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Franz König

Pro Oriente

Neuer Friedensaufruf von Papst Franziskus für das Heilige Land

Erzbischof Pizzaballa bedauert in seiner Predigt bei der Mitternachtsmette in Bethlehem Entwicklung der „Ideologie der Feindschaft“ im Nahen Osten - Mit dem Bild der „offenen Tür“ zu einer „Logik der Geschwisterlichkeit“ gelangen

Vatikanstadt-Jerusalem, 25.12.16 (poi) Papst Franziskus hat in seiner „Urbi et orbi“-Botschaft einen neuen Friedensaufruf für das Heilige Land formuliert. Wörtlich sagte der Papst in diesem Zusammenhang: „Friede den Frauen und Männern des geschätzten Heiligen Landes, das von Gott erwählt und geliebt ist. Israelis und Palästinenser mögen den Mut und die Entschlossenheit haben, eine neue Seite der Geschichte zu schreiben, in der Hass und Vergeltung den Platz räumen gegenüber dem Willen, gemeinsam eine Zukunft gegenseitigen Verständnisses und Einklanges zu schaffen“.

Der Apostolische Administrator des lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, stellte bei der Mitternachtsmette in der katholischen Katharinenkirche in Bethlehem (die unmittelbar neben der Geburtsbasilika liegt) das Bild der „Tür“ in den Mittelpunkt seiner Predigt. Dieses Bild erinnere an das „Risiko der Freiheit“, die sich öffnet oder verschließt und damit den ersehnten Frieden ermöglicht oder verhindert. Das christliche Weihnachtsfest sei nicht das „sentimentale Fest“, das man in den eigenen vier Wänden verbringt, in der Sicherheit des eigenen persönlichen, familiären oder sozialen Geheges. Wie die Hirten und die Heiligen drei Könige der biblischen Erzählung seien auch die Christen von heute eingeladen, sich auf den Weg zu machen, sich für den Einsatz zu entscheiden und die Bequemlichkeit zu verlassen, um in den „neuen Raum des Lebens und des Friedens“ einzutreten, den Christus verkündet. „Das Tor ist geöffnet, unsere Freiheit ist eingeladen, einzutreten“, stellte Erzbischof Pizzaballa fest.

Es sei ihm bewusst, dass heute alle Opfer des „zunehmenden Gefühls der Unsicherheit und des Misstrauens“ seien, sagte der Erzbischof. Die enttäuschten Friedenshoffnungen, die wiederkehrenden Attentate und Gewalttaten, die ergebnislose Rhetorik führten dazu, dass man sich einbunkere und Panzertüren errichte. Die geschlossenen Tore, die dicht gemachten Grenzen seien ein Sinnbild der Angst, die „unvermeidlicherweise die gewalttätige Dynamik des gegenwärtigen Augenblicks“ erzeuge. Was in der Welt geschehe, erzeuge Angst, die Hoffnungen zerschellten vor allem in den Ländern des Nahen Ostens inmitten von „sektiererischer Gewalt, Korruption und Herrschaft des Mammon“.

Erzbischof Pizzaballa bedauerte, dass es zur Entwicklung einer „Psychologie der Feindschaft“ gekommen sei, die sich zur Ideologie verformt und einen aggressiven Lebensstil erzeugt habe, eine konfliktgeladene Art des Umgangs mit den „Anderen“, ohne Hoffnung für die Zukunft. Wörtlich fügte Pizzaballa hinzu: „Von den Haustüren bis zu den Staatsgrenzen herrscht ein ‚Sich verschließen‘ in Angst und Misstrauen, in Ausschließung und Krieg“.

Weihnachten hingegen berichte von einer Freude und einem Frieden, die kommen, wenn es den guten Willen gibt, die Türen zu öffnen, „wenn wir den guten Willen Gottes teilen, der öffnet statt zu schließen, der gibt statt zu nehmen, der vergibt statt sich zu rächen“. In dieser Perspektive könne man von der „Ideologie der Feindschaft“ zu einer „Logik der Geschwisterlichkeit“ gelangen, so der Administrator des Patriarchats von Jerusalem. Die weihnachtliche Einladung, die Tore für Christus und für die Menschen zu öffnen, gelte allen, der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft, den Armen und den Mächtigen. Es bleibe die Frage, ob „wir die Tür unserer Urteile und Vorurteile öffnen, ob wir nach Bethlehem gehen, um einen neuen Weg zu beginnen oder ob wir in unsere Paläste eingeschlossen bleiben, um unsere Macht zu bewahren, unsere Interessen zu verteidigen, in der Bereitschaft, den ‚Anderen‘ auszuschließen, um die eigene Position aufrechtzuerhalten“. Die Antwort hänge von den freien und verantwortlichen Entscheidungen der Menschen ab – „im Blick auf das Christuskind, das offene Tor Gottes, das von keiner Zurückweisung geschlossen werden kann“.

