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Franz König

Pro Oriente

Graz: Gedenken an einen „stillen Ökumeniker“

Orthodoxer Theologe Grigorios Larentzakis würdigt den vor kurzem verstorbenen Grazer Kirchenhistoriker Karl Amon – Der Kirchenhistoriker hatte den Antrag zur Abhaltung der ersten Ökumenischen Akademie gestellt, bei der Joseph Ratzinger, der spätere Benedikt XVI., feststellte: „Rom muss vom Osten nicht mehr an Primatslehre fordern als auch im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt wurde“ – Larentzakis plädiert dafür, aus diesen Aussagen endlich die Konsequenzen zu ziehen

Graz, 27.01.17 (poi) Als „stillen Ökumeniker mit weitem Horizont in Ost und West“ hat der Grazer orthodoxe Theologe em. Prof. Grigorios Larentzakis in einem Gespräch mit dem „Pro Oriente-Informationsdient“ (poi) den vor kurzem verstorbenen steirischen Kirchenhistoriker Karl Amon gewürdigt. Der im 93. Lebensjahr verstorbene Amon hatte von 1960 bis 1987 an der Grazer Katholisch-Theologischen Fakultät Kirchengeschichte gelehrt. Damit sich ein so gutes ökumenisches Klima entwickelt, wie es immer wieder Graz attestiert wird, bedarf es der Menschen, „die das wollen, initiieren und vor allem entsprechend handeln“, betonte Prof. Larentzakis. Ein solcher Mensch, ein „wahrer Förderer der Ökumene in Graz“, sei Prof. Amon gewesen.

Prof. Larentzakis berichtete von seinen ersten Eindrücken vom ökumenischen Klima an der Mur. Im Sommersemester 1965 sei er selbst noch Student an der Theologischen Hochschule des Ökumenischen Patriarchates auf Chalki gewesen. Für dieses Semester sei sein damaliger Professor - Konstantin Kallinikos - von der Grazer Theologischen Fakultät eingeladen worden, ein Semester lang als Gastprofessor orthodoxe Theologie in der steirischen Landeshauptstadt zu unterrichten. Damals habe er seinem Professor geholfen, die Koffer zum Bahnhof von Konstantinopel zu bringen, von wo zu diesem Zeitpunkt noch direkte Züge Richtung Graz verkehrten, so Larentzakis. Heute stellt er im Rückblick fest: „Wer hätte damals gedacht, dass ich fünf Jahren später auch nach Graz kommen würde, um orthodoxe Theologie nicht nur für ein Semester, sondern für fast 40 Jahre zu unterrichten“.

Prof. Karl Amon, 1965 Dekan der Theologischen Fakultät, habe die ökumenische Aktivität durch die Wirkung des orthodoxen Professors in Graz sehr unterstützt. Larentzakis: „Prof. Kallinikos schrieb mir, dass die Professoren in Graz ihn mit mehr als brüderlichen Gefühlen behandelt haben. Über Prof. Amon stellte er fest, dass er ‚die personifizierte Nächstenliebe‘ sei. Prof. Kallinikos versicherte mir auch, dass das ökumenische Klima an der Grazer Fakultät sehr gut sei, er selbst habe es als mehr als brüderlich erlebt, und deshalb werde es mir auch hier sehr gut gehen. Tatsächlich habe ich auch ein solches Klima erlebt, mit manchen ganz wenigen Ausnahmen“.

