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Franz König

Pro Oriente

Russisch-orthodoxe Kirche gedenkt der Ereignisse des Jahres 1917

Patriarch Kyrill zelebrierte Gottesdienst am 100. Jahrestag der Abdankung von Zar Nikolaus II. – „Als Wiedergutmachung für die Sünden der Vergangenheit gute und gerechte Gesellschaft aufbauen“

Moskau, 15.03.17 (poi) Der Moskauer Patriarch Kyrill I. gedachte am Mittwoch mit einem feierlichen Gottesdienst des 100. Jahrestages der Abdankung von Zar Nikolaus II. Die Göttliche Liturgie fand in der Kirche der Ikone der Gottesmutter von Kazan in Kolomenskoje, einer Ortschaft nahe von Moskau, statt. Kolomenskoje spielt für viele russisch-orthodoxe Christen eine wichtige Rolle, weil in diesem Ort am Tag der Abdankung des Kaisers eine Marienikone aufgefunden wurde, die von den Gläubigen mit dem Namen „Bild der regierenden Gottesmutter“ („Derschawnaja“) bezeichnet wird. Die Auffindung der Ikone wurde als Zeichen interpretiert, dass in Zukunft Maria anstelle des abgesetzten Zaren „das russische Land beschützen“ würde. Patriarch Kyrill I. betete bei der Liturgie in besonderer Weise für alle, die während der Revolutionen des Jahres 1917 und dem nachfolgenden Bürgerkrieg zu Tode kamen.

Am Dienstag wurde unweit jenes Bahnhofs, von dem aus der Hofzug des Zaren vor 100 Jahren durch revolutionäre Eisenbahner vom ursprünglichen Bestimmungsort Zarskoje Selo nach Pskow umdirigiert wurde – wo Nikolaus II. dann seine Abdankung unterzeichnete – der Grundstein für eine Kirche gelegt, die dem Andenken des ermordeten Zaren und seiner ermordeten Familienmitglieder und Bediensteten gewidmet ist. Der Metropolit von Pskow, Jewsewij (Sawwin), sagte bei der Grundsteinlegung, der Kaiser habe Gott und sein Volk geliebt. Zugleich dankte er dem Gouverneur von Pskow, Andrej Turtaschak, für die Unterstützung des Kirchenbaus, der auf eine Initiative von Einwohnern von Pskow zurückgeht. Die Weihe der Kirche soll 2018 am 100. Jahrestag der Ermordung des Zaren und seiner Familie durch die Bolschewiki erfolgen.

Patriarch Kyrill hatte bereits am 19. Februar bei der Feier der Göttlichen Liturgie in der Moskauer Erlöserkathedrale die Russen aufgefordert, als Zeichen der Sühne für die „Sünden der Vergangenheit“ eine „gute und gerechte“ Gesellschaft aufzubauen. Zu dieser Liturgie war die Ikone von Kolomenskoje eigens in die Erlöserkathedrale gebracht worden. Im Hinblick auf das 100-Jahr-Gedenken des Beginns der Februar-Revolution sagte der Patriarch in seiner Predigt wörtlich: „Wir müssen eine wichtige Konsequenz aus den Ereignissen vor 100 Jahren ziehen: Wir müssen für die Sünden unserer Vorfahren durch unsere guten Werke Sühne leisten; wir müssen eine freundliche und gerechte Gesellschaft aufbauen, wir müssen die Sünde im persönlichen und gesellschaftlichen Leben überwinden, wir müssen das Leid der Schwachen, der Hungrigen, der Dürstenden sehen, das Leid der Menschen in den Krankenhäusern und Gefängnissen“. Wenn Nächstenliebe und Güte in den Mittelpunkt des Lebens gestellt werden, dann könne dies die persönliche Beteiligung an der Sühne für die Sünden der Vorfahren sein. Das Überleben der menschlichen Gesellschaft sei direkt an die guten Taten gebunden, das Gute verhindere, dass die menschliche Geschichte in einem schrecklichen Finale ende. Die Gläubigen seien aufgerufen, im biblischen Sinn eine Kultur des „Geistes“, nicht des „Fleisches“ aufzubauen.

In den Jahren nach der Russischen Revolution sei Bruder gegen Bruder gestanden, erinnerte der Patriarch, es sei zu einem Blutvergießen von schrecklicher Grausamkeit gekommen. Viele der Revolutionäre seien dann ihrerseits den sowjetischen Repressionen zum Opfer gefallen. „Das Gericht Gottes über die blutigen Ereignisse von 1917 ist in der Geschichte unserer Nation sichtbar geworden, so wie das auch oft im Leben des Einzelnen geschieht“, sagte der Patriarch.

