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Franz König

Pro Oriente

Irak: „Früher hatten die Christen mehr Hoffnung“

Resignative Zwischenbilanz des syrisch-katholischen Erzbischofs Youhanna Boutros Mouche – Vor sechs Jahren hatte Mouches Amtsvorgänger, Erzbischof Basile Georges Casmoussa, in Wien bereits ein düsteres Bild von der Situation der Christen im Zweistromland gezeichnet, aber seither wurde alles noch dramatisch schlimmer

Erbil-Beirut, 05.03.17 (poi) Eine resignative Zwischenbilanz über die Lage in Mosul und der Ninive-Ebene hat der syrisch-katholische Erzbischof von Mosul und Kirkuk, Youhanna Boutros Mouche, im Gespräch mit „Radio Vatikan“ gezogen: „Sie wissen doch: Krieg ist Krieg. Was kann man sich vom Krieg anderes erwarten als Zerstörung und Tod“. Er habe zwar gehört, dass drei christliche Familien in den „befreiten“ Teil von Mosul zurückgekehrt seien, aber er habe auch die Gotteshäuser gesehen: „Die sind praktisch demoliert. Alles, was man stehlen konnte, ist weg: Türen, Fenster, Stühle. Sogar Marmor – um ihn weiterzuverkaufen“. Was jetzt werden soll aus den Christen, die 2014 vor den IS-Terroristen aus Mosul und der Ninive-Ebene geflohen sind? Das frage er sich auch, sagt der Erzbischof, das mache ihm Sorgen. „Vor der Befreiung unserer Dörfer in der Ninive-Ebene hatten die Leute noch stärkere Hoffnung auf eine Rückkehr. Aber mittlerweile haben viele schon das Land verlassen und woanders um Asyl gebeten. Und als wir unsere Häuser gesehen haben in den befreiten Dörfern rund um Mosul, da haben wir festgestellt: Viele von diesen Häusern waren niedergebrannt. Das war für uns eine Drohbotschaft. Das zeigt, wieviel Hass die Leute dort noch im Herzen haben“.

Früher einmal hätten die Christen mit ihren muslimischen Nachbarn in Frieden gelebt, so der syrisch-katholische Erzbischof. Aber ob das jetzt wieder vorstellbar wäre? „Die haben unsere Häuser nicht nur ausgeplündert, sondern niedergebrannt. Warum? Für uns ist das eine klare Botschaft. Sie heißt: Kommt nicht zurück. Wenn ihr trotzdem kommt, passiert mit euch dasselbe. Ihr werdet verbrannt“.

Natürlich würden die Christen am liebsten wieder an „früher“ anknüpfen. Und der Erzbischof kennt auch die vielen kirchlichen Aufrufe, die Christen im Irak seien wichtig, um dort Zeugnis zu geben: „Aber um ein Zeugnis zu geben, muss man wenigstens leben können…“ Die Christen fühlten sich "weiter sehr unsicher". Zwar würden die IS-Terroristen von Regierungstruppen weiter zurückgedrängt, sagte Mouche in Essen zum Auftakt einer Europa-Reise. Doch ein militärischer Sieg genüge nicht. Der IS sei als Ideologie "immer noch sehr stark".

Der Erzbischof forderte internationale Unterstützung, um die Rückkehr von Christen in ihre Heimatorte im Irak zu ermöglichen. Viele Flüchtlinge wollten dorthin zurückkehren, hielten sich aber noch sehr zurück. Im Gebiet von Qaraqosh und Bartella in der Ninive-Ebene seien etwa die Häuser christlicher Familien niedergebrannt worden. Das sei "ein unangenehmes Zeichen" für ein künftiges Zusammenleben.

Die Christen im nördlichen Irak hoffen nach Worten des Erzbischofs auf eine "mächtige Seite, die uns für Sicherheit bürgt": Sie wünschten sich für ihre Gebiete eine Form der Selbstverwaltung. Es gebe Bestrebungen, die Region in verschiedene Provinzen für Sunniten, Kurden usw. aufzuteilen; "aber wir als Christen werden in diesem Zusammenhang nie erwähnt", bedauerte er.