Amon habe immer das ökumenische Anliegen gefördert und somit „auch direkt meine Tätigkeit sehr unterstützt“, erinnert sich Prof. Larentzakis. Abgesehen von seiner grundsätzlichen ökumenischen Haltung habe der steirische Kirchenhistoriker auch einige ganz konkrete Initiativen ergriffen, die seine ökumenische Haltung sehr deutlich zum Ausdruck brachten. So habe sich Prof. Amon den Vorschlag von Larentzakis zu eigen gemacht, das Zehn-Jahres-Gedenken der Aufhebung (7. Dezember 1965) der gegenseitigen Exkommunikationen zwischen Rom und Konstantinopel von 1054 an der Grazer Fakultät ökumenisch zu begehen. Larentzakis: „Er hat den Antrag im Fakultätskollegium gestellt, eine Ökumenische Akademie in Graz zu organisieren. Gemäß diesem Beschluss wurde die erste Ökumenische Akademie in Graz am 25./26. Jänner 1976 in Zusammenarbeit mit der von Kardinal Franz König gegründeten Stiftung ‚Pro Oriente‘ und dem Interkonfessionellen Arbeitskreis ‚Ökumene in der Steiermark‘ durchgeführt“. Bei dem Ökumenischen Gottesdienst am 25. Jänner 1976 im Grazer Dom habe zum ersten Mal ein orthodoxer Metropolit - der damalige Wiener Metropolit Chrysostomos Tsiter – gepredigt. Beim wissenschaftlich theologischen Teil in der Aula der Grazer Universität – bei dem auch der damalige Apostolische Nuntius, Erzbischof Opilio Rossi, anwesend war - referierten der Athener Prof. Evangelos Theodorou und der spätere Papst Benedikt XVI. (damals Prof. Joseph Ratzinger in Regensburg) zum Thema „Prognosen für die Zukunft des Ökumenismus“. Der Vortrag von Prof. Ratzinger ging in die Geschichte der Ökumene als der berühmte „Grazer Vortrag“ mit damals revolutionären Vorschlägen ein, ruft Prof. Larentzakis in Erinnerung: „Leider konnte er diese Vorschläge als Papst nicht realisieren“. Einer dieser Vorschläge lautete: „Rom muss vom Osten nicht mehr an Primatslehre fordern als auch im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt wurde. Wenn Patriarch Athenagoras am 25. Juli 1967 beim Besuch von Papst Paul VI. diesen als Nachfolger Petri, als den ersten an Ehre unter uns, den Vorsitzenden der Liebe, benannte, findet sich im Mund dieses großen Kirchenführers der wesentliche Gehalt der Primatsaussagen des ersten Jahrtausends und mehr muss Rom nicht verlangen“.

Schlussworte formulierte bei dieser Ökumenischen Akademie u.a. der damalige „Pro Oriente“-Präsident Theodor Piffl-Percevic, der dazu aufforderte, alles Mögliche für die Förderung der Einheit zu tun, so Prof.Larentzakis. Er zitiert den einstigen Unterrichtsminister wörtlich: „Was können wir tun? Wohl das, was jeder auf seine Weise, dank seiner Glaubens- und Allgemeinbildung, dank seiner Stellung und äußeren Möglichkeiten in der konkreten Zeit, am konkreten Ort, zu tun fähig ist. Und so glaube ich nun, dass Österreich ein solcher konkreter Ort ist, und wir aufgerufen sind, dank unserer Lage hier in Österreich das zu tun, was uns möglich ist…. Unsere Hoffnung auf die Einheit ist großen Versuchungen ausgesetzt, zu resignieren, großen Versuchungen ausgesetzt, zu erlahmen. Aber eines, was nie geschehen darf: nie darf die Liebe wanken. Die Liebe höre niemals mehr auf“.

Prof. Amon schrieb damals im Hinblick auf die Ökumenische Akademie, wie Prof. Larentzakis heute hervorhebt: „Einen ebenso bedeutsamen wie überraschenden Schritt taten vor über zehn Jahren Papst Paul VI. und der Ökumenische Patriarch Athenagoras I., als sie - gleichzeitig in Rom und in Konstantinopel - einen Tag vor dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils erklärten, dass sie die gegenseitigen Bannsprüche vom 16. bzw. vom 24. Juli 1054, deren Erinnerung bis in unsere Tage einer Annäherung in der Liebe hindernd im Wege stehen, bedauern, aus dem Gedächtnis und aus der Mitte der Kirche auslöschen und der Vergangenheit überliefern‘. Es wird dennoch ihrer Absicht entsprechen, wenn wir uns nach zehn Jahren über die Bedeutung der Schritte von 1054 und 1965 Rechenschaft geben. Denn der mit dem deutschen Wort ‚Entfremdung‘ besonders gut bezeichnete Zustand dauert seit dem kirchlichen Altertum bis heute an, seine Überwindung verlangt von den Christen des Ostens wie des Westens noch viel Mühe“. Im Anschluss daran habe Prof. Amon die tatsächliche Bedeutung der Exkommunikationen des Jahres 1054 im Hinblick auf die Wiederherstellung der vollen Kirchengemeinschaft der beiden Kirchen bewertet und festgestellt, dass damals die Kirchen des Ostens und des Westens mit den Exkommunikationen einander gegenseitig „überhaupt nicht verurteilt“ hätten.

