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Die Ökumene muss
weitergehen!

Franz König

Pro Oriente

Krankenhaus-Seelsorge als Ernstfall der ökumenischen Zusammenarbeit

Neuer ÖRKÖ-Vorsitzender Thomas Hennefeld legte bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates seine Ökumene-Konzeption dar: Glauben gemeinsam bekennen und im Sinn des „konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ Friedensarbeit leisten

Wien, 23.03.17 (örkö/poi) Die Krankenseelsorge und Krankenhaus-Seelsorge als Beispiel der notwendigen ökumenischen Zusammenarbeit bei der „Seelsorge an besonderen Orten“ und die von der Katholischen Sozialakademie initiierte Kampagne "Christlich geht anders! Solidarische Antworten auf die Soziale Frage" standen am Donnerstag im Mittelpunkt der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ). Der neue Vorsitzende des ÖRKÖ, der evangelisch-reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld, fasste noch einmal – wie er es bereits bei seiner Antrittspressekonferenz im Jänner getan hatte – seine Konzeption von Ökumene zusammen: Es gehe darum, dass die Kirchen sich für soziale Gerechtigkeit, für die Armen und die an den Rand Gedrängten engagieren, den Glauben gemeinsam bekennen und das Evangelium verkünden, stets ihre jüdischen Wurzeln mitbedenken, an einem Strang ziehen, zugleich aber ihre Gemeinschaft in Vielfalt so festigen, dass sie auch kontroversielle Themen aushalten, für die verfolgten Christen beten, aber auch andere Verfolgte nicht vergessen und im Sinn des „konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ (JPIC) Friedensarbeit leisten. Im Hinblick auf die Weiterführung der Impulse der 10. Vollversammlung des Weltkirchenrats (Busan) in Sachen kirchliche Einheit teilte Hennefeld mit, dass ein Studientag „Ökumene der Märtyrer“ abgehalten werden soll. Damit soll auch die Öffentlichkeit in den Kirchen mit dem Phänomen des Martyriums in Zeitgeschichte und Gegenwart aus unterschiedlichen konfessionellen Perspektiven bekannt gemacht werden.

Im Hinblick auf das Thema Kranken- und Krankenhaus-Seelsorge schilderten die evangelische Pfarrerin Margit Leuthold, der evangelische Pfarrer Arno Preis, der katholische Kirchenrektor Albert de Souza und der orthodoxe Priester Nikolaus Rappert die Seelsorge-Situation im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH), das eines der größten Spitäler Europas mit 100.000 stationären und einer Million ambulanten Patientinnen und Patienten pro Jahr ist. Am AKH seien von der Stadt Wien optimale Bedingungen für die Seelsorge geschaffen worden; zugleich werde aber von der Krankenhausleitung, vom Personal, aber auch von den Kranken und deren Angehörigen gute ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit der Seelsorge-Einrichtungen der Kirchen und Religionsgemeinschaften erwartet.

Derzeit gibt es im AKH eine katholische und eine evangelische Kapelle sowie einen jüdischen und einen islamischen Gottesdienstraum. Das katholische Krankenseelsorge-Sekretariat unterstützt auch die griechisch-orthodoxe und die koptisch-orthodoxe Krankenseelsorge (in der katholischen Kapelle gibt es einen Ikonen-Bereich), das evangelische Sekretariat die jüdische. Bewusst vermieden werden zeitgleiche Gottesdienste. Es gibt ökumenische Gottesdienste der christlichen Kirchen am Beginn des Arbeitsjahres und in der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen, im Frühjahr und im Spätherbst ökumenische Trauer- und Gedenkgottesdienste, eine ökumenische Adventbesinnung, einen ökumenischen Gottesdienst zum Fest der heiligen Ärzte Cosmas und Damian sowie einen Dankgottesdienst der Transplantationspatienten, der aber jeweils in einer großen Kirche in einem der inneren Bezirke Wiens stattfindet. An jedem Wochentag findet ein ökumenisches Mittagsgebet statt, das an jeweils festgelegten Tagen von katholischen, evangelischen oder koptischen Seelsorgern gestaltet wird. In der katholischen Seelsorge im AKH gibt es sieben hauptamtliche und 20 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in der evangelischen drei hauptamtliche und drei bis sieben ehrenamtliche. Die orthodoxe Krankenseelsorge wird ausgebaut, wie Nikolaus Rappert mitteilte. Dabei geht es einerseits um die eigenständige institutionelle Verankerung, andererseits wird auch die Einrichtung einer orthodoxen Kapelle angestrebt.

Als Aufgaben der Kranken- und Krankenhaus-Seelsorge definierte Margit Leuthold den Einsatz für die Achtung der Würde des Lebens, die seelsorgliche Begleitung (die auch in religiösen Feiern zum Ausdruck kommt) und die Zusammenarbeit mit den im Spital tätigen Berufsgruppen (Ärzte, Schwestern usw.). Von entscheidender Bedeutung sei die professionelle Ausbildung und Begleitung der Seelsorgerinnen und Seelsorger, die von der katholischen und der evangelischen Kirche gemeinsam durchgeführt wird, auch die orthodoxe Kirche nimmt teil.

Pfarrer Preis unterstrich die Bedeutung der „Personalgemeinde Krankenhaus“. Zugleich würden im Krankenhaus Kirchen und Religionsgemeinschaften auch von Menschen wahrgenommen, die sich sonst mit Religion oder Spiritualität nicht auseinandersetzen. Manche Verkrustungen des Vorurteils könnten dann aufgebrochen werden. Auch in diesem Zusammenhang sei das solidarische ökumenische Auftreten der Kirchen besonders wichtig, ebenso die guten Beziehungen zwischen christlichen und muslimischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern.

