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Franz König

Pro Oriente

Syrien: Katholische Bischöfe skeptisch nach US-Luftschlag

Bischof Audo befürchtet, dass es ein Projekt gibt, Syrien zu teilen – In Aleppo können die chaldäischen Christen zum ersten Mal seit Jahren Ostern wieder in Ruhe feiern

Damaskus, 10.04.17 (poi) Der US-amerikanische Militärschlag in Syrien hat bei den katholischen Bischöfen des Landes skeptische Meinungen ausgelöst. Der chaldäisch-katholische Bischof von Aleppo (und Präsident der syrischen Caritas), Mar Antonios Audo, sagte im Gespräch mit „Radio Vatikan“: „Das Eingreifen Trumps war wirklich für alle eine Überraschung! Das ist etwas Neues – es wirkt wie ein Wandel in der Militärpolitik auf internationalem Level. Aber keiner weiß, wohin die Reise geht. Hier in Syrien fragen sich die Leute (ich selbst nicht, aber die Leute): War vielleicht diese Sache mit den Chemiewaffen nur eine Vorbereitung für dieses Eingreifen? Um die öffentliche Meinung in der Welt darauf vorzubereiten? Einem Beobachter aus dem Westen mag das absurd erscheinen. Aber ist es nicht auch verständlich, dass viele Syrer nach sechs Jahren Bürgerkrieg und Verwicklungen nicht mehr wissen, was sie denken und glauben sollen?“ Die Sympathisanten der Rebellen seien zufrieden, weil Trumps Luftschlag dem syrischen Staat Zerstörungen eingebracht hat. Die anderen dagegen warten jetzt ab, wie es weitergeht, so Bischof Audo. Der chaldäische Bischof aus dem Jesuitenorden fürchtet, dass es ein Projekt gibt, Syrien zu teilen. Und er hat Angst, dass die Christen in Syrien in eine ähnliche Falle geraten wie im Irak – als Minderheit, die nach Schutz sucht und sich an das jeweilige Regime hält.

Zur aktuellen Lage sagt der Bischof: „Offenbar hat die syrische Regierung die Kontrolle der Linie wiedererlangt, die sich von Damaskus bis nach Aleppo zieht. Damit hat sie die wichtigsten Städte unter Kontrolle: Damaskus, Aleppo, Homs, Hama und die Städte an der Mittelmeerküste. Aber gleichzeitig gehen die Angriffe weiter. Immer wieder mal gibt es Bombardements in Damaskus, auch in Aleppo und in Homs. Es ist noch nicht vorbei!“ Bischof Audo ist fest davon überzeugt, dass der Krieg schon lange vorüber wäre, hätten sich nicht ausländische Akteure eingemischt. Syrer unter sich würden sich schon einig, glaubt er. Aber leider sei der Krieg an Euphrat und Tigris längst ein Bündel aus widerstreitenden internationalen Interessen. „Ich glaube, es geht da vor allem um wirtschaftliche Interessen. Alles dreht sich um die Frage von Gas und Öl. Das ist das eine. Das andere ist das innerislamische Problem. Da wird dieser Kampf zwischen Schiiten und Sunniten im ganzen Nahen Osten am Leben gehalten, um den Waffenhandel voranzubringen“.

In Aleppo können die chaldäischen Christen jetzt zum ersten Mal seit Jahren Ostern ohne Belagerungsring und Bombardements feiern. Dass die Regierung Assad die Kontrolle über Aleppo wiedererlangt hat, erleben die Christen in der früheren syrischen Wirtschaftsmetropole als Befreiung – auch wenn die Vertreter des einst christlichen „Westens“ das schwer verstehen können. Bischof Audo: „Ich war am letzten Freitag sehr überrascht: Wir haben da immer nach der Messe noch einen Kreuzweg, und die Kirche war viel voller als sonst! Jetzt kommen die Leute wieder en masse in die Kirche. Dieser Glaube ist etwas Außerordentliches... Er ist alles, was wir noch haben, denn wir sind ja ohne politische oder wirtschaftliche Mittel. Wir tun alles, um die christliche Präsenz hier zu sichern. Wir verfolgen keinerlei Eigeninteresse. Alle anderen haben ihre Interessen in diesem syrischen Krieg: international, regional, lokal. Nur wir Christen, wir haben schon als erste alles verloren“.

Überaus skeptisch äußerte sich der für die lateinischen Christen in Aleppo zuständige Bischof Georges Abou Khazen zu den jüngsten Entwicklungen um den US-Angriff: „Besonders befremdend ist im Zusammenhang damit die Schnelligkeit, mit der diese militärische Operation beschlossen und umgesetzt wurde, ohne dass vorher angemessene Ermittlungen zu dem tragischen Angriff mit Giftgas in der Provinz Idlib stattfinden konnten“. Diese militärische Operation eröffne „neue und beunruhigende Schauplätze für uns alle“, so der Bischof im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „Fides“: „Ich sehe, dass auch der türkische Premier Erdogan die Intervention begrüßt, bei der keinerlei Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung über die Ereignisse in Idlib berücksichtigt wurde. Alles wurde aus dem von den internationalen Medien transportierten Impuls heraus entschieden. Niemand hört den Papst und den Heiligen Stuhl. Denn es gibt offensichtlich diejenigen, die diesen schmutzigen Krieg fortsetzen wollen”.

Noch deutlicher äußerte sich der syrisch-katholische Erzbischof von Hassake und Nusaybin, Jacques Behnan Hindo. Er sagte im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „Fides“: „Präsident Trump denkt wie ein Geschäftsmann und benimmt sich wie ein Geschäftsmann. Mit dem Angriff auf die syrische Luftwaffenbasis Shaykat gewinnt er Konsens in einflussreichen US-amerikanischen Machtsektoren und zugleich beruhigt er die Türkei, Saudiarabien und die Golfstaaten“. Offensichtlich sei der US-Angriff bereits beschlossene Sache gewesen, deshalb habe man auch das Verlangen nach genaueren Untersuchungen über die Verantwortung für die Giftangriffe nicht in Erwägung gezogen.

Erzbischof Behnan Hindo sagte, er sei überzeugt, dass die Supermächte USA und Russland keine direkte Auseinandersetzung auf syrischem Territorium suchen. Scherzhaft fügte der Erzbischof hinzu, dass nach russischen Angaben von den 59 amerikanischen Raketen nicht einmal die Hälfte ihr Ziel erreicht hatte. „Vielleicht sind die anderen von russischen Abwehrraketen getroffen worden“, so der Erzbischof. In Syrien gebe es zwar einen Stellvertreterkrieg, aber er sei überzeugt, dass nicht einmal die Vereinigten Staaten in Syrien einen Staat wollen, der von den Islamisten der „Al Nusra“-Front beherrscht wird. (ende)