Am 18. Februar hatte der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion (Alfejew), im Konferenzzentrum der Erlöserkathedrale einen Vortrag über die „Lehren aus der Februar-Tragödie von 1917“ gehalten, im Anschluss wurde eine Ausstellung zum Gedenken an die Märtyrer eröffnet, die „für den Glauben an Christus gestorben sind“. Der Metropolit erinnerte bei der Eröffnung daran, dass die Kathedrale „Zeugin der tragischen Geschichte Russlands und seiner Kirche im schwierigen 20. Jahrhundert“ gewesen sei. In der Ausstellung würden die „ruhigen Gesichter jener Menschen der Vergangenheit“ sichtbar, die nicht vergessen werden sollen, „weil sie für den christlichen Glauben und für die russische Heimat gestorben sind“.

Wenn heute viel über Versöhnung gesprochen werde, dann sei das wichtig für die Stabilität der Gesellschaft, aber bestimmte Namen dürften nicht aus dem Gedächtnis schwinden, betonte der Metropolit: „Es gab Repressionen, Millionen schuldloser Menschen wurden ermordet. Die Kirche hat ihre Meinung über das 20. Jahrhundert zum Ausdruck gebracht, als sie im Jahr 2000 mehr als 1.700 Neumärtyrer und Bekenner, deren Namen bekannt waren, und viele tausende, deren Namen niemand mehr kennt, heilig sprach“.

Das 20. Jahrhundert habe gezeigt, dass Unglaube und militanter Atheismus zu schwerwiegenden Fehlentwicklungen im öffentlichen und politischen Leben führen, unterstrich Metropolit Hilarion. Es sei der christliche Glaube gewesen, der viele Jahrhunderte hindurch die Entwicklung der russischen Nation geprägt habe, die Liebe zur Heimat habe das Volk geeinigt. Die Kirche sei immer an der Seite des Volkes gestanden.

Sowjetische Straßennamen sollen verschwinden

In der Sendereihe „Kirche und Welt“ des TV-Senders „Rossija-24“ trat Metropolit Hilarion dafür ein, dass Straßennamen, die an sowjetische Funktionäre erinnern, geändert werden sollen, aber man dürfe nichts übereilen. Wörtlich sagte der Metropolit: „Die Umbenennungen müssen von der Bevölkerung akzeptiert werden, aber der Kirche ist die Frage nicht gleichgültig, geht es doch um die nationalen Symbole. Die Namen der Terroristen, der Revolutionäre, der Mörder, der Henker sind mit negativem Vorzeichen in die Geschichte eingegangen. Ich hoffe, dass das früher oder später alle einsehen werden“. Derzeit gebe es aber zur Frage der Umbenennungen noch unterschiedliche Auffassungen in der Bevölkerung – ebenso im Hinblick auf die Entfernung des Leichnams Lenins auf dem Roten Platz.

Als „demagogisch“ bezeichnete der Metropolit das von den Gegnern der Umbenennung oft herangezogene Argument, neue Straßentafeln würden die Steuerzahler viel Geld kosten. Freilich müsse man auch die Macht der Gewohnheit in Rechnung stellen. Er selbst habe sich auch erst an die neuen Bezeichnungen der wichtigen Metro-Stationen in Moskau gewöhnen müssen, aber das sei eine geringfügige Belastung, wenn dafür „die Namen der Mörder und Kriminellen von unseren Straßen, Plätzen und Metro-Stationen verschwinden“.

Vor wenigen Tagen hatte auch der Heilige Synod der – mit dem Moskauer Patriarchat in voller Kirchengemeinschaft stehenden – Russischen Auslandskirche (ROCOR) die Forderung erhoben, dass Städte, Provinzen und Straßen in Russland ihre historischen vorrevolutionären Namen zurückerhalten sollen. Außerdem wäre es ein Zeichen der Versöhnung des russischen Volkes mit Christus, wenn der Leichnams Lenins, des größten Christenverfolgers des 20. Jahrhunderts, vom Roten Platz verschwinden würde. Ebenso sollten alle Lenin-Denkmäler zerstört werden.

Mittlerweile hat Patriarch Kyrill I. erklärt, dass er hoffe, im kommenden Jahr zu den Gedenkfeiern aus Anlass des 100. Jahrestages des Martyriums der Zarenfamilie nach Jekaterinburg kommen zu können. Der Patriarch äußerte sich, nachdem ihn der Gouverneur von Jekaterinburg, Jewgenij Kujwaschew, eingeladen hatte. Staatliche und kirchliche Stellen würden in enger Zusammenarbeit die Gedenkfeiern vorbereiten, die sich vor allem auf die Nacht des 17. Juli 2018 konzentrieren werden, sagte Kujwaschew. Kyrill I. unterstrich im Gespräch mit dem Gouverneur, es sei schon immer seine Absicht gewesen, sich zum 100-Jahr-Gedenken der tragischen Ereignisse von 1918 in Jekaterinburg in das Gebet und die Prozession des gläubigen Volkes einzureihen. (ende)