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Franz König

Pro Oriente

Ninive-Ebene: Christliche Kirchen wollen zerstörte Dörfer gemeinsam wieder aufbauen

Vereinbarung der chaldäisch-katholischen, syrisch-katholischen und syrisch-orthodoxen Bischöfe – Mehr als 12.000 beschädigte Wohnhäuser müssen wiederhergestellt werden

Erbil, 29.03.17 (poi) Die christlichen Kirchen wollen beim Wiederaufbau der aus der Gewalt der IS-Terroristen befreiten Kleinstädte und Dörfer der Ninive-Ebene im nördlichen Irak intensiv zusammenarbeiten. Eine entsprechende Übereinkunft der chaldäisch-katholischen Kirche, der syrisch-katholischen Kirche und der syrisch-orthodoxen Kirche wurde am 27. März im chaldäisch-katholischen Bischofspalais in Erbil, der Hauptstadt der autonomen kurdischen Region des Irak, von den zuständigen Bischöfen unterzeichnet. Der Ausschuss für den Wiederaufbau in der Ninive-Ebene (NRC), der mit der Planung und Überwachung des Programms zum Wiederaufbau der Häuser der Christen beauftragt ist, besteht aus sechs Mitgliedern ( jeweils zwei gewählte Vertreter der drei beteiligten Kirchen) sowie drei externen Experten, die von der internationalen päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“ vorgeschlagen werden. „Kirche in Not“ kümmert sich um die Finanzierung des Wiederaufbaus.

Ein von „Kirche in Not“ in Auftrag gegebenes professionelles Gutachten hat ergeben, dass mehr als 12.000 Wohnhäuser wiederhergestellt werden müssen, die von IS-Terroristen verbrannt, zerstört oder teilweise beschädigt wurden. Die Kosten werden mehr als 200 Millionen Euro betragen. Die gesammelten Gelder werden jeder Kirche, im Verhältnis zur Anzahl der beschädigten Häuser ihrer Glaubensgemeinschaft, zugewiesen – die Berechnung ergibt sich aus dem Gutachten.

Nach der Unterzeichnungszeremonie betonte der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Mar Matta, Mar Timotheos Musa Shamani, die doppelte historische Bedeutung des Abkommens – einerseits den ökumenischen Geist, der die Vereinbarung möglich gemacht habe, andererseits die tatsächliche Möglichkeit für tausende Christen, zu ihren Wurzeln und einem Leben in Würde zurückzukehren. „Heute sind wir wahrhaft eine vereinte Kirche“, sagte Mar Timotheos Musa Shamani: „Chaldäisch-katholische, syrisch-katholische und syrisch-orthodoxe Christen sind vereint im Wiederaufbau der Häuser in der Ninive-Ebene, in der Wiederherstellung der Hoffnung in den Herzen der Bewohner dieser Dörfer und in der Bitte an die Vertriebenen, in ihre Heimstätten zurückzukehren“. Der syrisch-orthodoxe Erzbischof gedachte der wichtigen Rolle der Stiftung „Kirche in Not“ bei der Entstehung dieser Initiative: „Wir möchten uns bei ‚Kirche in Not‘ für die große Hilfe und die Bereitstellung von Lebensmitteln in der Vergangenheit – nach der Vertreibung unserer Gläubigen durch die Terroristen - bedanken. Jetzt spielt dieses Hilfswerk eine entscheidende Rolle bei dem Wiederaufbau unserer Häuser“.

Das Prinzip der Einheit und das Sprechen der Kirchen mit „einer Stimme“ ist die Quelle großer Freude für P. Andrzej Halemba, den Nahost-Referenten von „Kirche in Not“. „Kirche in Not“ werde die Arbeit des Ausschusses genau begleiten, vor allem in der Anfangsphase, kündigte P. Halemba an. In den nachfolgenden Stadien werde sich die Stiftung auf die Suche nach möglichen Finanzierungsquellen beschränken.

