Pro Oriente Logo

Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Chaldäischer Patriarch schlägt Gründung eines „Irakischen Kirchenrates“ vor

Beitrag zur Förderung einer „Kultur des Friedens und der harmonischen Koexistenz“ – Jeder EU-Mitgliedsstaat soll Partnerschaft mit einem oder mehreren der christlichen Orte in der Ninive-Ebene eingehen, um den Wiederaufbau zu ermöglichen

Bagdad-Erbil, 14.01.17 (poi) Der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako hat den im Irak präsenten christlichen Kirchen die Schaffung eines „Irakischen Kirchenrates“ vorgeschlagen. Ein entsprechendes Kommunique wurde auf der Website des chaldäischen Patriarchats und auch von der italienischen katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ veröffentlicht. Als Hauptziele des Kirchenrates werden die Förderung „des Geistes der christlichen Einheit“, die Koordinierung der Sozial- und Bildungsinitiativen der christlichen Kirchen und die Vertiefung des gemeinsamen Dialogs mit den Muslimen genannt. Es gehe aber auch um die Veranstaltung ökumenischer Gebetstreffen und die Erarbeitung gemeinsamer Positionen zu gesellschaftspolitischen Fragen, vor allem im Hinblick auf die soziale Gerechtigkeit und die Rechtsgleichheit von Christen und Muslimen im Irak. Der Kirchenrat solle insgesamt zur Förderung „einer Kultur des Friedens und der harmonischen Koexistenz“ beitragen.

Nach der Vorstellung von Mar Louis Raphael Sako sollte die Arbeit des Kirchenrats von einem Vorstand getragen werden, der alle drei Monate zusammentritt. Die Generalversammlung – der alle Bischöfe und sonstigen kirchenleitenden Persönlichkeiten im Irak angehören müssten – soll mindestens einmal im Jahr tagen. Alle im Irak präsenten christlichen Gemeinschaften – die katholische Kirche mit ihren verschiedenen Riten vom chaldäischen bis zum lateinischen Ritus, die Apostolische Kirche des Ostens mit ihren Zweigen, die syrisch-orthodoxe und die antiochenisch-orthodoxe Kirche, die armenisch-apostolische Kirche und die verschiedenen Zweige des Protestantismus – sollen in der Generalversammlung, aber auch im Vorstand vertreten sein.

„Furcht und Hoffnung“

Zum Weihnachtsfest nach gregorianischem Kalender hatte der chaldäisch-katholische Patriarch auch zu aktuellen politischen Fragen Stellung genommen. Bereits zum Auftakt der von einer internationalen Koalition unterstützten Offensive der irakischen Armee zur Befreiung der Ninive-Ebene und der Millionenstadt Mosul vom Joch der IS (Daesh)-Terroristen habe es unter den aus diesen Gebieten vertriebenen Christen große Freude gegeben, berichtete der Patriarch. Seit sich die Offensive hinziehe – die irakische Armee und ihre Verbündeten konnten viele Orte der Ebene und die östlichen Bezirke von Mosul befreien, die westlichen Bezirke der Metropole sind aber noch in der Hand der Terroristen – sei die Haltung der Vertriebenen aus „Furcht und Hoffnung“ gemischt.

Eine Voraussetzung für jeglichen Appell an die vertriebenen Christen zur Rückkehr in ihre Heimatorte sei die völlige Befreiung von Mosul. Denn solange noch einzelne Bezirke der Metropole in der Hand der Terroristen seien, könne „Daesh“ die Kleinstädte und Dörfer infiltrieren und dort Panik auslösen. Eine weitere Voraussetzung sei die Beseitigung der von den Terroristen installierten Minenfallen. Schließlich müsse man bedenken, dass viele Orte in der Ninive-Ebene zerstört seien, sagte der Patriarch, er habe Orte gesehen, wo 30 bis 40 Prozent der Häuser Ruinen sind. Auch die meisten Kirchen, viele Straßen und sonstige Infrastruktureinrichtungen seien schwer beschädigt.

In dem Interview erneuerte der Patriarch seine Skepsis gegenüber den christlichen „Babylon-Brigaden“. Wörtlich sagte der Patriarch: „Wenn die jungen Christen ihre Heimatorte schützen wollen, müssen sie sich in der irakischen Armee oder bei den kurdischen ‚Pesch Merga‘ engagieren. Die Milizen, das ist Anarchie“. Mar Louis Raphael Sako ließ keinen Zweifel, dass die vertriebenen Christen nach ihrer Rückkehr in ihre Heimstätten auch internationaler Hilfe bedürfen werden. Es sei eine von der UNO oder von der EU getragene Kontrollstelle notwendig, damit die Christen nicht neuerlich hilflos islamistischen Bedrängern ausgeliefert seien. Außerdem wünscht sich der Patriarch, dass jeder EU-Mitgliedsstaat – je nach seiner Größe – Partnerschafen mit einer oder mehreren Kleinstädten bzw. Dörfern in der Ninive-Ebene eingeht, um den Wiederaufbau zu ermöglichen. Eine solche Maßnahme werde im übrigen auch nach Europa geflüchtete Christen motivieren, in die Heimat zurückzukehren.

Als positiv bewertete der chaldäisch-katholische Patriarch eine neue Haltung der Regierung und der islamischen geistlichen Verantwortungsträger gegenüber den Christen. So habe es aus Anlass des Weihnachtsfestes Glückwünsche an die Christen gegeben, Ministerpräsident Haidar al-Abadi habe betont, dass er auf die „religiöse Verschiedenheit“ im Irak stolz sei. (ende)