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Franz König

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Irak: „Positive Signale“ im Hinblick auf christlich-islamisches Verhältnis

Chaldäischer Patriarch pangert aber Missbrauch von Religion durch Extremisten und Fundamentalisten an – „Hassrede ist eine Form von Terrorísmus“

Bagdad, 23.01.17 (poi) Im Irak gibt es „positive Signale“ im Hinblick auf das Verhältnis von Muslimen und Christen, stellte der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako in Bagdad bei einer Konferenz der „Massarat“-Stiftung zum Thema Religionsfreiheit fest. Der Patriarch nannte den Appell der Behörden der Provinz Najaf an die Muslime, mit den Christen das Weihnachtsfest zu feiern, das Verbot des Ministeriums für islamische religiöse Stiftungen („wakf“) an alle Imame, Predigten zu halten, die von Hass und Fluch gegen Christen gekennzeichnet sind und die Maßnahmen des Religionsministeriums der kurdischen autonomen Region gegen Stellungnahmen aller Art, die den interreligiösen Frieden stören. Ebenso würdigte Mar Louis Raphael Sako die „zivilisierte und ethische“ Haltung der Vereinigten Arabischen Emirate, die in einem Gesetz zum Ausdruck komme, das jede Art von religiöser Rede kriminalisiere, die die Koexistenz bedrohe oder zur Verhetzung zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften beitrage.

Der chaldäische Patriarch betonte zugleich, dass Extremismus und Hassrede nicht nur in der nahöstlichen Region, sondern weltweit zu einem „verstörenden Phänomen“ geworden seien. Dieses Phänomen sei vor allem für die orientalischen Christen eine Tragödie, weil sie ihm nichts anderes entgegenzusetzen hätten als „Gebet, Emigration und Schmerz“. Es müsse endlich allgemein das Bewusstsein entstehen, was der Missbrauch von Religion als Waffe für Konflikt und Krieg durch Extremisten und Fundamentalisten bedeute. Im Gegensatz zu diesem Missbrauch müsse Religion als „aktiver und einflussreicher Faktor“ zur Verbreitung des Friedens und zur Festigung der Koexistenz in der nahöstlichen Region und in der ganzen Welt genützt werden.

Um dies zu erreichen, sei es unerlässlich, jede Form der Hassrede – „unabhängig von der Quelle“ – offiziell als „terroristischen Akt“ anzuprangern, forderte der Patriarch. Es sei „überaus gefährlich“, den „schrecklichen Extremismus, der Hass gegen andere Religionen predigt“, einfach nur als „Form der Meinungsfreiheit“ zu betrachten. Die Hassrede sollte vielmehr als zu bestrafendes „Verbrechen und Ausdrucksform des Terrorismus“ gebrandmarkt werden.

Für den Irak ergebe sich die Notwendigkeit, nach der Vertreibung der IS (Daesh)-Terroristen die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Es gehe darum, „Logik und Vernunft“ anzuwenden, um „schlechte und exotische Interpretationen und Praktiken“ im religiösen Bereich zu unterbinden, die Bereitschaft zur Annahme des „Anderen“ zu fördern, die Lehre von Christentum und Islam über Nächstenliebe, Mitleid, Frieden zu verbreiten, entschlossene Schritte zur Bekämpfung des Terrorismus zu unternehmen und alle Formen der Aufforderung zur Ermordung oder Beraubung der Christen gesetzlich zu verfolgen.

Im Zusammenhang mit den „Konsequenzen“ bezeichnete es der chaldäische Patriarch als vordringlich, zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus Lehrpläne und Schulbücher von allen „Giftspuren“ des Hasses zu reinigen und eine „Kultur der Toleranz, der Modernität, der Reife und Offenheit“ zu übernehmen. Angesichts der multikulturellen und multireligiösen Struktur des Irak sei es notwendig, „wie in Südafrika“ eine „Versöhnung der verschiedenen Gemeinschaften“ voranzubringen. Das Ziel müsse ein „ziviler und demokratischer Staat“ sein, der auf der gleichberechtigten Bürgerschaft aller Bewohner unabhängig von Religion oder Ethnie beruht. Der zivile Staat sei imstande, die Rechte aller Bürgerinnen und Bürger zu garantieren und sie auf dem „Weg des Friedens und der Versöhnung“ zu unterstützen. (forts mgl)