Pro Oriente Logo

Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Erzbischof von Aleppo ruft Christen zur Rückkehr auf

Griechisch-katholischer Erzbischof Jean-Clement Jeanbart startete Projekt „Heimkehr“ – Exodus der Christen aus Syrien soll gebremst werden

Damaskus, 19.03.17 (poi) Der griechisch-katholische melkitische Erzbischof Jean-Clement Jeanbart hat an die aus Aleppo stammenden Christen einen Appell zur Rückkehr in die seit Dezember wieder zur Gänze unter Kontrolle der Regierung stehende syrische Großstadt gerichtet. Unter dem Titel „Aleppo erwartet dich“ ruft der Erzbischof alle Christen, die ihre Wohnstätten nach dem Juli 2012 verlassen haben, zur Heimkehr auf. Der Appell richte sich an zwei Kategorien, sagte Jeanbart im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR: Einerseits an die Wohlhabenden, die über ausreichende Finanzmittel verfügen, um selbständig leben zu können, andererseits an die Armen, die materielle Unterstützung brauchen. Im Rahmen des diözesanen Projekts „Heimkehr“ werde den Armen die Heimreise nach Aleppo bezahlt, sei erhielten zudem finanzielle Unterstützung, bis sie wieder eine Arbeitsstelle finden. Die Unterstützung schließe auch das Schulgeld für die Kinder und medizinische Versorgung ein. Im Rahmen des Projekts „Heimkehr“ werde auch Familien, die beim Verlassen Syriens ihre Wohnung verkauft haben, für eine gewisse Zeit (ein bis zwei Jahre) die Miete für eine neue Wohnung finanziert. Bereits in den ersten Tagen seit dem Start des Projekts „Heimkehr“ sind 20 christliche Familien nach Aleppo zurückgekehrt.

Das Ziel des Projekts „Heimkehr“ sei es, den Exodus der Christen aus Syrien – „eine wahre Tragödie“ – zu bremsen, sagte der griechisch-katholische Erzbischof. Vor Beginn der Syrien-Krise im Jahr 2011 hätten an die 200.000 Christen in Aleppo gelebt, heute seien es nach kirchlichen Schätzungen weniger als die Hälfte. Viele Christen flüchteten, als die Rebellen im Juli 2012 den (kleineren) Ostteil der Stadt eroberten. Nach der Niederlage der Rebellen im Dezember verbessere sich die Situation langsam. Obwohl man noch nicht von dauerhaftem Frieden sprechen könne, lasse in der Bevölkerung die Angst vor neuen Einfällen der Islamisten nach. Auch im Bereich der Strom- und Wasserversorgung gebe es Fortschritte; das sei ein erster wichtiger Schritt, um die Rückkehr der Flüchtlinge zu ermöglichen.

Erzbischof Jeanbart hatte vom Beginn der Syrien-Krise an alle Hebel in Bewegung gesetzt, um der leidenden Bevölkerung Aleppos – Christen wie Muslimen – beizustehen. Vor mehr als zwei Jahren – auf dem Höhepunkt der Kämpfe in der damals geteilten Millionenstadt – startete er auch das Projekt „Bauen, um zu bleiben“. Unter dem Dach dieses Projekts laufen insgesamt 22 Hilfsprogramme, die sich auf vier Bereiche erstrecken: Seelsorge, Bildung, Caritas, Arbeitsbeschaffung. In dem SIR-Interview unterstrich der Erzbischof, dass die Situation in der einstigen Wirtschaftsmetropole des Landes nach wie vor überaus düster sei. Die christlichen Kirchen hätten sich daher zusammengeschlossen, um Ausbildungskurse für bestimmte Berufe zu organisieren, die beim Wiederaufbau besonders benötigt werden, aber auch, um Darlehen zur Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Aktivitäten zu beschaffen. Ebenso würden Kulturprogramme und Wettbewerbe für Schülerinnen und Schüler ins Leben gerufen.

Die Kämpfe haben auch die Strukturen der Erzdiözese schwer mitgenommen. Von den zwölf melkitischen Kirchen, die es im Jahr 2011 in Aleppo gab, sind nur mehr sechs offen, die Zahl der Priester ist auf 15 gesunken. Neun diözesane Schulen sind in Betrieb, 250 angestellte Lehrerinnen und Lehrer sowie 60 Volontäre unterrichten die Kinder und Jugendlichen.

Der griechisch-katholische Erzbischof ist sich im klaren, dass es nicht möglich sein wird, alle aus Aleppo geflüchteten Christen zur Rückkehr zu bewegen, aber er ist überzeugt, dass das Projekt „Heimkehr“ ein wichtiger Beitrag zur Wiederherstellung der Normalität ist. Die Großzügigkeit vieler Wohltäter – auch aus der Emigration – habe es seiner Diözese ermöglicht, in den letzten sechs Jahren so viele Hilfsprogramme durchzuführen.

