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Franz König

Pro Oriente

Chaldäischer Patriarch rät zur Vorsicht in Sachen Autonomie der Ninive-Ebene

Priorität hat die Rückkehr der Christen in ihre Heimat, was den Wiederaufbau der von den IS-Terroristen zerstörten Infrastruktur voraussetzt – Christliche Politiker hatten bei Gesprächen mit der irakischen Staatsspitze weitgehende Autonomieforderungen deponiert

Bagdad, 07.05.17 (poi) Der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako hat zur komplexen Frage der politischen Neuordnung im nördlichen Irak Stellung bezogen, wobei es vor allem um den seit langem diskutierten Vorschlag einer autonomen christlichen Provinz geht. Derzeit sollte man sich jedoch vor allem um die Rückkehr der Christen in ihre Heimat bemühen, die sie nach dem Vormarsch der IS-Terroristen im Jahr 2014 verlassen mussten, betonte der Patriarch. Dies setze vor allem den Wiederaufbau der zerstörten Infrastrukturen voraus, wobei die irakische Regierung und die internationale Gemeinschaft um Unterstützung gebeten werden sollten. Dabei sei es angemessen, Vertreter der einheimischen Bevölkerung in die Verwaltung einzubeziehen. Man könne auch neutrale externe Beobachter um Unterstützung bitten, die den Integrationsprozess zwischen den verschiedenen ethnischen und religiösen Komponenten der Ninive-Ebene begleiten und verhindern sollen, dass Bevölkerungsgruppen als “ungläubig” abgestempelt und diskriminiert werden. Doch erst, wenn die Situation wieder stabil sei, werde man die Forderung nach Schaffung autonomer Verwaltungseinheiten in Betracht ziehen können.

Christen sollten in diesem kritischen Moment „weise Entscheidungen“ treffen, angefangen dabei, dass sie sich „von politischen Konflikten in ihrer Umgebung fern halten”, so der chaldäische Patriarch. Sie sollten auch darauf verzichten “Forderungen zu stellen, die nicht verwirklicht werden können”. Christen sollten sich vielmehr darum bemühen, “gemeinsam mit den anderen Bürgern ein ziviles Land mit einem modernen demokratischen System aufzubauen, in dem die Verfassung geachtet wird, die für alle Bürger die gleichen Rechte garantiert“. Er hoffe und bete dafür, so der chaldäische Patriarch abschließend, dass die Zeit nach der endgültigen Befreiung Mosuls aus der Hand der IS-Terroristen nicht von Konflikten geprägt sein wird, “die zu weiterem Blutvergießen führen könnten”.

Wenige Tage vor der Veröffentlichung der Patriarchen-Erklärung waren christliche irakische Politiker am 3. Mai mit höchsten Repräsentanten des irakischen Staates in Bagdad zusammengetroffen und hatten Forderungen im Hinblick auf die Neuordnung der irakischen Nordregion deponiert. Der Delegation gehörten u.a. auch die christlichen Parlamentarier Yonadam Kanna (Assyrische Demokratische Bewegung) und Romeo Akari (Partei „Beth Nahrain“) an; die staatlichen Gesprächspartner waren Präsident Fuad Masum und Parlamentspräsident Salim Abdullah al-Jaburi. Die Vorschläge der christlichen Politiker bezogen sich insbesondere auf Beschlüsse, die vom irakischen Parlament bereits im Jahr 2014 verabschiedet wurden und die administrative Autonomie der Provinz Ninive betreffen. Die Delegation forderte auch eine internationale Resolution, die die traditionelle demographische Struktur der Ninive-Ebene mit ihrer starken christlichen Präsenz garantiert.

Christliche Milizenführer

Bei ihrem Besuch in Bagdad waren die christlichen Politiker auch von Mar Louis Raphael Sako empfangen worden. In irakischen Medien wurde zeitgleich an Erklärungen der Anführer der sogenannten „christlichen Milizen“ („Babylon-Brigaden“) erinnert, die die Delegation nicht als politische Vertretung der Christen im Irak anerkennen wollen. Der Wettbewerb um die politische Vertretung der Christen habe mit Blick auf die Parlamentswahl 2018 offensichtlich schon begonnen, stellte der Patriarch dazu im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „Fides“ fest. Mar Louis Raphael Sako hatte mehrfach im Hinblick auf den Aufbau „christlicher Milizen“ Bedenken geäußert und dafür plädiert, dass sich junge Christen entweder in der irakischen Armee oder bei den kurdischen „Pesh Merga“ engagieren sollten.

Kardinal Sandri macht Hoffnung auf Rückkehr

Es genüge nicht, in der Ninive-Ebene die Häuser wiederaufzubauen, man müsse auch den Menschen die Gewissheit vermitteln, dass sie dort wieder in Sicherheit leben und „gemeinsam mit dem ganzen irakischen Volk eine neue Zukunft für die geliebte alte Heimat aufbauen können“. Dies betonte der Präfekt der vatikanischen Ostkirchenkongregation, Kardinal Leonardo Sandri, am Sonntag bei einem Festgottesdienst in der bis auf den letzten Platz gefüllten chaldäisch-katholischen Kathedrale der australischen Metropole Sydney. Der Kardinal erinnerte daran, dass die chaldäische Kirche, „eine Kirche der Märtyrer von gestern und heute“, auf die Glaubensverkündigung durch den Apostel Thomas und seine Schüler Addai und Mari zurückgeht. Jeder und jede der chaldäischen Gläubigen und die ganze Gemeinschaft trage „auf Grund des Krieges, des Andauerns der Gewalt, des Dunkels des Exils“ gleichsam die Wundmale Jesu. Dies bezeuge auch das Schicksal des chaldäischen Erzbischofs von Sydney, Emil Shimoun Nona, der bis zum Sommer 2014 Erzbischof von Mosul war und wegen des Vormarsches der IS-Terroristen die historische Tigris-Metropole über Nacht verlassen musste. Die Gläubigen der chaldäischen Kirche erwarteten nun – ebenso wie ihre Brüder und Schwestern aus der syrisch-katholischen Kirche, der syrisch-orthodoxen Kirche und der Apostolischen Kirche des Ostens – nach der Wüstenwanderung des Exils ein „Ostern der Befreiung“, das ihnen ihren Landbesitz und ihre Häuser in der Ninive-Ebene wieder zurückgebe.

Kardinal Sandri rief die chaldäischen Katholiken dazu auf, sich „der Funken des Osterlichts und des Pfingstfeuers“ bewusst zu sein, die ihnen seit apostolischer Zeit anvertraut seien, wie das Zweite Vatikanische Konzil festgestellt habe. Australien gebühre Dankbarkeit für die brüderliche Aufnahme der orientalischen Christen. Es sei ihre Aufgabe, gemeinsam mit den Christen aus anderen Kirchen immer mehr „Zeugen des Evangeliums und Erbauer des Gemeinwohls“ zu sein, die „imstande sind, das Licht auch dorthin zu bringen, wo sich das Dunkel des Bösen und der Sünde auch unter den Kindern und Dienern der Kirche eingenistet hat“.

Der aus Argentinien stammende Kurienkardinal absolviert derzeit einen bis 15. Mai angesetzten Pastoralbesuch auf Einladung der fünf unierten Bischöfe, die in Australien die in den letzten Jahrzehnten für die Seelsorge der orientalischen Immigranten begründeten Eparchien (Diözesen) leiten. Auf Grund der dramatischen Entwicklungen im Irak und in Syrien hat die Zahl der orientalischen Katholiken in Australien stark zugenommen. (ende)