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Franz König

Pro Oriente

Patriarch Ignatius Aphrem II. traf mit Viktor Orban zusammen

Ungarische Regierung will die bedrängten christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten unterstützen – Lob für den neuen Vizestaatssekretär Tamas Török, der für die Maßnahmen zugunsten der verfolgten Christen zuständig ist

Budapest, 25.02.17 (poi) Der syrisch-orthodoxe Patriarch Mar Ignatius Aphrem II. ist im Parlament in Budapest mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban zusammengetroffen. An der Begegnung nahm u.a. auch der syrisch-orthodoxe Metropolit von Mosul, Mar Nicodemus Daoud Sharaf, teil. Der Patriarch schilderte seinen ungarischen Gesprächspartnern eindringlich die Situation der Christen im Nahen Osten. Insbesondere ging er auf die Verfolgung der Christen durch die islamistischen Kräfte ein; der Patriarch fügte hinzu, dass es leider auch in Flüchtlingslagern in Europa immer wieder zu Fällen von Mobbing gegen christliche Flüchtlinge aus Syrien komme. Mar Ignatius Aphrem II. ersuchte den ungarischen Ministerpräsidenten auch um Hilfe im Hinblick auf die beiden entführten Metropoliten von Aleppo, Mar Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi. Ausdrücklich dankte er Viktor Orban für die Ernennung des neuen Vizestaatssekretärs Tamas Török im Oktober des Vorjahrs; Török soll sich um die Situation der verfolgten Christen annehmen. Orban kündigte an, dass die ungarische Regierung jährlich zwei Millionen Euro für die leidenden Christen in Syrien aufbringen wolle. Zugleich bekundete er gegenüber dem Patriarchen die Bereitschaft, christlichen Studenten aus dem Nahen Osten und Nordafrika bei der Erzielung von Studienabschlüssen behilflich zu sein.

Es war nicht die erste Begegnung des syrisch-orthodoxen Patriarchen mit Viktor Orban. Mar Ignatius Aphrem II. hatte im August des Vorjahrs bei der 7. Konferenz des „International Catholic Legislators Network“ (ICLN) in Frascati bei Rom die dramatische Situation der orientalischen Christen dargelegt. An der ICLN-Konferenz nahmen u.a. auch Kardinal Christoph Schönborn und Ministerpräsident Orban teil. Das „International Catholic Legislators Network“ wurde 2010 begründet, um die Förderung christlicher Werte im politischen Bereich zu fördern. Gründer ist der Präsident des „International Theological Institute“ (ITI) in Trumau (Niederösterreich), Christiaan Alting von Geusau; ihm standen Kardinal Schönborn und Lord David Alton, Mitglied des britischen Oberhauses und seit Jahrzehnten an vorderster Linie für die verfolgten Christen und für den Schutz des ungeborenen Lebens engagiert, zur Seite.

In einem Interview mit der Samstagausgabe der Wiener Tageszeitung „Die Presse“ stellte Mar Ignatius Aphrem II. bei aller Vorsicht gegenüber Zahlenangaben fest, dass es „vielleicht bald keine Christen mehr in der nahöstlichen Region geben wird“, wenn es so weitergehe wie bisher. Der seit 2011 andauernde syrische Bürgerkrieg habe auch tausende Christen das Leben gekostet bzw. seien sie schwer verletzt worden. Die eigentliche Tragödie sei aber die Massenflucht als Folge des Krieges. „Die Presse“ zitierte den Patriarchen: „Wir sind sowohl für die Terroristen des Islamischen Staates als auch für die angeblichen Rebellen in doppelter Hinsicht Feinde. In beiden Fällen handelt es sich um islamistische Extremisten. Für sie sind wir Christen Ungläubige. Aber sie verfolgen uns auch deswegen, weil sie uns für Verbündete der Regierung halten“.

Den Christen sei von der Regierung nie Schlechtes erfahren, stellte der syrisch-orthodoxe Patriarch fest. Aber natürlich gebe es in Syrien vieles, was dringend verbesserungswürdig sei. Syrien brauche mehr Demokratie. Alle Gruppen der Bevölkerung müssten repräsentiert sein.
In dem „Presse“-Interview stellte Mar Ignatius Aphrem II. fest, es würden Milliarden von Euro für jene ausgegeben, die aus dem Land fliehen, aber nicht für jene, die im Land selbst vertrieben und notleidend sind. Diese Menschen kämen dann notgedrungen nach Europa. Der Westen bleibe leider „stumm und untätig“ angesichts der Vernichtung der christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten. Ungarn verfolge mit der Errichtung des Vizestaatssekretariats genau die richtige Politik, um zumindest zu versuchen, die christlichen Gemeinden im Nahen Osten zu retten, so der Patriarch.