„Jesuit Refugee Service: “Der Krieg ist nicht zu Ende”

Das Flüchtlingshilfswerk der Jesuiten „Jesuit Refugee Service (JRS)” hat am 15. März – dem Jahrestag des Ausbruchs des Syrien-Krieges vor sechs Jahren – ein Dossier über die Lage in Syrien veröffentlicht. In dem von P. Cedric Prakash SJ herausgegebenen Bericht heißt es, “das Leid in Syrien geht weiter“. Nach wie vor würden auch unbeteiligte Menschen getötet. Rund 13,5 Millionen Syrer seien auf humanitäre Hilfe angewiesen, davon die Hälfte Kinder. Viele Kinder hätte ihre Kindheit verloren, „Millionen syrische Kinder im Alter unter fünf Jahren kennen nur den Krieg“. Mehr als fünf Millionen Syrer (darunter viele Frauen und Kinder) seien ins Ausland geflüchtet, vor allem in die nahöstlichen Nachbarstaaten. Dadurch seien in den Gastländern Spannungen mit unabsehbaren sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen entstanden. Hunderttausende hätten auf der Flucht die gefährliche Reise über das Meer in Kauf genommen, niemand wisse, wie viele dabei gestorben sind. 6,5 Millionen Syrer seien Inlandsvertriebene.

Die Großmächte und alle, die militärische und wirtschaftliche Interessen verfolgen, würden „weiterhin das Leben und die Zukunft der Syrer zerstören“, heißt es in dem Dossier des „Jesuit Refugee Service“ wörtlich. Es gebe zwar „Friedensgespräche“, „doch nicht viele erhoffen sich davon etwas“.

„Ode an die Freude“ unter Trümmern

Die Kommunikationsdirektorin der syrischen Caritas, Sandra Awad, hat jetzt in einem Kurzfilm die syrische Tragödie, wie sie von den Menschen in ihrem Alltag erlitten wird, auf den Punkt gebracht, wie die katholische Nachrichtenagentur „AsiaNews“ berichtet. In dem Fünf-Minuten-Film zeigt sie den Tagesablauf eines jungen Caritas-Mitarbeiters, der schon am Morgen vom Explosionslärm einer Bombe geweckt wird und dann wie viele andere Syrer „um die elementarsten Dinge kämpfen muss: Wasser, Strom, Heizung, Brot“. Er erlebe die „Schwierigkeiten, Probleme und Unsicherheiten“, mit denen die Zivilbevölkerung in Syrien jeden Tag konfrontiert ist. Trotz aller schlimmen Erlebnisse (einschließlich eines Granatenangriffs) pfeift der junge Caritas-Mitarbeiter immer wieder die Melodie der „Ode an die Freude“ (diesen Titel trägt auch der Kurzfilm). Dabei sei es ihr auch um die Idee gegangen, dass es die größte Freude im Leben ist, anderen zu helfen, so Sandra Awad. Es sei diese Freude, die den Caritas-Mitarbeiterinnen und –Mitarbeitern, die wie alle anderen Syrer von den elementaren Schwierigkeiten des Kriegsalltags betroffen sind, die Kraft gebe, die dramatischen Berichte der Hilfesuchenden mit Verständnis und Mitgefühl anzuhören und entsprechend zu handeln.

Die Grundkonzeption des Films der heute 38-jährigen Mutter zweier Kinder entstand bereits vor drei Jahren im Gespräch mit einer Psychotherapeutin. Sie habe gleichsam eine imaginäre Mauer um sich herum errichtet gehabt, um Trauer und Depression angesichts der Kriegsereignisse auszuhalten, berichtet Sandra Awad heute. Bei der Frage der Psychotherapeutin nach den Alltagsauswirkungen des Krieges, nach dem Stress, den es bedeutet, kein Wasser, keinen Strom, kein Gas, kein Brot, kein Öl zum Kochen zu haben, sei die imaginäre Mauer dann eingestürzt. Als sie die Kurzfilm-Idee den Caritas-Verantwortlichen vorlegte, erntete Sandra Awad zunächst Ablehnung, ihr Konzept wurde als nicht realistisch, zu pessimistisch betrachtet. Aber je länger sich der Krieg hinzog, desto realistischer erwies sich das Konzept: Die „Ode an die Freude“ erhielt grünes Licht.

Im Gespräch mit „AsiaNews“ formulierte Sandra Awad einen Appell an die westliche Öffentlichkeit: „Nach sechs Jahren Krieg ist die syrische Bevölkerung erschöpft, das Land ist in die Steinzeit zurückgefallen. Helft uns, unsere Freude und unsere Würde wiederzufinden, indem ihr uns moralisch und finanziell unterstützt. Und setzt eure Regierungen unter Druck, damit sie mit den Sanktionen gegen Syrien aufhören, die die Reichen reicher und die Armen ärmer machen. Verlangt von euren Politikern, dass sie aufhören, Waffen nach Syrien zu liefern und den Dschihadisten die Ausreise nach Syrien zu ermöglichen. Helft uns, unsere Heimat wiederaufzubauen, damit wir wieder unsere ‚Ode an die Freude‘ erklingen lassen können“. (ende)