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Franz König

Pro Oriente

„Kopten überwinden Hass und Furcht durch das spirituelle Konzept des Martyriums“

Koptischer Bischof erinnert in Interview mit dem Pressedienst des Weltkirchenrats an die tiefe Verankerung dieses Konzepts im Bewusstsein der koptischen Christen

Kairo-Genf, 13.04.17 (poi) Die koptischen Christen überwinden angesichts der islamistischen Attentate Hass und Furcht durch das spirituelle Konzept des Martyriums, das in der koptischen Frömmigkeit seit nahezu 2.000 Jahren tief verankert ist. Dies betonte der koptische Bischof Thomas Mattheos von Al-Kousya (der auch als Gründer des koptischen Exerzitienhauses „Anafora“ im Wadi Natrun hervorgetreten ist) in einem Interview mit der deutschen Religionsjournalistin Katja Dorothea Buck, das vom Pressedienst des Weltkirchenrats veröffentlicht wurde. Das Interview wurde am 26. März - vor den beiden jüngsten dramatischen Attentaten in Tanta und Alexandrien – geführt.

Bischof Thomas erinnerte in dem Interview an die Haltung der 21 jungen koptischen Arbeiter, die im Februar 2015 von IS-Terroristen in Libyen hingeschlachtet wurden. Die jungen Arbeiter hätten nach ihrer Entführung allen Versuchen widerstanden, sie zur Verleugnung des christlichen Glaubens zu bringen, sie seien mit dem Namen Jesu auf den Lippen gestorben. Wörtlich sagte der Bischof in diesem Zusammenhang: „Wir sagen unseren Leuten immer, wenn sich solche Tragödien ereignen, dass sie keine Angst vor den Mördern haben sollen. Wenn man keine Angst hat, kann man lieben, vergeben und Stärke zeigen“.

Der koptische Bischof unterstrich, dass die 21 jungen Arbeiter, die in Libyen getötet wurden, ebenso wie viele andere koptische Märtyrer „einfache Menschen“ waren. Aber sie seien im „Geist des Martyriums“ erzogen worden, wobei die Erinnerung an die koptischen Märtyrer und Heiligen seit den ersten Tagen des Christentums am Nil eine große Rolle spiele. Damit hätten auch einfache Menschen eine tiefe spirituelle Basis erhalten. In den koptischen Sonntagsschulen – die von allen koptischen Kindern besucht werden – gehe es nicht so sehr um geschriebene als vielmehr um lebendige Theologie. In der Geschichte der koptischen Kirche gebe es so viele Beispiele von Christen, die wegen ihres Glaubens zu Märtyrern wurden, aber in Würde gestorben seien. Jeder koptische Christ kenne eine Fülle von Bildern und Geschichten über Märtyrer: „Das Martyrium ist vom Beginn der Evangelisierung an in den Herzen der ägyptischen Christen verankert. Und wir wissen alle, dass diese Geschichte auch heute lebendig ist“.

Freilich verursache der Verlust eines geliebten Menschen durch die Verbrechen islamistischer Mörder bei den Angehörigen immer ein Trauma, stellte Bischof Thomas fest: „Da gibt es dann keine rasch tröstenden Worte“. Die Überzeugung, dass niemand den Getöteten die ewige Herrlichkeit wegnehmen kann, tilge den Schmerz der Überlebenden nicht. Hier bedürfe es besonderer Programme zur Heilung von Traumatisierungen. Aber das Leid zu tragen, bedeute nicht, sich vom Hass oder von der Angst infizieren zu lassen.

Auch wenn das Konzept des Martyriums um des Glaubens willen im koptischen Bewusstsein tief verankert sei, bedeute das nicht, das Unrecht einfach hinzunehmen, so der Bischof: „Wann immer es zum Martyrium kommt, heißt das, dass Unrecht vorliegt. Wir haben die Verantwortung, uns für Gerechtigkeit einzusetzen. Die brutalen Mörder müssen gestoppt werden“.

Die koptische Kirche kümmere sich sehr um die Familien der Märtyrer, spirituell und finanziell, unterstrich Bischof Thomas. Der Verlust eines Familienmitglieds stürze die Familien oft auch in finanzielle Krisen, in diesen Krisen dürfe man die Familien nicht allein lassen, denn das würde bedeuten, „das Unrecht der Mörder fortzusetzen“. Die Kirche setze aber auch auf Trauma-Heilung und Seelsorge, um den Familien zu vermitteln, dass sie in ihrem Schmerz nicht alleingelassen sind. Die Kirche trete aber auch mit Entschlossenheit für die Menschenrechte ein: „Und wir vermitteln den Leuten die spirituelle Einsicht, dass alle – auch die Mörder – im Kreis der Liebe und des Vergebens sind“. Das sei nicht einfach, man müsse schrittweise vorgehen. In einem ersten Schritt sei Vergebung eine Sache zwischen einem Betroffenen und Gott, es gehe darum, dem Hass und der Angst keinen Zutritt in die eigene Seele zu gewähren. Das sei die Voraussetzung für den zweiten Schritt, den Schritt zu Frieden und Versöhnung. Zu diesem Schritt gehöre auch der Ruf nach Gerechtigkeit und das Gebet für die Übeltäter, dass sie sich von der Wahrheit erleuchten lassen mögen.

Er sehe mit Sorge, dass durch den Terrorismus die Angst sich in den westlichen Gesellschaften ausbreite, so der Bischof. Es könne eine starke Antwort der christlichen Kirchen sein, sich dieser Botschaft von Angst und Furcht entgegenzustellen. Wenn sich die Angst ausbreite, führe das rasch zu ungerechten Verallgemeinerungen, dann würden alle Muslime als böse angesehen. Auch wenn die westlichen Kirchen nicht in einem Kontext der Verfolgung leben, könnten sie das Konzept des Martyriums verstehen und den orientalischen Kirchen helfen, ihr Kreuz zu tragen „so wie der Heilige Simon von Cyrene das Kreuz Jesu ein Stück weit getragen hat“. Das Mittragen des Kreuzes könne für die westlichen Kirchen ein Segen sein, so Bischof Thomas: „Unsere Verpflichtung, für Gerechtigkeit zu arbeiten, übersteigt alle nationalen oder politischen Grenzen. Die Märtyrer stoßen einen Schrei aus. Die Frage ist, ob wir diesen Schrei hören wollen oder nicht“.(ende)