An der Mitternachtsmette nahm – wie es der Tradition entspricht – der muslimische Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, gemeinsam mit anderen Spitzenpolitikern teil. Abbas hatte in seiner am 23. Dezember veröffentlichten Weihnachtsbotschaft betont, die Christen seien ein integraler Bestandteil der palästinensischen Gesellschaft.

Hoffnung auf die Friedfertigen

Die Spannungen im Heiligen Land – und generell im Nahen Osten - führte Erzbischof Pizzaballa im Gespräch mit „Radio Vatikan“ auf verschiedene negative Entwicklungen zurück. Machtpolitik und Waffenhandel, Extremismus und Perspektivlosigkeit der Jugend trügen dazu bei, dass immer wieder Gewalt aufflamme, stellte der Erzbischof im Hinblick auf die komplexe Gemengelage fest: „Es herrscht vor allem Angst, denn Angst bestimmt unsere Entscheidungen und Orientierungen. Es gibt Interessen, es gibt Waffenhändler, es gibt einen innerislamischen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten, es gibt den religiösen Fundamentalismus islamistischer Prägung, es gibt IS (Daesh). Aber es gibt auch weniger bekannte, doch nicht weniger tödliche Formen: eine erschreckende wirtschaftliche Lage, viele junge Leute unter 30 haben keine Perspektiven und sind ohne Arbeit. Es gibt eine soziale, religiöse und politische wirklich schwere Situation, einen verwirrenden und frustrierenden Lebenskontext“.

Nichtsdestotrotz gäbe es im Heiligen Land Christen, Juden und Muslime, die tagtäglich eine Kultur des friedlichen Zusammenlebens praktizieren, fügte der Erzbischof hinzu: „Der Nahe Osten besteht aus Millionen von friedfertigen Menschen. Es gibt viele Personen, Juden, Christen und Muslime, die sich einbringen. Das Weihnachtsfest erinnert uns daran: Es sind die kleinen Leute, die ,Kleinen des Evangeliums‘, das heißt die Armen, die einfachen Menschen, die Menschen von der Straße, die zusammenarbeiten, sich treffen, versuchen, ein würdevolles Leben zu leben und sich gegenseitig zu respektieren“.

Gegen Extremismus und Fundamentalismus

In seiner vorweihnachtlichen Pressekonferenz am 19. Dezember hatte der Administrator des lateinischen Patriarchats von Jerusalem ein realistisches Bild der Situation „in der Hoffnung auf die Überraschungen Gottes“ gezeichnet. Dabei stellte Pizzaballa im Hinblick auf das Heilige Land fest, dass es auch hier darum gehe, dem „wachsenden Extremismus und dem Fundamentalismus“ entgegenzutreten. Es mache betroffen, dass der Fundamentalismus in der jungen Generation verankert sei. Während des Jahres 2016 habe es verschiedene Akte des Vandalismus gegen Kirchen und christliche Friedhöfe gegeben. Es gehe nicht nur darum, solche Ereignisse zu beklagen, vielmehr wolle die Kirche zu einer Lösung der Probleme an der Wurzel beitragen. Von entscheidender Bedeutung sei die Bildung. In diesem Zusammenhang bedauerte der Erzbischof, dass das Problem der Finanzierung der katholischen Schulen in Israel nach wie vor ungelöst ist.

Grundsätzlich sei die Zukunft des Heiligen Landes leider „nebulös“, stellte Pizzaballa fest. Es sei evident, dass nach wie vor Hindernisse für „den Frieden zwischen Israel und Palästina“ bestehen und es keinen Dialog und Einsatz für einen wahren Frieden auf der Grundlage von „Gerechtigkeit und Sicherheit“ gebe. Wörtlich stellte der Erzbischof fest: „Weil es auf beiden Seiten an Einheit und Vision mangelt, scheinen Hass und Gewalt die Oberhand über Vernunft und Dialog zu haben“. Es sei Zeit, dass die Politiker endlich die „falschen Vorwände und den Egoismus“ überwinden und auf das Volk schauen, das „leidet und sich Frieden und Gerechtigkeit für alle wünscht“. In diesem Zusammenhang erinnerte der Administrator an den Bau der „Trennmauer“ im Tal von Cremisan, der trotz aller kirchlichen Appelle an die israelischen Behörden vorangetrieben worden sei. Die Grundstücke christlicher Familien seien enteignet worden, man habe diesen Familien ihr Erbe genommen.

Die katholische Kirche im Heiligen Land werde aber weiterhin daran arbeiten, „eine Mentalität des Friedens“ zu schaffen, so der Erzbischof. Das bedeute auch eine spirituelle Erneuerung der Ortskirche und den Beginn einer „Periode der Reformen“ in organisatorischer, administrativer und pastoraler Hinsicht. Diese Reformen würden sich an der Botschaft von Papst Franziskus ausrichten. Die Stimme des Papstes sei in der „derzeitigen politischen Konfusion“ auf internationaler Ebene die „einzige klare und prophetische Stimme“, auf die man sich verlassen könne.

