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Franz König

Pro Oriente

„Ausmaß der Christenverfolgung im Nahen Osten wurde bis vor kurzem verschwiegen“

Metropolit Hilarion hielt als Außenamtschef des Moskauer Patriarchats Hauptreferat bei internationaler Konferenz in Genf über „Gegenseitigen Respekt und friedliche Zusammenarbeit als Bedingung für interreligiösen Frieden und Stabilität“

Genf-Moskau, 11.03.17 (poi) Das Ausmaß der Verfolgung und Diskriminierung von Christen vor allem im Nahen Osten wurde bis vor kurzem verschwiegen, internationale Organisationen hätten es vorgezogen, wegzuschauen: Dies betonte der Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), in seinem Hauptreferat bei der internationalen Konferenz über „Gegenseitigen Respekt und friedliche Zusammenarbeit als Bedingung für interreligiösen Frieden und Stabilität“, die im Zusammenhang mit der 34. Session des UN-Menschenrechtsrates (UNHRC) in Genf stattfand. Die Konferenz wurde von den Vertretungen des Heiligen Stuhls, Russlands, des Libanon, Armeniens, Ungarns, Kroatiens, Zyperns, Griechenlands, Serbiens und Spaniens am Genfer UNO-Sitz organisiert.
Es gebe nach wie vor eine weit verbreitete Ansicht, dass die Christen im Nahen Osten nicht Gegenstand gezielter Verfolgung sind, sondern so wie alle anderen Bürger durch den Krieg leiden, bedauerte der Metropolit. Diese Meinung sei „zutiefst irrig“. Christen würden in Gebieten, die unter der Kontrolle islamistischer Radikaler stehen, „bestenfalls als Bürger zweiter Klasse“ behandelt, vorausgesetzt, dass sie die altislamische Sondersteuer „Dschizya“ zahlen. Immer wieder komme es vor, dass Christen einfach abgeschlachtet werden, wobei die Mörder auch gegenüber Frauen und Kindern keine Barmherzigkeit walten lassen.

Metropolit Hilarion wandte sich zugleich gegen die Vorstellung, dass sich die Islamisten von der Religion zu ihren Untaten inspirieren lassen. Es könne keinen „Terrorismus im Namen des Glaubens“ geben. Keine Religion lehre, Menschen zu töten, Untaten oder terroristische Attacken zu verüben, das sei gemeinsame Anschauung von christlichen, islamischen und jüdischen Theologen.

Die christlichen Kirchen hätten eine wichtige Rolle, um einen generellen Exodus der Christen aus dem Nahen Osten zu verhindern, betonte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats. Das Gotteshaus sei der Ort, an dem die Gläubigen zu Gott sprechen können, das Zentrum ihres spirituellen Lebens; es sei aber auch der einzige Ort, an dem Menschen unabhängig von Alter, Beruf oder politischer Überzeugung zusammenkommen. Funktionierende Gotteshäuser seien daher ein Anreiz für Christen, in ihre ursprüngliche Heimat zurückzukehren, sagte der Metropolit. Daher sei es ihm ein Anliegen, die Notwendigkeit der Restaurierung der vielen beschädigten oder zerstörten Kirchen im Nahen Osten zu unterstreichen. Ohne funktionierende Gotteshäuser werde es schwierig sein, dass Christen in die Region zurückkehren.

Abschließend unterstrich Metropolit Hilarion seine Hoffnung, dass die internationale Gemeinschaft und die Führungspersönlichkeiten der Weltreligionen ihre Bereitschaft bekunden werden, die verfolgten orientalischen und afrikanischen Christen zu verteidigen und die Verletzung der Rechte der Gläubigen in anderen Weltteilen zu verhindern. Leider gebe es solche Fälle auch in Europa. In diesem Zusammenhang verwies der Metropolit auf die Situation in der Ukraine, wo Gotteshäuser der kanonischen ukrainisch-orthodoxen Kirche von schismatischen unkanonischen Gruppierungen unter Gewaltanwendung mit Beschlag belegt werden.

Nach Metropolit Hilarion ergriffen auch Erzbischof Ivan Jurkovic, der Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls am Genfer UNO-Sitz, der ungarische Außenminister Peter Szijjarto und sein kroatischer Amtskollege Davor Ivo Stier sowie die Vizevorsitzende der russischen Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft, Jelena Agapowa, das Wort. Die internationale Konferenz löste in der Community der Vertreter aus aller Welt am Genfer UNO-Sitz großes Interesse aus.

Syrischer Stiftungsminister bei Patriarch Kyrill

Die Situation der Christen in Syrien stand auch im Mittelpunkt einer Begegnung des Moskauer Patriarchen Kyrill I. mit dem syrischen Minister für die religiösen Stiftungen („Wakf“), Mohammed Abd-ul-Sattar al-Sayed, bei dessen Besuch in der russischen Hauptstadt. An der Begegnung nahmen u.a. auch der Direktor der religiösen Stiftungen in Damaskus, Scheich Ahmad Samir al-Kabbani, und der Repräsentant des orthodoxen Patriarchats von Antiochien in Moskau, Metropolit Nifon (Saikali), teil.
Patriarch Kyrill erinnerte daran, dass die russisch-orthodoxe Kirche seit Beginn der Syrien-Krise immer wieder das Recht des syrischen Volkes betont habe, seine Zukunft „ohne Einmischung von außen“ zu bestimmen. Die Kirche habe immer wieder ihre Stimme erhoben, um die Rechte des syrischen Volkes zu verteidigen, das unter den Erscheinungen des „von Kräften außerhalb Syriens inspirierten globalen Terrorismus“ leide. Bei den 1.025-Jahr-Feiern der Taufe Russlands im Jahr 2013 seien die Oberhäupter aller autokephalen orthodoxen Kirchen mit Präsident Wladimir Putin zusammengetroffen und hätten ein Eingreifen Russlands eingemahnt, um den „ungerechten Krieg“ zu stoppen. Das aktive russische Engagement in Übereinstimmung mit den „legitimen syrischen Behörden“ habe dann zu „heftigen Verlusten des globalen Terrorismus“ geführt. Die Tür für eine friedliche Regelung der Krise sei nunmehr geöffnet; diese Regelung könne zur Wiederherstellung eines „dauerhaften und gerechten Friedens“ in Syrien führen.

Ausdrücklich dankte der Patriarch dem Stiftungsminister für dessen positive Haltung gegenüber den Christen in Syrien. Al-Sayed habe sich gegenüber den leidenden Christen solidarisch gezeigt und diesem Segment der syrischen Bevölkerung große Aufmerksamkeit entgegengebracht. Der Minister überbrachte seinerseits die Grüße des antiochenischen Patriarchen Youhanna X. und betonte, dass die Muslime in Syrien „sehr enge Beziehungen zu den orthodoxen Gläubigen haben“. Sein Ministerium bemühe sich um die Kooperation zwischen dem syrischen Staat und allen Religionsgemeinschaften. (ende)