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Franz König

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Kardinal Zenari: Syrien-Krieg ist „Tsunami der Gewalt und des Leidens“

Nuntius in Damaskus „zutiefst vom Leid der Menschen in Syrien betroffen“ - Erinnerung an das Wort vom „unnützen Blutbad“, das Papst Benedikt XV. im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg geprägt hatte

Damaskus-Genf, 16.03.17 (poi) Als „Tsunami der Gewalt und des Leidens“ hat der Apostolische Nuntius in Damaskus, Kardinal Mario Zenari, im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ die bisher sechs Jahre des Syrien-Kriegs bezeichnet. Die Welle der Gewalt habe die Zivilbevölkerung, die Familien, die Städte verwüstet. Er sei vom Leid der Menschen in Syrien „zutiefst betroffen“, sagte der Kardinal.

„Ich fühle mich mit dem Drama der Menschen hier solidarisch“, so der Nuntius wörtlich: „Vor allem mit den Kindern, die auf dem Schulweg von Granaten getroffen wurden und dann hilflos in Spitalsbetten lagen, mit dicken Verbänden und mit Augen voll Schmerz und Leid“. Auch wenn in Damaskus die Schäden geringer seien als in Aleppo oder Homs, habe sich niemand dem Kriegsgeschehen entziehen können, „auch die Nuntiatur wurde im Jahr 2013 von Granaten getroffen“.

Die Verwüstungen des Krieges gingen weit über die Zahlen – 320.000 Tote, fünf Millionen Flüchtlinge jenseits der Grenzen, 6,5 Millionen Inlandsvertriebene – hinaus, betonte der Kardinal. Das wahre Ausmaß der Tragödie werde von diesen Zahlen nur unzureichend erfasst: „Der Besuch in Aleppo hat mich besonders bewegt. Beim Gang durch die zerstörten Straßen habe ich angesichts der Trümmer und der Verwüstungen zutiefst die am Karfreitag verlesenen Wehklagen des Jeremia verstanden: ‚Schaut und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz‘“.

Wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Aleppo habe er erfahren, so Zenari, dass in einem der zerstörten Wohnhäuser, in denen die Caritas-Freiwilligen Nahrungsmittel und Kleidungsstücke verteilt hatten, die Leichen von fünf an Hunger und Kälte zu Grunde gegangenen Kindern gefunden wurden. Ihnen waren auch die Lebensmittelspenden gestohlen worden. Die Erfahrung des Krieges in Syrien gehe ihm zu Herzen, sagte der Kardinal, „das ist nicht wie der in den Geschichtsbüchern dargestellte Erste Weltkrieg, das betrifft uns alle hier jeden Tag, die Bewohner des Landes müssen den Preis zahlen“.

Wenn er heute den Petersdom betrete und vor der Pieta‘ des Michelangelo stehe, sehe er im Leid der Gottesmutter das Leid all jener syrischen Mütter, die ihm vom Verlust eines Sohnes berichtet hätten, sagte der Nuntius. Die Zerstörung der Häuser, Straßen und Stadtteile hinterlasse einen tiefen Eindruck, aber die größere Tragödie seien die menschlichen Verletzungen, die zerstörten Familien, die Situation der Kinder ohne Eltern. Im Flüchtlingslager Jibreen bei Aleppo habe er so viele Frauen und Kinder ohne Ehepartner bzw. Vater gesehen. Die Zerstörung der Familie sei das deutlichste Erbe dieses Krieges, sie hinterlasse tiefere Spuren als die zerstörten Gebäude.

Der Friede sei die wichtigste Voraussetzung für den Wiederaufbau der Gesellschaft in Syrien, unterstrich Kardinal Zenari. Früher sei das Land ein Mosaik von Religionsgemeinschaften und ethnischen Gruppen gewesen. Dieses Mosaik sei vom Krieg schwer betroffen. Es gehe um die Rekonstruktion der Gesellschaft auf wirtschaftlicher, humaner, seelischer, bildungsmäßiger Ebene. Heute sei es schon schwer, einen Techniker für die Reparatur eines Computers, für die Wiederinbetriebnahme eines Aufzugs usw. zu finden.

Er stimme ganz mit dem Ständigen Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf, Erzbischof Ivan Jurkovic, überein, wonach in Syrien ein „unnützes Blutbad“ im Gang sei, so der Nuntius; der Erzbischof habe bewusst die berühmte Formulierung von Papst Benedikt XV. („inutile strage“, unnützes Blutbad) in dessen Rundschreiben an die Regierungen der kriegführenden Mächte des Ersten Weltkriegs im Jahr 1917 benutzt. Die internationale Gemeinschaft habe eine hohe Verantwortung. Er hege nicht die Illusion, dass es bald zu einer Wende kommen werde und alles wieder normal wird, betonte Kardinal Zenari. Aber er habe doch die Hoffnung, dass die Gespräche in Genf und in der kasachischen Hauptstadt Astana fruchtbringend sein werden.

„Es gibt keine militärische Lösung“

Erzbischof Jurkovic hatte in seiner Intervention bei der 34. Session des UN-Menschenrechtsrates (UNHRC) in Genf betont: „Es kann keine militärische Lösung für die Situation in Syrien geben. Wir dürfen nicht der Logik der Gewalt erliegen, weil Gewalt nur Gewalt erzeugt“. Der Vatikandiplomat stützte sich auf Zahlen, um „Egoismus“ und „Mitschuld“ anzuprangern: „Der Ehrgeiz der politischen Macht und die egoistischen Interessen, verbunden mit der Komplizenschaft derer, die durch die Bereitstellung von Ressourcen und Waffen Gewalt und Hass anheizen, hat seit 2011 zu einem Exodus von fünf Millionen Menschen aus Syrien geführt, es gibt 6,5 Millionen Inlandsvertriebene, etwa die Hälfte davon Kinder“. In der Konfrontation mit diesen Zahlen sei der Dialog auf allen Ebenen der einzige Weg vorwärts.

Der Vatikandiplomat rief zu einem Frieden auf, der alle Segmente der syrischen Gesellschaft miteinschließen müsse: Es sei von größter Bedeutung, dass die religiösen und ethnischen Gemeinschaften nicht zu Bauernopfern im geopolitischen Kompromiss würden. Sie sollten in einen transparenten Verhandlungsprozess voll eingebunden sein, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten, da dies der einzige Weg sei, eine friedliche Zukunft zu bauen. `

Wörtlich sagte Erzbischof Jurkovic: „Der Heilige Stuhl will der syrischen Bevölkerung abermals seine Solidarität bekunden und insbesondere gilt diese Solidarität den Opfern der Gewalt. Die internationale Gemeinschaft wird ermutigt, sich die Perspektive der Opfer zu eigen zu machen. Sechs Jahre des ‚unnützen Blutbades‘ zeigen nur einmal mehr die Illusion und Nutzlosigkeit der Meinung auf, dass Krieg das geeignete Mittel ist, um jegliche Auseinandersetzung zu lösen“. Der Vatikandiplomat zitierte die Friedensappelle von Papst Franziskus und erinnerte an das Papstwort von der „gestohlenen Kindheit“ so vieler Kinder und Jugendlicher in Syrien.(ende)