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Franz König

Pro Oriente

Interreligiöser „Zwischenfall“ in Ägypten

Scheich erklärte in TV-Interview, dass Christen und Juden „Ungläubige“ seien – Es folgten Predigtverbot und Einleitung eines Gerichtsverfahrens wegen „Beleidigung der Religionen“

Kairo, 14.05.17 (poi) Kaum 14 Tage nach dem vielbeachteten Kairo-Besuch von Papst Franziskus ist es in Ägypten zu einem heiklen interreligiösen „Zwischenfall“ gekommen: Der junge Scheich Salem Abd-ul-Jalil, früherer Unterstaatssekretär im Ministerium für die islamischen religiösen Stiftungen („Awqaf“), erklärte in einem Interview mit einem privaten TV-Sender, die Christen und Juden seien „Ungläubige“, weil sie sich weigern, den Einsichten Mohammeds zu folgen, wobei er im Hinblick auf die Christen vor allem die Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes anführte. Die Argumentation des Scheichs löste scharfe öffentliche Kritik aus, wobei betonte wurde, dass er im Grunde die selbe Sprache wie die Dschihadisten benütze, die „koptische Christen töten und die nationale Einheit Ägyptens unterminieren“. Stiftungsminister Mohammed Mokhtar Gomaa reagierte sofort und erteilte dem Scheich am 10. Mai ein Predigtverbot in Moscheen. Gomaa verlangte, dass sich Abd-ul-Jalil bei den Christen entschuldigen müsse und bezeichnete es als „nicht sehr weise, über die Lehren anderer Religionen zu diskutieren“. Es gab mehrere Anzeigen gegen den Scheich wegen „Beleidigung der Religionen“, darunter auch eine vom koptischen Juristen und Menschenrechtsaktivisten Naguib Gabriel. Der Prozess soll am 25. Juni stattfinden.

Der koptisch-katholische Bischof von Minya, Boutros Fahim Awad Hanna, bezeichnete die Vorgangsweise der ägyptischen Justiz als bemerkenswert. Bisher habe es in Ägypten nur Prozesse gegen Christen und Muslime gegeben, die beschuldigt wurden, den Islam beleidigt zu haben. Der Prozess gegen Abd-ul-Jalil könnte das erste Verfahren zu Lasten eines Muslims sein, „der das Christentum beleidigt“.

Der Scheich versuchte sich zunächst im Gespräch mit ägyptischen Journalisten zu rechtfertigen. Muslime betrachteten zwar die Lehren der Christen und Juden als „verdorben“, aber auch die Christen schätzten den Islam als „verdorbene“ Lehre ein. Die lehrmäßige Ablehnung des Christentums bedeute aber nicht, dass der Islam die Tötung oder Diskriminierung der Bekenner anderer Religionen rechtfertige. Als die Polemik weiterging, wollte Abd-ul-Jalil zwar seine Positionen nicht wesentlich verändern, aber er unterstrich in einem Telefoninterview im Rahmen einer TV-Sendung, dass die „unterschiedlichen theologischen und lehrmäßigen Überzeugungen die Koexistenz der verschiedenen Glaubensgemeinschaften nicht in Frage stellen müssen“. Er schätze die koptischen Brüder und bedaure die bei der ursprünglichen Darlegung seiner Argumentation gewählte Ausdrucksform. Aber er wolle sich nicht entschuldigen, es sei seine Überzeugung und er werde sie verteidigen, solange er lebe.

Im Gegensatz dazu wies Sabri Ibada, der derzeitige Unterstaatssekretär im Stiftungsministerium, Abd-ul-Jalils Darlegungen kategorisch zurück. Es handle sich um bloße Privatmeinungen und kein „religiöses Rechtsgutachten“ (fatwa). Auch der Sekretär des parlamentarischen Religionskomitees, Omar Hamroush, meinte lapidar: „Es wäre besser gewesen, wenn Abd-ul-Jalil es vermieden hätte, heikle Themen aufzugreifen, die unter Menschen unterschiedlichen Glaubens eine Atmosphäre der Uneinigkeit erzeugen können. Das war nicht der ideale Zeitpunkt, um eine so kontroversielle Diskussion vom Zaun zu brechen, mit der die Situation der ohnehin schwer belasteten Nation noch weiter erschwert wird“.

Friedenkonferenz als „Komödie“?