Der syrisch-katholische Erzbischof Youhanna Petros Mouche von Mosul sagt im Hinblick auf die neugewonnene Einigkeit der christlichen Kirchen: „Ich möchte die Christen der Ninive-Ebene dazu einladen, in ihre Heimat zurückzukehren und wieder in ihren Dörfern zu leben, um das Christentum zu bezeugen. Heute schließen wir uns zusammen, um zu zeigen, dass wir in unserem Wunsch vereint sind, mit der Durchführung des Unternehmens Wiederaufbau so schnell als möglich zu beginnen“.

Der Mut der drei christlichen Kirchen, diesen gemeinsamen Schritt zu wagen, sei die Antwort auf den Mut der Christen, die sich entschieden haben, im Irak zu bleiben. Dies betonte der chaldäisch-katholische Bischof von Alqosh, Mar Mikhael Maqdassi: „Heute haben wir unser Einverständnis zum Wiederaufbau der Häuser in unseren zerstörten Dörfern gegeben. Das ist ein tapferer Schritt vorwärts, der uns große Freude bereitet und die Christen dazu ermutigt, in ihren Dörfern und im eigenen Land zu bleiben“.

Der syrisch-orthodoxe Metropolit von Mosul, Mar Nicodemus Daoud Matti Sharaf, richtete einen Appell an alle internationalen Wohltäter: „Wir sind die Wurzeln der Christenheit. Wir müssen im Zweistromland bleiben. Wir müssen als Zeugen für Jesus Christus im Irak und vor allem in der Ninive-Ebene bleiben. Die Aufgabe des Wiederaufbaus aller Häuser in den Dörfern, in denen die IS-Terroristen alles zerstört haben, ist eine enorme Herausforderung. Vielen Dank im Voraus all denen, die uns helfen werden“.

Nach der Erhebung von „Kirche in Not“ wurden in den christlichen Kleinstädten und Dörfern der Ninive-Ebene durch die IS-Terroristen 12.000 Wohnhäuser schwer beschädigt, fast 700 Häuser wurden vollständig zerstört. Lokale Kirchenmitarbeiter hatten im Rahmen der Untersuchung die befreiten Kleinstädte und Dörfer besucht, die Schäden erfasst und katalogisiert. Auch Satellitentechnik kam dabei zum Einsatz. In einem weiteren Schritt sollen auch die Schäden an öffentlichen Einrichtungen wie Kirchen, Schulen und Krankenhäusern erfasst werden. Es waren die ersten Schritte, mit denen „Kirche in Not“ einen „Marshall-Plan“ zum Wiederaufbau der zerstörten christlichen Siedlungsgebiete in der Ninive-Ebene einleiten möchte.
Für die Studie wurden mehr als 1.300 christliche Familien befragt, die momentan in Erbil Zuflucht gefunden haben. 41 Prozent von ihnen gaben an, in ihre Heimatdörfer zurückkehren zu wollen. Weitere 46 Prozent ziehen dies zumindest in Erwägung. Bei einer ebenfalls von „Kirche in Not“ durchgeführten Befragung im November 2016 wollten lediglich 3,28 Prozent der Befragten in ihre Heimatdörfer zurückkehren. Damals begannen die Militäraktionen zur Befreiung der Ninive-Ebene erst.

In der Zwischenzeit haben viele Flüchtlinge die neue Situation genützt, um sich ein Bild von der Lage in ihren Heimatdörfern zu machen. Dies spiegelt sich auch in der Umfrage wieder: 57 Prozent der Befragten gaben an, ihr Eigentum sei geplündert worden, 22 Prozent berichteten von der völligen Zerstörung ihrer Häuser. Etwas mehr als ein Viertel der Befragten teilte mit, durch die Angriffe der IS-Terroristen seien alle ihre persönlichen Dokumente vernichtet worden.

In Erbil sind derzeit rund 90.000 Flüchtlinge registriert. Ihre Zahl ist rückläufig – 2014 waren es noch 120.000 Personen gewesen. Dennoch sind nach wie vor rund 85 Prozent der Geflüchteten auf die Hilfe von „Kirche in Not“ angewiesen, zum Beispiel durch Lebensmittel- und Medikamentenspenden, Unterstützung für Wohnquartiere und Krankenbehandlung, Schulen für geflüchtete Kinder oder seelsorgliche Betreuung der Traumatisierten. (ende)