Start zu Pfingsten

Die Unterschriftenaktion für die Kampagne „Christlich geht anders! Solidarische Antworten auf die soziale Frage“ wird zu Pfingsten – am 4./5. Juni – starten, wie Markus Blümel von der Katholischen Sozialakademie bei der ÖRKÖ-Vollversammlung mitteilte. Angepeilt seien in einer ersten Etappe 100.000 Unterschriften. Den Grundtext hätten bereits im Herbst des Vorjahrs 100 Erstunterzeichner unterschrieben, darunter Spitzenrepräsentanten der Ökumene in Österreich. Blümel unterstrich, dass der Inhalt des Grundtextes wesentlich vom Ökumenischen Sozialwort des ÖRKÖ aus dem Jahr 2003 inspiriert ist, aber auch vom Projekt „Solidarische Gemeinde“, in dem die Ergebnisse des Prozesses „sozialwort 10+“ im Jahr 2013 zusammengefasst wurden. Zu Pfingsten soll auch die neue Website der Initiative freigeschaltet werden.

Die Kampagne „Christlich geht anders! Solidarische Antworten auf die soziale Frage“ wendet sich gegen die gesellschaftliche Polarisierung, den Rückbau des Sozialstaats (einschließlich der Kürzung der bedarfsorientierten Mindestsicherung), die Infragestellung der gleichen Würde aller Menschen, die Tendenz zu populistischen Angst- und Hassparolen, die Anpassung an „autoritäre Einstellungen“ in den traditionellen großen Parteien, die Vereinnahmung, „ja Perversion“ christlicher Symbolbegriffe (wie „Nächstenliebe“ als Gegenstück zur „Fernstenliebe“) für Zwecke populistischer Propaganda. Die Initiatoren der Kampagne heben die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe als Zentrum des christlichen Glaubens hervor, die Solidarität mit den Schwachen und an den Rand Gedrängten, die Notwendigkeit des Einsatzes für soziale Gerechtigkeit und für ein „gutes Leben für alle“. Wie Blümel bei der Vollversammlung ausführte, geht es bei der Initiative „ Christlich geht anders!“ um eine Initialzündung für eine christliche Bewegung; die Initiatoren wollen mit Persönlichkeiten in den Kirchen, in den NGOs, in den Medien, in den Parteien, auch mit den Entscheidungsträgern ins Gespräch kommen.

Die ÖRKÖ-Vollversammlung fand aus Anlass des 90-Jahr-Jubiläums des österreichischen Zweigs der „Heilsarmee“ in der Wiener Niederlassung dieser im 19. Jahrhundert aus der methodistischen Kirche hervorgegangenen karitativ-charismatischen Bewegung statt. Majorin Heidi Oppliger erläuterte das spirituelle Profil der Gemeinschaft. Der General der „Heilsarmee“, Andre Cox, wird im Mai Wien einen Besuch abstatten. Der armenisch-apostolische Pfarrer Andreas Isakhanyan erinnerte zu Beginn der Vollversammlung an den im Jänner verstorbenen Wiener armenischen Erzbischof Mesrob Krikorian. Der Erzbischof sei ein guter Hirte, ein Lehrer fürs Leben, ein barmherziger Vater , ein großer Theologe und ein Vorkämpfer der Ökumene gewesen. In der von Kardinal Franz König begründeten Stiftung „Pro Oriente“ sei er von Anfang an dabei gewesen und habe wesentlich zum Vertrauensverhältnis zwischen der Stiftung und den orthodoxen bzw. orientalisch-orthodoxen Bischöfen beigetragen. Von 1964 bis 1974 war Krikorian auch offizieller armenisch-apostolischer Vertreter beim Weltkirchenrat.

Bei der Vollversammlung wurde auch ein Ausblick auf wichtige ökumenische Daten in nächster Zeit gegeben. So wird Metropolit Job (Getcha), Vertreter des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel beim Weltkirchenrat in Genf, am 16. Mai, um 18.30 Uhr, an der Wiener Universität (Hörsaal 30) zum Thema „Orthodoxie in der Diaspora: Chance für die Ökumene“ sprechen. Am 9. Juni wird der Solidaritätsmarsch für die verfolgten Christen (österreichische Sektion von „Christian Solidarity International“) vom Stephansdom zur Augustinerkirche ziehen, wo eine kurze Schlussandacht stattfindet. Nach einer mit Orgelspiel gefüllten Pause wird in dieser Kirche von 17.30 Uhr bis 17.50 Uhr ein ökumenischer Wortgottesdienst zur Eröffnung der „Langen Nacht der Kirchen“ stattfinden. Die Ökumenischer Sommerakademie im Stift Kremsmünster geht von 12. bis 14. Juli zum Thema „Gärten in der Wüste: Schöpfungsethik zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ über die Bühne. Der offizielle ÖRKÖ-Gottesdienst zur Schöpfungszeit (1. September bis 4. Oktober) findet am 21. September – in Zusammenarbeit mit der Initiative „Pilgrim-Schulen“ – im Schulzentrum St. Franziskus in der Erdbergstraße in Wien-Landstraße statt. Die Predigt wird der Pfarrer der serbisch-orthodoxen Kirche Maria Geburt im 16. Bezirk, Erzpriester Peter Pantic, halten.

Im Jahr 2018 stehen bereits zwei wichtige ökumenische Ereignisse fest: Von 20. bis 23. September 2018 findet in Baden bei Wien der nächste Internationale Altkatholiken-Kongress statt. Auch die Konferenz der europäischen nationalen Kirchenräte (ENCC) wird 2018 in Wien stattfinden. (ende)