Die „Causa Abd-ul-Jalil“ schließt an eine polemische Auseinandersetzung an, die die Al-Azhar-Universität betroffen hat. Unmittelbar nach dem herzlichen Empfang für Papst Franziskus und der internationalen und interreligiösen Friedenskonferenz ging es dabei um die Beziehungen des Islam zur Moderne. Der Präsident der Universität, Scheich Ahmed Hosni Taha, prangerte in einer TV-Sendung den Islamwissenschaftler Islam al Behairy als „Abtrünnigen“ an, Behairy hatte u.a. die von der Universität veranstaltete Friedenskonferenz als “Komödie” bezeichnet – in Weiterführung seiner Kritik an der sunnitischen Universität, die er seit Jahren als Bastion veralteter Denkweisen darstellt. Behairy war im Jahr 2015 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, im Dezember des Vorjahrs kam er durch einen Gnadenerlass von Präsident al-Sisi frei.

In einem Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ meinte Behairy jetzt, der Papstbesuch sei eine große Ehre für Ägypten gewesen. Papst Franziskus habe die Lehren des Christentums perfekt zum Ausdruck gebracht, „aber er wollte offenbar nicht die Wurzeln der religiös motivierten Gewalt beim Namen nennen“ und einen neuen Anfang mit den islamischen Repräsentanten setzen. Die interreligiöse Friedenskonferenz sei ein „enormer Erfolg auf der medialen Ebene“ gewesen, aber in der faktischen Realität werde sich nichts ändern, so Behairy. Wer sich der Illusion hingebe, dass der „religiös“ motivierte Terrorismus zurückgehen werde, sei ein Träumer.
Im weiteren Verlauf des Interview attackierte Behairy den Großimam der Al-Azhar, weil er bei der Friedenskonferenz die postmoderne Ideologie und den Waffenhandel als Hauptgründe des Terrorismus bezeichnet hatte. Das bedeute, dass die Person, die als erste den „religiösen“ Terrorismus bekämpfen müsse, nicht einmal die Ursachen seiner Existenz kenne.

Noch schärfer ging Behairy generell mit der Lehre an der Al-Azhar ins Gericht: „Ich weiß nicht, ob der Großimam sich dessen bewusst ist oder nicht, aber die Bücher, die an seiner Institution gelehrt werden, haben keine andere Interpretation als die Aufhetzung zur Gewalt. Leider sind diese Interpretationen nicht verfehlt. Ich könnte hinzufügen, dass das Problem nicht unsere irrende Interpretation ist. Der Terrorismus ist vielmehr direkt mit unserer Lehre verbunden, mit einer Auffassung, die auf die Zeit vor tausend Jahren zurückgeht. Ich wünsche mir so sehr, dass sich der Großimam dafür entschuldigt und für das, was die Muslime im Mittelalter und in der Moderne angerichtet haben“. Er verlange, so Behairy, dass Al-Azhar die Bücher verschiedener Imame aus dem Mittelalter zurückzieht, die als Erbe des wahren Islam verkauft werden: „Denn das, was in diesen Büchern steht, ist genau das, was die ‚Daesh‘-Terroristen wörtlich und bis zum letzten Beistrich in die Praxis umsetzen“.

In die polemische Debatte schaltete sich auch der Großimam der Al-Azhar-Universität, Ahmed al Tayyeb, ein, der Taha entließ und ihn interimsmäßig durch den Dekan der Fakultät für Arabisch, Mohammed al Maharasawy, ersetzte. Der stellvertretende Präsident der Universität, Scheich Mohammed Abu Hashim, wollte rechtliche Schritte gegen den Beschluss des Großimams unternehmen, weil nicht er, sondern Maharasawy zum Interims-Präsidenten ernannt wurde. Am 8. Mai erklärten sich akademische Mitarbeiter der Universität solidarisch mit den Forderungen des stellvertretenden Präsidenten. Die Debatte kann auch als Reaktion auf Spannungen in den Reihen der akademischen Führungsriege der Universität gesehen werden, die entstanden waren, nachdem Präsident Abd-el-Fattah al Sisi die Universität mehrmals aufgefordert hatte, entschlossener gegen dschihadistische Auslegungen des Korans vorzugehen.

Zu der Debatte äußerte sich schließlich auch der koptisch-orthodoxe Bischof von Tanta, Boulos (Thoma el Baramoussy). In einem Interview betonte der Bischof, in dessen Eparchie am Palmsonntag ein blutiger Anschlag gegen Christen verübt wurde, die Annahme, dass die Al-Azhar-Universität mit dschihadistischen Strömungen in Verbindung gebracht werden könne, sei schlichtweg falsch. In diesem Zusammenhang lobte er ausdrücklich die von der sunnitischen Universität organisierte Friedenskonferenz und würdigte den Großimam al-Tayyeb für dessen achtsamen Führungsstil. (ende)