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Franz König

Pro Oriente

Deutsche orthodoxe Bischöfe: Fasten bedeutet „Umkehr im Denken“

Vollversammlung der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland diskutierte über orthodoxe Beteiligung am Gedenkjahr der Reformation – Ehrendoktorat für Bartholomaios I. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Tübingen – Vorstellung der gedruckten Ausgabe der gemeinsamen deutschen Übersetzung der Chrysostomos-Liturgie

München, 08.03.17 (poi) Fasten sollte heute nicht als Enthaltung von bestimmten Speisen begangen werden, sondern als „Umkehr im Denken“, als „existenzielle Veränderung des Menschen“: Dies wird im Fastenbrief der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD) betont, der bei der Vollversammlung der Konferenz (5. bis 7. März) in München verabschiedet wurde. Es gehe nicht nur einfach um die Distanzierung von den begangenen Sünden, sondern um eine „radikale Veränderung der Beziehung zum Leben“ als Ergebnis einer mühevollen geistlichen Anstrengung.

Der Beauftragte der OBKD für zwischenkirchliche Zusammenarbeit, Erzpriester Radu Constantin Miron (Ökumenisches Patriarchat), erläuterte die geplanten Ereignisse im Gedenkjahr der Reformation und die orthodoxe Beteiligung daran, etwa durch eine große Vesper beim Evangelischen Kirchentag (24. bis 28. Mai) in Berlin. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. wird zum Kirchentag erwartet, anschließend wird er nach Tübingen weiterreisen, wo ihm an der Evangelisch-Theologischen Fakultät ein Ehrendoktorat verliehen wird. Aus diesem Anlass wird in Tübingen eine wissenschaftlichen Tagung über die ersten Kontakte zwischen der reformatorischen Bewegung und der orthodoxen Kirche in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stattfinden. Diese Kontakte erfolgten in der Amtszeit des Ökumenischen Patriarchen Jeremias II. (1536-1595; Patriarch von Konstantinopel 1572-1579, 1580-1584 und 1587-1595; die immer wieder unterbrochenen Amtsperioden hingen mit der osmanischen Taktik gegenüber dem Patriarchat zusammen). Der mit 36 Jahren erstmals zum Patriarchen gewählte Jeremias II. war einer der bedeutendsten Ökumenischen Patriarchen in der Zeit des Osmanischen Reiches, den theologischen Anliegen der mitteleuropäischen Reformatoren stand er ablehnend gegenüber. Bei der Veranstaltung in Tübingen soll auf die Kontakte zwischen dem lutherischen Tübinger Humanisten Martinus Crusius (1526-1607) und dem konstantinopolitanischen Philologen Theodosios Zygomalas (1544-1607) eingegangen werden. In der Korrespondenz der beiden Wissenschaftler spielte die konkrete Situation der orthodoxen Christen unter der „Turkokratia“, ihr Alltag und ihr religiöses Leben eine zentrale Rolle.

Bei der Vollversammlung der OBKD konnte der Vorsitzende der Übersetzungskommission, Erzbischof Mark (Arndt) von Berlin (Russische Orthodoxe Kirche im Ausland), die erste gedruckte Ausgabe der gemeinsamen und von den Bischöfen bereits 2013 approbierten Übersetzung der Göttlichen Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomos vorstellen, die demnächst auch verschiedenen zweisprachigen Editionen zu Grunde liegen wird. Im Vorwort wird der Zweck der Publikation so erläutert: „Längst ist die Orthodoxie in Deutschland angekommen … Schule, Ausbildung, Berufsleben, Mischehen und schließlich die Geburt der jungen Generation lassen das Deutsche immer mehr zur Schul- und Bildungssprache oder sogar zur Primärsprache werden. … Es ist zwar weder angestrebt noch zu erwarten, dass auf absehbare Zeit die liturgischen Sprachen der verschiedenen orthodoxen Nationen in Deutschland verdrängt oder ersetzt werden, aber zum Verständnis, zur Katechese, zum privaten Mitlesen sowie für panorthodoxe Zelebrationen wird eine einheitliche deutsche Übersetzung der Göttlichen Liturgie immer wichtiger“.

Die Übersetzungskommission sei bemüht gewesen, „den Text der Göttlichen Liturgie möglichst genau und damit unverfälscht wiederzugeben“. In diesem Zusammenhang werden auch neue Übersetzungen des Glaubensbekenntnisses und des Vater unser geboten, die sich von den gängigen katholischen und evangelischen Versionen unterscheiden. Die Übersetzer seien sich der Problematik bewusst gewesen, es dürften aber „nicht die konfessionellen Hintergründe und Einflüsse außer Acht gelassen werden, um bei der Einwurzelung orthodoxen Glaubens und Betens nichts zu verfälschen oder zu verwässern“.

Ausführlich berieten die orthodoxen Bischöfe über den Ausbau des orthodoxen Religionsunterrichts und die Aus- und Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer. Die Bischöfe besuchten auch die Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Diese Einrichtung kann inzwischen auf eine mehr als 20-jährige Geschichte zurückblicken. Sie entstand durch eine Entscheidung des akademischen Senats der Universität München im Juli 1994, seit dem Wintersemester 1995/96 besteht an der Universität München die Möglichkeit des vollständigen orthodoxen Theologiestudiums, eine Möglichkeit, die zuvor im gesamten westeuropäischen Raum an einer staatlichen Universität fehlte. An der Universität München ist dadurch die Theologie aller drei großen christlichen Konfessionsfamilien vertreten.

Die Zusammenkunft der Bischöfe hatte am 5. März, dem ersten Fastensonntag, mit der Feier der Göttlichen Liturgie zum „Sonntag der Orthodoxie“ begonnen. Die Liturgie fand in der Kathedrale von Erzbischof Mark statt, die den russischen Neumärtyrern geweiht ist. Am „Sonntag der Orthodoxie“ wird der Wiedereinführung der Ikonenverehrung im Jahr 842 gedacht. Am Abend des „Sonntags der Orthodoxie“ kamen die Bischöfe und Mitarbeiter der OBKD in der Münchner griechisch-orthodoxen Allerheiligenkirche zusammen, wo das 13. und damit schon traditionelle Chortreffen der Münchener orthodoxen Gemeinden stattfand, das die reiche Fülle der Orthodoxie in der Stadt und die verschiedenen musikalischen Traditionen hörbar machte. Auch die orientalisch-orthodoxen Christen waren durch je einen armenisch-apostolischen, koptisch-orthodoxen und syrisch-orthodoxen Chor vertreten. (ende)