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Franz König

Pro Oriente

Aoun: Christen im Nahen Osten müssen sich politisch mehr engagieren

Treffen des libanesischen Präsidenten mit dem Vorstand des Rates der Kirchen im Nahen Osten

Beirut, 18.01.17 (poi) Die Zahl der Christen im Nahen Osten schwinde nicht nur infolge von Konflikten und Gewalt, sondern auch wegen der geringen Bereitschaft der christlichen Gemeinden, politische Verantwortung zu übernehmen. Dies betonte der libanesische Präsident Michel Aoun (ein maronitischer Christ) bei einem Treffen mit dem Vorstand des Rates der Kirchen im Nahen Osten (MECC) am Dienstag. Eine Gefahr für die Christen im Nahen Osten seien im übrigen nicht nur die Bomben, sondern auch eine gewisse Geldgier, die sich in christlichen Gemeinden eingeschlichen habe. Bei dem Treffen im Präsidentenpalast in Baabda waren Vertreter aller Kirchen des Nahen Ostens anwesend, darunter auch der syrisch-orthodoxe Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. und der griechisch-orthodoxe Patriarch Youhanna X..

Der Präsident verwies auf den drastischen Rückgang der Zahl der Christen im Irak: Gab es im Zweistromland noch vor 15 Jahren mehr als 1,5 Millionen Christen, sind es heute nur mehr 300.000. “Wir wissen noch nicht, wie viele Christen Syrien verlassen haben”, fügte Aoun hinzu. Angesichts dieser Prozesse müsse man festhalten, dass nur die aktive Beteiligung der Christen am politischen Leben des eigenen Landes eine Kontinuität der Präsenz des Christentums im Nahen Osten garantieren könne. Das Christentum sei nicht aus dem „Ausland“ in den Nahen Osten gekommen. Wenn die Christen in ihrer Not jetzt ins „Ausland“ blickten, sei das für sie eine weitere Gefahr.

Aoun erinnerte in seiner Ansprache auch an das christliche Verständnis des Martyriums als Erfahrung der Auferstehung und nicht des Todes oder des Scheiterns: “Manche Politiker üben Kritik am Konzept des Martyriums, doch im Leben des Christen bedeutet das Martyrium die Hingabe des eigenen Lebens für die anderen”. Dies habe auch Jesus mit seinem Martyrium „für uns getan“.

Bei dem Treffen überreichte Präsident Aoun dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Youhanna X. (dessen Bruder, der Aleppiner Metropolit Boulos Yazigi, im April 2013 entführt wurde), ein Evangelienbuch in griechischer Sprache, dass die libanesische Armee bei einem dschihadistischen Kämpfer beschlagnahmte hatte. Dieser hatte es aus einem Kloster in Maalula gestohlen. Die Kleinstadt, deren Bewohner noch heute aramäisch, die Sprache Jesu, sprechen, war zeitweise von Terroristen der „al Nusra“-Miliz besetzt.

Neue Kontakte zu Riad

In der Vorwoche war Aoun um Verbesserung der Beziehungen mit Saudiarabien bemüht, das Ziel seiner ersten Auslandsreise als Präsident war. Die Spannungen zwischen Beirut und Riad hatten zur Aussetzung von Militärhilfen in Höhe von drei Milliarden Dollar geführt. Die Gespräche zwischen Präsident Aoun und König Salman könnten nach Ansicht von Beobachtern eine Stabilisierung der Situation im Nahen Osten begünstigen. Nach Angaben eines Mitglieds der libanesischen Delegation wurde bei den Gesprächen auch die Blockade der saudischen Finanzhilfen erwähnt. Über eine künftige Bereitstellung der Militärhilfen sollen Unterhändler der beiden Länder schon bald in separaten Gesprächen beraten.

Im vergangenen Jahr hatte Saudiarabien die Finanzhilfen mit der Begründung eingefroren, dass die schiitische Hizbollah-Bewegung im Land zunehmend an Einfluss gewonnen habe. Aoun und seine Partei gelten als wichtigste Verbündete der Hizbollah, daher hatte Riad mit allen Mitteln versucht, die Wahl des ehemaligen Generals zum Staatspräsidenten zu verhindern. Die Bemühungen Aouns um die Wiederaufnahme guter Beziehungen zu Saudiarabien zeigt, dass der libanesische Präsident auf einen Kompromiss zwischen den widersprüchlichen Positionen Riads und Teherans abzielt. Aoun ist überzeugt, dass die Stabilität im Libanon “die Sicherheit und die Stabilität aller nahöstlichen Länder” begünstigt. (ende)