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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Kompromiss für Neuwahl des armenischen Patriarchen von Konstantinopel erzielt

Durch die Krankheit von Mesrob Mutafyan herrscht seit 2008 im Patriarchat am Bosporus Stillstand

Jerewan-Istanbul, 06.03.17 (poi) Der vom armenisch-apostolischen Katholikos-Patriarchen Karekin II. einberufene „Kirchengipfel“ konnte sich auf eine „road map“ zur Wahl eines Nachfolgers des armenischen Patriarchen von Konstantinopel, Mesrob II. Mutafyan, einigen. Der 61-jährige Mutafyan (der 1998 gewählt worden ist) kann seit 2008 aus gesundheitlichen Gründen sein Amt nicht mehr ausüben. Unter den Teilnehmern des „Kirchengipfels“ waren aus Konstantinopel sowohl Erzbischof Aram Atesyan, der das Patriarchat de facto seit 2008 als Patriarchalvikar leitet, als auch der Ökumene-Beauftragte des Patriarchats, Bischof Vahan Mashalyan. Zwischen den beiden Bischöfen, aber auch mit anderen hochrangigen armenischen Persönlichkeiten am Bosporus hatte es im Hinblick auf die schwierige Situation des Patriarchats sowohl Divergenzen als auch Konvergenzen gegeben.

Die Teilnehmer des „Gipfels“ berieten gemeinsam über die Möglichkeiten, den seit der Krankheit des Patriarchen herrschenden Stillstand zu überwinden und sich auf die Modalitäten für die Wahl des Nachfolgers zu einigen. Bis zum 15. März soll nun ein „locum tenens“ gewählt werden. Der „locum tenens“ soll die bisher von Erzbischof Atesyan wahrgenommenen Aufgaben übernehmen. Außerdem soll ein „operatives Komitee“ gebildet werden. Gemeinsame Aufgabe von „locum tenens“ und „operativem Komitee“ wird es sein, innerhalb von sechs Monaten die Wahl eines neuen armenischen Patriarchen von Konstantinopel „nach den geltenden Bestimmungen“ durchzuführen. Sollte die Wahl innerhalb der Frist nicht stattfinden, kann die konstantinopolitanische Patriarchatsversammlung die Mandate für „locum tenens“ und „operatives Komitee“ wieder zurückziehen. Derzeit ist noch nicht klar, welche Haltung die türkischen Behörden zu der in Etschmiadzin erzielten Kompromisslösung für die Wahl eines neuen armenischen Patriarchen von Konstantinopel einnehmen.

Das armenisch-apostolische Patriarchat von Konstantinopel geht auf das Jahr 1461 zurück. Damals übernahm der armenische Bischof von Brussa (Bursa), Hovakim, auf Wunsch von Sultan Mehmet die Leitung der armenischen Seelsorge in Konstantinopel. Den Patriarchentitel erreichten die armenisch-apostolischen Erzbischöfe von Konstantinopel allerdings erst später. Auch die kirchliche Jurisdiktion der Patriarchen über die meisten anderen armenisch-apostolischen Eparchien im Osmanischen Reich wurde erst im 17./18. Jahrhundert anerkannt. Sodann fungierte der armenische Patriarch von Konstantinopel im Rahmen des osmanischen Millet-Systems als staatlich anerkanntes Oberhaupt der armenischen und (bis 1830) aller anderen nicht-byzantinisch-orthodoxen Christen im Osmanischen Reich. Zu seinem politischen Verantwortungsbereich gehörten damit auch die armenisch-apostolischen Katholikate von Sis (der alten Hauptstadt Kilikiens) und von Aghtamar sowie das armenisch-apostolische Patriarchat von Jerusalem, aber auch die Patriarchate der west- und ostsyrischen Kirchen.

Im 18./19. Jahrhundert erlangte das armenische Patriarchat von Konstantinopel faktisch die führende Stellung in der armenisch-apostolischen Kirche, lebte doch in der Hauptstadt des Osmanischen Reiches damals die weltweit mitgliederstärkste armenische Gemeinde.
1914 stand der armenisch-apostolische Patriarch von Konstantinopel 55 armenisch-apostolischen Eparchien (im Osmanischen Reich, aber auch in Griechenland, Rumänien, Bulgarien und Zypern) mit 1.778 Pfarrgemeinden, 1.634 Kirchen und etwa 1,5 Millionen Gläubigen vor. Während des vom „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (Ittihad ve Terakki) angeordneten Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges war das armenisch-apostolische Patriarchat von Konstantinopel vorübergehend aufgelöst.

In der Gegenwart kann zum armenisch-apostolischen Patriarchen von Konstantinopel nur ein türkischer Staatsbürger gewählt werden. De facto muss seine Wahl außerdem der Regierung genehm sein. Offiziell wird sie ihr nur angezeigt und dem neuen Patriarchen durch Kabinettsbeschluss das Recht zuerkannt, seine Amtskleidung auch in der Öffentlichkeit zu tragen, wie dies in der Türkei offiziell nur Oberhäuptern von Religionsgemeinschaften gestattet ist. Sitz und Kathedrale des Patriarchen befinden sich in Kumkapi im Istanbuler Stadtviertel Eminönü. (ende)