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Franz König

Pro Oriente

Auch kirchliche Stimmen trauern um Jewgenij Jewtuschenko

Der russische Dichter-Rebell der sechziger Jahre starb im 85. Lebensjahr im nordamerikanischen Tulsa – Sein berühmtestes Werk war „Babij Jar“, eine Abrechnung mit dem tödlichen Gift des Antisemitismus

Moskau, 03.04.17 (poi) In die Trauer um Jewgenij Jewtuschenko, den russischen Dichter-Rebellen der sechziger Jahre, der am Samstag in seiner nordamerikanischen Wahlheimat Tulsa im Bundesstaat Oklahoma im 85. Lebensjahr verstorben ist, mischen sich auch kirchliche Stimmen. So erinnert die katholische Nachrichtenagentur „AsiaNews“ daran, dass der Gründer der italienischen katholischen Studentenbewegung „Comunione e liberazione“ (Gemeinschaft und Befreiung), Don Luigi Giussani, ein großer Fan von Jewtuschenko war, vor allem der studentischen Verse des aus Sibirien stammenden Dichter-Rebellen. Was Don Giussani fasziniert habe, sei die unermüdliche Sinnsuche Jewtuschenkos gewesen, die Sehnsucht nach etwas „Anderem“, das die Beschränktheit des irdischen Daseins überschreitet. Das sei etwa in dem Gedicht „Nach jeder Lektion“ zum Ausdruck gekommen, die der Mailänder Priester oft zitiert habe: „An guten Dingen im Leben/gibt es viele: die Verabredungen/die Blumen, das Theater…es fehlt nur/das, was du möchtest – es fehlt/das Wesentliche“.

Ob Jewtuschenkos Suche jemals in Richtung Glauben führte, bleibt offen. Der „Spiegel“ veröffentlichte am 30. Mai 1962 ein Interview mit dem damals schon weit über die Grenzen der Sowjetunion bekannten Nachwuchsliteraten, in dem es u.a. hieß: "Aha! Da sind Sie Christus-Anhänger? Die Frage geht an Jewgenij Jewtuschenko, 28, Sowjetmensch, Gedichte-Macher, Funktionär des russischen Schriftstellerverbandes, Idol und Personifikation der russischen Jugend von heute, zorniger junger Mann im Vaterland der Werktätigen. Während die Dolmetscherin die Christus-Frage ins Russische übersetzt, kommt in das wache Gesicht des Dichters ein gespannter Ausdruck. Die porzellanblauen Augen unter der blonden Stirn-Franse verengen sich. Die schlaksige Figur im bunten, offenen Hemd beugt sich vor. Man spürt, dass der hinter der Gesichtsfassade tätige Computer in diesem Augenblick eine Menge Daten zu verarbeiten hat - dann kommt die Antwort: Nein, nicht dass ich ein Christus-Anhänger bin, aber ... - in diesem Augenblick hebt der Sowjetdichter beide Arme und schlägt sich mit den Händen abwechselnd auf die Wangen -... aber mir gefällt seine (Christi) Art: Wenn du einen Streich auf die Wange erhältst, so halte die andere hin".

Jewtuschenkos Schulzeit verlief nicht sehr erfolgreich, er musste wegen Schwänzens und ungebührlichen Benehmens die Mittelschule wechseln und wurde schließlich aufgrund einer falschen Beschuldigung vor Erreichen eines Abschlusses als Fünfzehnjähriger von der Schule gewiesen. Er arbeitete von seinem 14. Lebensjahr an, erst in einer Kolchose, dann in einem Sägewerk. 1948 und 1950 nahm er an Expeditionen seines Vaters (eines Geologen) in die Kasachische Republik und ins Altai-Gebirge teil und kehrte nach Moskau zurück, „um Dichter zu werden“. 1949 druckte die Zeitschrift „Sowjetsport“ sein erstes Gedicht. Sein 1952 erschienener erster Gedichtband „Kundschafter der Zukunft“ wurde von der Kritik zwar gelobt, war beim Publikum aber wenig erfolgreich. Jewtuschenko wurde aufgrund seiner Veröffentlichungen auch ohne Schulabschluss in den Schriftstellerverband und an das Moskauer Gorki-Literaturinstitut aufgenommen (das er wieder verlassen musste, weil er den kritischen Roman von Wladimir Dudinzew „Der Mensch lebt nicht von Brot allein“ gelobt hatte).

