzstück des neuen russisch-orthodoxen spirituellen und kulturellen Zentrums am Quai Branly

Paris-Moskau, 04.12.16 (poi) Der Moskauer Patriarch Kyrill I. weiht am Sonntag, 4. Dezember, in Paris die russisch-orthodoxe Dreifaltigkeitskathedrale, das Herzstück des neuen orthodoxen spirituellen und kulturellen Zentrums am Quai Branly in der Pariser Innenstadt, das bereits am 19. Oktober eröffnet wurde. Die 35 Meter hohe Kathedrale mit ihren fünf vergoldeten Kuppeln, die Christus und die vier Evangelisten symbolisieren, wurde von dem französischen Architekten Jean-Michel Wilmotte entworfen. Die Kosten für den Bau in unmittelbarer Nähe des Eiffel-Turms wurden von der Russischen Föderation getragen, die Bauarbeiten dauerten zwei Jahre.

Im Namen der französischen katholischen Bischofskonferenz hat P. Emmauel Gougaud, der Direktor des Zentrums für die Einheit der Christen, die Bedeutung des Frankreich-Besuchs des Patriarchen unterstrichen; die bedeutendsten Momente seien die Weihe der Kathedrale am 4. Dezember und eine große ökumenische Begegnung am 6. Dezember in Straßburg. Wörtlich meinte P. Gougaud: „Der Bau einer Kirche im Herzen der Stadt ist immer Zeichen eines lebendigen Glaubens. Der Ökumenismus wurzelt im Wunsch, Christus nahezukommen. Die beiden Zentralereignisse des Patriarchen-Besuchs tragen dazu bei“. Nach dem Aufenthalt in Frankreich wird Patriarch Kyrill in die Schweiz reisen, wo er am 7. Dezember einer Feier zum 80-Jahr-Gedenken der Gründung der russisch-orthodoxen Auferstehungskirche in Zürich vorsteht.

Die neue Dreifaltigkeitskathedrale wird in Zukunft auch Sitz des Bischofs der russisch-orthodoxen Eparchie Chersones (Korsun) sein, die für die Gemeinden des Moskauer Patriarchats in Frankreich, Spanien, der Schweiz und Portugal zuständig ist. Die von Bischof Nestor (Sirotenko) geleitete Eparchie trägt den Namen jener Stadt, in der Großfürst Wladimir getauft worden sein soll. Chersones ist heute Teil des Stadtgebiets von Sewastopol. Das orthodoxe spirituelle und kulturelle Zentrum in Paris besteht aus vier Baukörpern: Der Dreifaltigkeitskathedrale, dem kulturellen Zentrum am Quai Branly, dem Erziehungszentrum mit Schule in der Rue de l’Universite und dem Verwaltungsgebäude der Eparchie an der Avenue Rapp (mit einem 200 Plätze fassenden Auditorium). Insgesamt umfasst das exterritoriale Gelände im 7. Arrondissement 4.200 Quadratmeter. Die Ikonostase der Kathedrale und der Freskenschmuck im Inneren werden erst im Verlauf des Jahres 2007 fertiggestellt sein. Bereits jetzt ist das zehn Glocken umfassende Geläut der Dreifaltigkeitskathedrale, das jeden Tag nach einer anderen Melodie erklingt, ein besonderer Anziehungspunkt. Die zwischen acht und 880 Kilo schweren Glocken wurden in einer russischen Glockengießerei in Tutajew in der Region Jaroslawl gegossen.

Rechtzeitig zum Paris-Besuch des Moskauer Patriarchen wurde ein französischsprachiges Buch aus seiner Feder veröffentlicht: „Science, Culture et Foi“ (Wissenschaft, Kultur und Glaube). In der Ankündigung des Buches heißt es: „Die gesunde Unabhängigkeit, aber auch die fruchtbare Komplementarität von Wissenschaft und Glaube sind das zentrale Thema dieser Sammlung von Aufsätzen und Predigten des Patriarchen. Die Kunst als weitere Ausdrucksform der spirituellen und intellektuellen Aktivität des Menschen ist in diesen Reflexionen ebenfalls präsent. Die Reflexionen stellen nicht einen systematischen Traktat über die Beziehung zwischen Physik und Metaphysik dar, sie bringen vielmehr Erfahrung und Wort eines Hirten zum Ausdruck, der Zeuge des Glaubens eines Volkes ist, das den hohen Wert der Wissenschaft anerkennt, aber zugleich erleben musste, wie die Wissenschaft als Rechtfertigung für den erbarmungslosen Kampf gegen die Gläubigen benützt wurde“.