Der Erzbischof weiter: "Wir setzen keine große Hoffnung in die Zentralregierung und bitten um aktive Unterstützung der Weltgemeinschaft“. Die christliche Bevölkerung sei durch den anhaltenden Konflikt sowie Flucht und Vertreibung inzwischen verarmt. Nach seinen Angaben sind von den ursprünglich rund 53.000 Christen seiner syrisch-katholischen Eparchie mehr als die Hälfte geflohen. Je länger der Wiederaufbau dauere, desto komplizierter werde eine Rückkehr der Familien.

Mouche ist seit 2011 Erzbischof von Mosul. Sein Amtssitz wurde zunächst nach Qaraqosh (Baghdida) verlagert. Dann überrollten die IS-Terroristen auch diese Stadt. 50.000 Christen flüchteten damals im Sommer 2014 in einer Nacht mit dem Erzbischof in die autonome kurdische Region.

Wie sehr sich die Situation der Christen im Zweistromland verschlechtert hat, wird an Hand der Aussagen des Amtsvorgängers von Mouche - Erzbischof Basile Georges Casmoussa – im November 2011 beim 3. „Colloquium Syriacum“ von „Pro Oriente“ in Wien deutlich. Casmoussa, der damals schon nicht mehr Erzbischof von Mosul war, zeichnete vor sechs Jahren in Wien ein düsteres Bild der Situation im Irak, aber im Vergleich zu heute erscheint es immer noch besser. Die Situation im Irak sei für die Christen eine „Katastrophe“, sagte er damals: „Wir Christen haben alles verloren. Früher waren die Beziehungen mit den Muslimen normal, heute fürchten wir uns vor allem und jedem“. Vor dem Einmarsch der US-Amerikaner und ihrer Verbündeten habe man im Irak „Tag und Nacht überall hin gehen“ können, heute gebe es keine Sicherheit mehr, vor allem nicht für die Christen. Casmoussa erinnerte an den Überfall vom Mai 2010 auf die Studentenbusse, die 1.200 christliche Studenten aus den Kleinstädten und Dörfern in der Umgebung von Mosul zur Universität in die Tigris-Metropole bringen sollten. Damals wurden vier Studenten getötet und mehr als 150 verletzt. In der Folge hätten es nur mehr 200 Studenten gewagt, weiterhin nach Mosul zu fahren, 200 weitere hätten an kurdischen Universitäten inskribiert „und 800 sitzen zu Hause“.

Bei solchen Katastrophen gebe es dann im Irak „schöne Reden“, denen aber keine Taten folgen. Erzbischof Casmoussa erinnerte im November 2011 an die vielen Benachteiligungen für die Christen im Irak: Ein Christ dürfe keine muslimische Frau heiraten, Konversionen vom Islam zum Christentum seien unmöglich, wenn ein christliches Ehepaar zum Islam konvertiere, würden auch die Kinder in den offiziellen Dokumenten „zwangskonvertiert“, wenn es in einer staatlichen Schule nur einen muslimischen Schüler gebe, müsse islamischer Religionsunterricht erteilt werden, damit es christlichen Religionsunterricht gibt, sei ein Quorum von 51 Prozent der Schüler notwendig. Außerdem gebe es massiven Druck auf die christlichen Bauern und Landeigentümer, ihr Land an Muslime zu verkaufen. Es komme auch vor, dass Haus- und Landbesitz von Christen, die ins Ausland emigriert sind, von Muslimen „besetzt“ werde.

Viele Christen im Irak würden nur in der Emigration eine Lebenschance sehen, meinte Erzbischof Casmoussa schon damals. Und er nannte die Vorbedingungen, damit die Christen im Irak bleiben können: Anerkennung der Menschen- und Minderheitenrechte, Förderung der Entwicklung in den Dörfern, Einrichtung von christlichen Schulen und Universitäten. Wörtlich meinte der Erzbischof, der 2011 schon in Beirut lebte, wo er bis heute in der Kurie des syrisch-katholischen Patriarchen Ignatios Youssif III. tätig ist: „Die Christen im Irak möchten die gleichen Rechte wie alle anderen Bürger. Sie möchten keine Privilegien, aber sie möchten gleichberechtigte Bürger sein. Sie möchten eine Regierung für alle Iraker, nicht eine Regierung, die nur islamistisch-fundamentalistische Gesetze fördert“. Es sei auch notwendig, die Verantwortlichen der Attentate aufzuspüren, die seit 2003 ungezählte Opfer im ganzen Land – Christen wie Muslime – gefordert haben. (ende)