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Franz König

Pro Oriente

Kardinal Tauran bewertet Wiederaufnahme des Dialogs mit der Al-Azhar positiv

Je mehr die islamistischen Terroristen unter Beweis stellen wollen, dass es nicht möglich sei, mit den Muslimen zusammen zu leben, umso mehr müsse das Gegenteil bekräftigt werden – „Wir haben auf freie Weise gesagt, was wir heute und morgen gemeinsam angehen wollen“

Vatikanstadt-Kairo, 28.02.17 (poi) Die islamistischen Terroristen wollen unter Beweis stellen, dass es nicht möglich sei, mit den Muslimen zusammen zu leben. Umso mehr müsse das Gegenteil bekräftigt werden, ist Kardinal Jean-Louis Tauran, der Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, überzeugt. Interreligiöse Treffen wie das jüngste an der Al-Azhar-Universität in Kairo seien von außerordentlicher Bedeutung, „weil sie zeigen, dass es eine Möglichkeit gibt, zusammen zu arbeiten“, sagte er im Gespräch mit „Radio Vatikan“. „Je mehr die Gewalt zunimmt, desto mehr sind Treffen dieser Art notwendig“, so der Kardinal im Hinblick auf das Seminar in Kairo, bei dem der Dialog zwischen dem Vatikan und der Al-Azhar offiziell wiederaufgenommen wurde.

„Wir untersuchten alle Ursachen der Gewalt“, berichtete Tauran über das Treffen in Kairo. Alle - vor allem auch die Muslime – seien sich einig gewesen, dass es nicht erlaubt ist, sich auf die Religion zu berufen, um Gewalt zu rechtfertigen. Es habe völlige Übereinstimmung zwischen Katholiken und Muslimen über die aktuelle terroristische Bedrohung gegeben, aber auch über die Notwendigkeit, der jüngeren Generation Werte zu vermitteln. Das Treffen an der Al-Azhar habe eine „neue Phase“ in den Beziehungen zu den Muslimen eingeleitet. Die Begegnung fand neun Monate nach dem historischen Besuch des Großimams der Al-Azhar, Ahmed al-Tayyeb, bei Papst Franziskus am 23. Mai des Vorjahrs statt.
Wörtlich stellte Kardinal Tauran fest: „Es ist eine neue Phase. Das Problem der Regensburger Rede von Benedikt XVI. und die Tatsache, dass es über Jahre hinweg keinerlei Austausch zwischen uns gegeben hat, ist nicht einmal angesprochen worden. Wir haben auf freie Weise gesagt, was wir heute und morgen gemeinsam angehen wollen, und ich denke, dass das wichtig ist, denn das ist Konkretheit. Sagen wir einmal, dass der Weg wieder gangbar ist“.

Bereits zum Auftakt des gemeinsam organisierten hochrangigen Seminars an der Al-Azhar hatte der Kardinal die Entscheidung der führenden Rechtsautorität des sunnitischen Islam gelobt, den Gesprächsfaden mit dem Vatikan wieder aufzunehmen: Das sei möglich, weil sich Islam und Christentum eigentlich „sehr nahe“ sind. Scheich Abbas Chouman meinte bei der selben Gelegenheit, der Prophet Mohammed habe in Wort und Tat immer zum Respekt gegenüber den Christen aufgerufen. Es sei „traurig zu sehen, dass im Namen der Religion Verbrechen verübt werden“.

Der Fundamentalismus sei nur durch die wahre Kenntnis des Islam und seiner Werte zu bekämpfen, stellte zur Eröffnung des Seminars Großimam Ahmad al-Tayyeb in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „La Stampa“ fest. Der Islam lehne jede Form von Diskriminierung ab, meinte er. Als Beispiel dafür nannte er die erste islamische Gesellschaft zur Zeit des Propheten in Medina: Dies sei eine Zeit „einer wahren Koexistenz (..) in einem Kontext des gegenseitigen Respekts und der Gleichberechtigung“ gewesen. Das Wesentliche im Dialog zwischen jungen Muslimen und Christen sei der Kampf gegen Hass und Radikalismus.

P. Samir: „Abbruch war nur inszeniert“

Der ägyptische Jesuit und Islamwissenschaftler P. Samir Khalil Samir hat in einem „Tagespost“-Interview im Hinblick auf die Wiederaufnahme des Dialogs in Kairo Saudiarabien vorgeworfen, Druck auf Al Azhar und den Großimam auszuüben. „Als die Delegierten von Al-Azhar voriges Jahr in Tschetschenien bei einer Konferenz von insgesamt 200 Islamgelehrten aus Ägypten, Syrien, Jordanien, Sudan und Europa erklärten, dass der Wahhabismus im Widerspruch zum wahren Islam steht, kündigte Saudiarabien die Kürzung von Subventionen in Milliardenhöhe an“, sagte er im Interview. Den Abbruch des Dialogs zwischen dem Vatikan und Al-Azhar vor sechs Jahren habe er als „inszeniert“ erlebt, die Begründung als Vorwand, betonte der Jesuit. Vor sechs Jahren appellierte Papst Benedikt XVI. an den damaligen ägyptischen Präsidenten, die Kopten besser zu verteidigen, nachdem Islamisten in einer koptischen Kirche in Alexandrien in der Neujahrsnacht eine Bombe gezündet und 23 Christen getötet hatten. „Daraufhin hat Ahmed al-Tayyeb dies zum Vorwand genommen, um die Gespräche abzubrechen. Er wies die Worte als Einmischung in die Politik zurück. Das war nur gespielt“, so P. Samir.

Der Jesuit erkennt ein wesentliches Versäumnis des Mainstream-Islam bei der Klärung des Verhältnisses zur Gewalt, wie sie heute die IS-Terroristen ausüben: „Diese Würdenträger verherrlichen nicht Gewalt, aber die klassische Lehre kann in die Arme des IS treiben. Die Kämpfer sagen, sie seien echte Muslime und handelten genauso wie ihr Prophet. Alles, was die Kämpfer tun, hat seine Wurzeln in der islamischen Tradition“. Das Wichtigste und zugleich Schwierigste wäre, die Passagen in den islamischen Texten, in denen Gewalt vorkommt, ins Heute zu übertragen, sagte P. Samir: „Das bedeutet eine Revolution. Die Christen könnten dabei helfen“.

Gemeinsame Linie Großimam und Papst-Patriarch

In der Woche vor dem Seminar mit dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog hatte Großimam al-Tayyeb gemeinsam mit dem koptisch-orthodoxen Papst-Patriarchen Tawadros II. in Kairo eine Konferenz zur gesellschaftlichen Bedeutung ethischer Werte abgehalten. Großimam und Patriarch betonten dabei übereinstimmend, dass religiöse und moralische Werte mehr denn je für die nationale Einheit und den Kampf gegen Fundamentalismus und Terrorismus notwendig seien.

Der Großimam unterstrich in seiner Eröffnungsrede, wie wichtig die Bildung der Jugend für die Entwicklung einer Gesellschaft sei. Auch der Papst-Patriarch sprach von der Notwendigkeit, die Bildungsstruktur des Landes zu verbessern. Außerdem betonte er die entscheidende Rolle der Familie und ihrer Werte für das gesellschaftliche Leben. In diesem Zusammenhang erinnerte Tawadros II. an die hohen Scheidungsraten im Land und an die Gegenmaßnahmen, die Präsident Al-Sisi vor wenigen Tagen vorgeschlagen hatte. (ende)