Geschah 1054 das Schisma wirklich?

Prof. Larentzakis zitiert den verstorbenen steirischen Kirchenhistoriker wörtlich: „Hatte der streitbare Hubert von Silva Candida, Berater Papst Leos IX. und dessen Gesandter an Kaiser und Patriarch in Konstantinopel, überhaupt am 16. Juli 1054, drei Monate nach dem Tod seines Auftraggebers, noch das Recht, die Bannbulle auf dem Altar der Hagia Sophia niederzulegen? Sie richtet sich außerdem nur gegen den Patriarchen Michael Kerullarios und dessen Anhang, nicht gegen den Kaiser oder die ganze östliche Kirche. Der Patriarch, auch er kein verständnisvoller Gesprächspartner, exkommunizierte auch nicht die ganze abendländische Kirche, sondern nur Humbert und seine Hintermänner… Das römische Unternehmen war eigentlich ein Verständigungsversuch gewesen. Teil eines Planes, Alt- und Neu-Rom auf eine gemeinsame Linie gegen die Normannen in Unteritalien zu bringen“. Im Hinblick auf diese “richtige Darstellung“ der damaligen Ereignisse durch Prof. Amon müsse man also die konkrete und berechtigte Frage stellen: „Geschah damals im Juli 1054 überhaupt durch diese Exkommunikationen das große Schisma zwischen der Ost- und der Westkirche?“ Prof. Larentzakis ist überzeugt, dass diese Frage „,mit Sicherheit“ verneint werden muss. Aber dann müsse man die Frage stellen: An welchem Datum geschah dann das große Schisma? Gibt es überhaupt ein solches Datum mit diesen Folgen? Eine intensivere Beschäftigung mit dieser Frage, auch im Sinne der Auswertung der Überlegungen von Prof. Amon, sei überfällig. Nach Überzeugung von Prof. Larentzakis wird sich ein solches „zwingendes und endgültiges Datum für das radikale große Schisma zwischen Ost- und Westkirche - vorher volle Kirchengemeinschaft, nachher absolut keine Kirchengemeinschaft“ - nicht finden. Man müsse sich der Frage stellen, was das für die Beziehungen der Kirchen heute bedeute.

Prof. Amon habe - nach einer kurzen Aufzählung von manchen einseitigen kirchlichen Entwicklungen in der Westkirche im zweiten Jahrtausend, die sich auf die Gemeinschaft der Kirchen hinderlich auswirkten - nicht ohne Selbstkritik dazu aufgefordert, entsprechende Initiativen zu ergreifen, um die Wiederherstellung der Kirchengemeinschaft zu fördern: „Erst vor diesem Wald von Hindernissen sind Bedeutung und Tragweite der Bannaufhebung, die zu den großartigen Taten der ökumenischen Bewegung des 20. Jahrhunderts gehört, zu ermessen. Mit dem 7. Dezember 1965 ist grundsätzlich die Kircheneinheit wiederhergestellt, denn der Gegensatz zur Exkommunikation ist die Kirchengemeinschaft. Was so lange Zeit auseinanderwuchs, ist jedoch nicht mit einem Rechtsakt wieder zu verbinden, sondern braucht viel Arbeit und Mühe, Gebet und Bereitschaft zum Verzeihen, um wieder eins zu werden. Die Bannaufhebung macht das furchtbare Unglück gut, das Humbert von Silva Candida und Michael Kerullarios im Juli 1054 anrichteten. Arbeit für die Vereinigung von katholischer und orthodoxer Kirche bleibt aber noch genug: das von Papst und Patriarch zum Zehn-Jahres-Jubiläum angekündigte theologische Gespräch der Kirchen, dazu das allmähliche Sich-kennen-lernen nach langer Entfremdung, das Verstehen vor allem der wertvollen Besonderheiten der anderen Kirche. Die Freude, mit der man schon nach zehn Jahren feiert …, ermutigt zur Hoffnung auf eine ökumenische Zukunft der wiedervereinigten Kirche“.