In dem am 19. Oktober in Betrieb genommenen orthodoxen spirituellen und kulturellen Zentrum in Paris wurde am 26. November als erste Veranstaltung eine Ausstellung von Ikonen zweier herausragender exilrussischer Ikonenmaler des 20. Jahrhunderts – P. Gregoire Kroug und Leonide Ouspensky - eröffnet. Sowohl P. Kroug als auch Ouspensky hatten den Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens in Paris erlebt.

Am 19. Oktober hätte ursprünglich der russische Präsident Wladimir Putin zur Eröffnung des Zentrums nach Paris kommen sollen, was aber an den politischen Spannungen zwischen Paris und Moskau scheiterte. Daher war bei der Eröffnung von russischer Seite zwar Kulturminister Wladimir Medinskij, von offizieller französischer Seite aber nur Staatssekretär Jean-Marie Le Guen anwesend. Allerdings fanden sich auch die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und die Bezirksbürgermeisterin für das 7. Arrondissement, die frühere Ministerin Rachida Dati, ein. Medinskij sagte bei der Eröffnung, das Zentrum werde für alle offen sein, die sich für die Geschichte Russlands interessieren, für seine wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften. Das Programm werde Konzerte, Filmvorführungen, Ausstellungen, Russisch-Kurse usw. umfassen. Und zweifellos werde die neue Kathedrale eine wichtige Rolle für die orthodoxen Christen in Paris spielen. In einer von Medinskij verlesenen Botschaft Putins wurde darauf verweisen, dass das neue russische Zentrum an der Seine eine Bestätigung der „starken kulturellen und humanitären Beziehungen zwischen Frankreich und Russland“ sei.

Der Plan für das spirituelle und kulturelle Zentrum mit der Kathedrale war erstmals 2007 beim Frankreich-Besuch des damaligen Moskauer Patriarchen Aleksij II. vorgelegt worden. Im März 2010 kaufte die russische Regierung das Gelände an der Seine. Den internationalen Architektenwettbewerb im März 2011 hatte zunächst der Spanier Manuel Nunez-Yanovsky gewonnen. In der Folge mussten die Pläne wegen Schwierigkeiten mit der technischen Machbarkeit und Bedenken der französischen Denkmalschutzbehörde mehrfach abgeändert werden. Schließlich kam das zweitgereihte Projekt von Jean-Michel Wilmotte zum Zug. Erst am 24. Dezember 2013 unterzeichnete der Präfekt von Paris, Jean Daubigny, die Baugenehmigung. Schließlich versuchten noch einige Ex-Aktionäre des zerschlagenen russischen Erdölkonzerns „Yukos“ von Michail Chodorkowskij als „Entschädigung“ in den Besitz des prestigeträchtigen Geländes des Zentrums an der Seine zu gelangen, nahmen aber im September des heurigen Jahres von ihrem Vorhaben Abstand.

Rund um den Bau der Kathedrale im russisch-orthodoxen spirituellen und kuIturellen Zentrum hatte es lebhafte öffentliche Debatten gegeben. Im Zug der allgemeinen Russland-Kritik schrieb sogar die NZZ am 19. Oktober, die goldglänzenden Zwiebeltürme der neuen Kathedrale erinnerten „unweigerlich“ an die Architektur des Kreml in Moskau, daher habe sie auch schon den Spitznamen „Pariser Kreml“. Der frühere französische Kulturminister Frederic Mitterand verstieg sich zur ironischen Bemerkung, man müsse die Kathedrale eigentlich „Saint-Vladimir“ nennen, weil sich Präsident Putin persönlich um das Bauvorhaben gekümmert habe. (forts mgl)