Vizestaatssekretär Tamas Török hatte zum Jahreswechsel in einem Interview mit der „Budapester Zeitung“ betont, dass es in Ungarn als moralische Pflicht angesehen werde, einer Gemeinschaft wie den orientalischen Christen zu helfen, mit der „wir uns seelenverwandt fühlen“. Ministerpräsident Orban und Minister Zoltan Balog seien in Frascati erschüttert gewesen über die Schilderungen von Mar Ignatius Aphrem II. und anderer führender Kirchenvertreter. In der Folge sei es zur Gründung des Vizestaatssekretariats gekommen.
Aufgabe des Vizestaatssekretariats sei es, die bisher schon laufenden humanitären Hilfsaktionen für die orientalischen Christen noch besser zu koordinieren. Außerdem werde ein Stipendienprogramm gestartet, in dessen Rahmen in den kommenden zwei Jahren 250 verfolgte christliche Jugendliche aus dem Nahen Osten in Ungarn empfangen werden. Ganz wichtig sei auch die Sensibilisierung der Weltöffentlichkeit im Hinblick auf die aktuelle Christenverfolgung. Zu diesem Zweck solle jährlich in Budapest ein Weltkongress unter Mitwirkung von internationalen Experten und von Repräsentanten der orientalischen Kirchen abgehalten werden. Auch werde es alljährlich in mehreren Sprachen ein Jahrbuch zur Situation der verfolgten Christen geben. Török: „Wir möchten, dass Budapest beim Schutz von verfolgten Christen zu einem maßgeblichen internationalen Zentrum wird“.

Von großer Bedeutung sei auch die Analyse der Ursachen der Christenverfolgung. Jahrhunderte hindurch hätten Christen und Nichtchristen in der Region mehr oder weniger friedlich zusammengelebt, jetzt plötzlich nicht mehr. Es stelle sich die Frage, wie sich die Situation so dramatisch verändern konnte und wie die religiöse Intoleranz entstanden sei, die die christlichen Gemeinschaften nun in ihrer Existenz gefährdet. Dabei sei es wichtig, zu betonen, dass auch zahlreiche Muslime Opfer der Radikalisierung, des Missbrauch der Religion, sind. Wörtlich fügte der Vizestaatssekretär hinzu: „Der Mut der Nahost-Christen bei der Verteidigung ihrer Werte, die auch unsere sind, sollte für uns beispielgebend sein. Nun brauchen sie unsere Unterstützung, damit sie entsprechend ihrer Werte und ihrer Lebensart weiterhin in ihrer Heimat leben können. Das ist der ausdrückliche Wunsch der Bischöfe dieser christlichen Gemeinschaften. Niemand gibt freiwillig seine Heimat auf. Keinen Europäer, ob nun Christ oder nicht, sollte das Schicksal unserer Geistesverwandten im Nahen Osten kalt lassen!“

Er finde es „politisch korrekt“, die Wahrheit auszusprechen und Solidarität für Geistesverwandte zu bekunden, unterstrich Török: „Es geht auch um unsere Wurzeln, es geht um unsere Werte und bestimmenden Prinzipien. Diese müssen wir kontinuierlich verteidigen. Wir müssen uns aber bewusst sein, warum uns diese Werte etwas bedeuten und warum sie uns so wichtig sind. Ohne das Christentum würde es unsere Lebenswirklichkeit mit Demokratie und Meinungsfreiheit nicht geben“.

Man müsse aber auch bedenken, dass derzeit 80 Prozent der wegen ihres Glaubens ermordeten Menschen Christen sind, erinnerte der ungarische Politiker. Anfang des 20. Jahrhunderts sei im Nahen Osten jeder vierte Bewohner ein Christ gewesen, heute gehöre dort nur noch jeder 33. einer christlichen Glaubensgemeinschaft an. Török: „Vor unseren Augen vollzieht sich eine schreckliche Entwicklung. Trotzdem bleibt der Westen erstaunlich passiv. Zuweilen hat es gar den Anschein, als würde der westlichen Öffentlichkeit das Schicksal von anderen Leidtragenden der Konflikte im Nahen Osten deutlich näher am Herzen liegen“. (ende)