Sein Aufstieg als Dichter begann Anfang der sechziger Jahre, als im Moskauer Polytechnischen Museum die Abende für Poesie und Literatur organisiert wurden. Der Durchbruch beim Publikum kam 1961 mit den beiden Gedichten „Babij Jar“ und „Meinst Du, die Russen wollen Krieg“. „Babij Jar“ machte Jewtuschenkos Namen in ganz Russland bekannt – und löste scharfe Kritik bei der linientreuen kommunistischen Presse aus. Babij Jar ist der Name einer Schlucht am Stadtrand der ukrainischen Hauptstadt Kiew. In der Schlucht wurden 1941 von den Deutschen mehr als 30.000 jüdische Bürger ermordet, die man mit einem raffinierten Trick aus ihren Wohnungen gelockt hatte. Obgleich Babij Jar eines der größten Massengräber war, wurde dort zunächst kein Denkmal errichtet. 1959 gab es sogar Gerüchte, die Stadtverwaltung von Kiew beabsichtige, über der Stätte ein Stadion zu bauen. Die Moskauer "Literaturnaja Gaseta" protestierte gegen den Plan. Vielleicht war es dieser Vorfall, der Jewtuschenko den Anstoß zu "Babij Jar" gab. Er las das Gedicht in der Öffentlichkeit erstmalig am 16. September 1961 in Moskau. Wenige Tage später erschien es in der "Literaturnaja Gaseta". In dem Gedicht wird mit keinem Wort erwähnt, dass die jüdischen Männer, Frauen und Kinder in Babij Jar durch die Deutschen ermordet wurden. Sein Gedicht richtet sich ausschließlich gegen den russischen Antisemitismus. Einige markante Verse lauten: „Schlagt die Juden, rettet Russland, so hört man rufen ... Ach, mein Volk von Russland, ich weiß, Du bist großmütig und weiten Herzens. Doch haben die mit den unreinen Händen Deinen reinen Namen beschmutzt ... Möge die Internationale hier erst wieder ertönen, wenn der letzte Antisemit begraben wird“. Dmitri Schostakowitsch hat „Babij Jar“ in seiner 13. Symphonie vertont.

1962 entstand Jewtuschenkos Dichtung „Stalins Erben“, die damals sogar in der „Prawda“ publiziert wurde: „Wir müssen Stalins Erben entstalinisieren, um die Wiederauferstehung des Diktators und der Vergangenheit zu verhindern“, hieß es darin. Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 beantwortete er mit dem Klagegedicht „Panzer in Prag“. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) hieß es am Montag in einem Nachruf auf Jewtuschenko über seine Haltung: „Der Dichter, der in den sechziger Jahren das Kunststück fertigbrachte, vor Neostalinismus und Antisemitismus zu warnen, dabei aber immer gedruckt wurde und zum Reisekader (mit der Möglichkeit zu Auslandsreisen, Anm.) gehörte, war ein Symbol des politischen ‚Tauwetters‘. In jener Aufbruchszeit füllte er mit Rezitationen seiner ebenso eingängigen wie pathosgeladenen Verse ganze Fußballstadien“. Der Dichter, der sich mit schauspielerischem Charisma und auffälliger Kleidung „zum Volkstribun stilisierte wie sein Vorbild Wladimir Majakowskij“, habe aber nie mit dem sowjetischen System gebrochen. (ende)