Als erfreulich bezeichnete Pizzaballa die ökumenische Zusammenarbeit bei der Restaurierung der „Aedicula“ über dem Grab Christi in der Grabeskirche („Anastasis“) in Jerusalem und der Geburtsbasilika in Bethlehem. Diese Zusammenarbeit zeige, dass die Christen nur „gemeinsam“ auf Felsengrund aufbauen können. Zugleich betonte der Administrator, dass das lateinische Patriarchat weiterhin mit allen Menschen guten Willens – „Juden, Muslime, Nichtglaubende“ – kooperieren wolle, um Brücken zu bauen, den Armen zu helfen, die Jugend zu erziehen und die Flüchtlinge und Obdachlosen aufzunehmen.

Das Problem des Gebetsrufs

Im Gespräch mit den Journalisten äußerte sich der Administrator des Patriarchats von Jerusalem überaus skeptisch gegen einen israelischen Gesetzentwurf, der – im Zug des Kampfes gegen die „Umweltverschmutzung durch Lärm“ – vorsieht, dass auf den Minaretten der Moscheen auf israelischem Hoheitsgebiet die Lautsprecher demontiert werden müssen, von denen aus fünf Mal am Tag durch den „Adhan“ (Gebetsruf) die islamischen Gläubigen zum Gebet eingeladen werden. Wörtlich meinte der Erzbischof: „Ich meine, dass es sich um einen gefährlichen Präzedenzfall handelt. Ich wünsche mir, dass dieser Gesetzentwurf nicht weiter behandelt wird. Es gibt andere Möglichkeiten, um das Problem der akustischen Umweltverschmutzung zu lösen“.
Situation der Christen im Orient „wahre Tragödie“

In seiner Pressekonferenz ging der Administrator des Jerusalemer Patriarchats auch auf die allgemeine Lage im Nahen Osten ein. Die Situation der Christen in Syrien, im Irak und in Ägypten sei eine „wahre Tragödie“. Wörtlich sagte Pizzaballa: „Syrien und der Irak sind zerstört. Die Kriege und die Gewaltanwendung waren nicht imstande, Frieden und Gerechtigkeit zu bringen. Sie haben nichts anderes bewirkt als eine Zunahme der Gewalt, der Zahl der Toten und der Zerstörungen. Diese schrecklichen Kriege werden blind vom Waffenhandel bestimmt., vom Interessenspiel der Großmächte und vom unerbittlichen Fundamentalismus“. Notwendig seien aber „Verhandlungen und politische Lösungen“. Heere könnten Kriege gewinnen, aber um aufzubauen sei die Politik angefragt und von der gebe es derzeit keine Spur. In den nahöstlichen Kriegen seien viele Interessen im Spiel, aber „es sind die Armen und die Schwachen, die dafür den allzu teuren Preis zahlen müssen“. Der internationalen Gemeinschaft warf der Erzbischof „Tatenlosigkeit“ vor. Die Menschen seien der „leeren Slogans und fehlender Ergebnisse müde“.

Solidarität mit den Kopten

In der ersten Dezemberhälfte hatte Erzbischof Pizzaballa aus Anlass des blutigen Anschlags auf die St. Peter und Paul-Kirche in Kairo am 11. Dezember seine Solidarität mit den koptischen Christen unterstrichen. Am 13. Dezember suchte Pizzaballa mit einer Delegation seines Patriarchats den koptisch-orthodoxen Metropoliten von Jerusalem, Anba Antonios, in dessen Residenz an der Via Dolorosa zu einem Kondolenzbesuch auf. Dabei sagte der Erzbischof u.a.: „Wir möchten den koptischen Christen für ihr Zeugnis für den christlichen Glauben danken, das sie gegeben haben und weiterhin geben. Ihr seid die Kirche der Märtyrer. Wir sind solidarisch mit Euch“.

Am 16. Dezember fand auf Initiative der katholischen Bischofskonferenz des Heiligen Landes in der Josefskirche in Haifa ein Gebetsabend im Gedenken an die 26 koptischen Märtyrer von Kairo statt. In der Einladung dazu wurde darauf verwiesen, dass blinde sektiererische Gewalt das Leben schuldloser Menschen, die „im Gebet an heiligem Ort versammelt waren“, zerstört habe. Die Kirche von Jerusalem stehe an der Seite der koptischen Kirche, die immer wieder Ziel von Angriffen und Gewalttaten aller Art sei. Dabei wurde insbesondere an den Anschlag auf eine koptische Kirche in Alexandrien in der Nacht vom 31. Dezember 2010 auf den 1. Jänner 2011 verwiesen, dem 21 Gläubige zum Opfer gefallen waren. (ende)