Die historisch und kirchenrechtlich richtigen Einschätzungen von Prof. Amon über die Ereignisse von damals und seine hoffnungsvolle ökumenische Aufforderungen haben nach wie vor große Bedeutung und sie haben an Aktualität und Dringlichkeit auch nach mehr als 40 Jahren nichts verloren, betont Prof. Larentzakis. Der offizielle Theologische Dialog habe dann im Jahre 1980 begonnen und „er wird weiterhin mit einigen wichtigen Dokumenten fortgesetzt, obwohl wir noch mehr und konkretere Ergebnisse erwarten könnten. Umso mehr ist es erforderlich, unsere Anstrengungen mit allen unseren Möglichkeiten zu verstärken“.

Es gebe Beispiele der konkreten ökumenischen Haltung, die richtungweisend sein können, so der Grazer orthodoxe Theologe. Im Jahre 1986 habe Karl Amon mit anderen katholischen Kirchenhistorikern ein Handbuch der „Geschichte der Katholischen Kirche“ herausgegeben. Das Interessante und ökumenisch Relevante sei dabei, dass Prof. Amon den Vorschlag machte, für dieses Handbuch einen orthodoxen Theologen zu ersuchen, das schwierigste Kapitel über „Das Verhältnis von Ost- und Westkirche“ zu schreiben. Dieses Angebot sei für ihn eine „ehrenvolle, aber zugleich verantwortungsvolle“ Aufgabe gewesen, so Prof. Larentzakis, denn es sei kein katholischer Theologe ersucht worden, ein paralleles Kapitel dieses Zeitabschnittes zu schreiben. Dieser schwierige Zeitabschnitt habe die Ereignisse des Bilderstreits, die Spannungen zwischen dem Patriarchen von Konstantinopel Photios und Papst Nikolaus I., die fortschreitende Entfremdung in der Zeit von Patriarch Michael Kerullarios und Papst Leo IX., die Kreuzzüge und die Verfestigung des Schismas, die Rückeroberung Konstantinopels und die Unionsversuche von Lyon und Ferrara-Florenz umfasst. Der ökumenische Wert der Darstellung habe darin bestanden, dass sie – obwohl von einem Orthodoxen geschrieben - in keinem Punkt von katholischer Seite beanstandet wurde.

Prof. Larentzakis erinnert daran, dass Amon aber auch in Richtung auf die reformatorischen Kirchen ökumenisch sehr offen war. Bereits durch seine Habilitationsschrift mit dem Titel „Die Steiermark vor der Glaubensspaltung. Kirchliche Zustände 1490 bis 1520“ habe Amon dargelegt, dass die Einheit der Kirche ein großes Anliegen für ihn war. Das habe sich auch in seiner Beteiligung an der ökumenischen Initiative für die Gründung des „Interkonfessionellen Arbeitskreises Ökumene in der Steiermark“ 1967 gezeigt, aber auch in der Betreuung der Habilitationsschrift („Urbanus Rhegius und die Anfänge der Reformation“) seines damaligen Assistenten und dann Nachfolgers am Institut für Kirchengeschichte an der Grazer Theologischen Fakultät, Prof. Maximilian Liebmann. Das Grazer Institut für Kirchengeschichte sei durch die Wirkung von Prof. Amon und seiner Nachfolger zu einem „wichtigen Baustein und einer fruchtbaren Wirkungsstätte der ökumenischen Grundausrichtung“ dieser Fakultät geworden, so Prof. Larentzakis. (ende)