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Franz König

Pro Oriente

Nach Blutbad an koptischen Pilgern höchste politische Alarmstufe in Ägypten

Überfall islamistischer Terroristen auf einen Pilgerkonvoi forderte 35 Todesopfer und 25 Verletzte – Pilger waren auf dem Weg zum Anba-Samuel-Kloster auf dem Qalamoun-Berg in der Provinz Minya – Beileidsbekundung von Kardinal Schönborn

Kairo, 26.05.17 (poi) Höchste - auch politische – Alarmstufe in Ägypten: Wenige Wochen nach dem Besuch von Papst Franziskus und der von der Al-Azhar-Universität einberufenen großen christlich-islamischen Friedenskonferenz haben die islamistischen Verbrecher wieder zugeschlagen. Am Freitag haben rund zehn Täter, die auf drei Pick-ups verteilt waren, auf der Nationalstraße in der Provinz Minya mehrere Fahrzeuge, in denen koptische Pilger unterwegs waren – einen Autobus, einen Minibus, vermutlich zwei Privatautos – mit automatischen Waffen beschossen. Nach ersten Bericht wurden 35 koptische Christen – unter ihnen nicht wenige Kinder – bei dem Überfall getötet, mindestens 25 Menschen wurden verletzt.

Der ägyptische Präsident Abd-el-Fattah al-Sisi hat den Ausnahmezustand verhängt und den nationalen Sicherheitsrat einberufen, der Ministerpräsident, der Gesundheits- und der Sozialminister wurden nach Minya in Marsch gesetzt. Die ägyptischen Sicherheits- und Militärbehörden haben nach Angaben des Gouverneurs von Minya, Issam el-Bedaiwy, die Provinz völlig abgeriegelt, auch auf den Straßen, die in die Wüste führen: „Wir wollen die Terroristen nicht entkommen lassen“.
Die Pilger waren auf dem Weg von Beni Suef zum Kloster Anba Samuel auf dem Qalamoun-Berg. Das Blutbad auf der Nationalstraße bedeutet für die ägyptische Regierung aus mehreren Gründen eine totale Katastrophe: Nach den verheerenden Anschlägen am Palmsonntag in der Markuskathedrale in Alexandrien und in der Georgskathedrale in Tanta – die 47 Todesopfer forderten – hatte Präsident al-Sisi den Ausnahmezustand verhängt, um weitere Anschläge zu verhindern, sichtlich ohne Ergebnis. Papstbesuch und Friedenskonferenz sollten der Welt ein neues Ägypten im Zeichen der Gleichberechtigung aller Bürger unabhängig vom Religionsbekenntnis vor Augen führen, dieses Bild ist durch die blutige Attacke auf die Pilger völlig verdüstert. Und in der koptischen Community wächst der Zorn, weil wieder in der Provinz Minya ein furchtbares Blutbad geschehen ist. Seit Jahren bestehen schwere Bedenken gegen den Staatsapparat in der Provinz Minya, weil dort immer wieder Verbrechen an Kopten verübt werden. Daher hält sich der Verdacht, dass der Apparat der Sicherheits- und Justizbehörden in Minya von Islamisten infiltriert ist, die sich nach außen bedeckt halten, ihre beruflichen Positionen aber dazu missbrauchen, ihren Komplizen Informationen zuzuspielen und sie nach den Verbrechen zu schützen. Auch am Freitag stellte sich die Frage, wie die Verbrecher auf den drei Pick-ups erfahren hatten, dass in einem bestimmten Bus, einem Minibus und zwei Privat-PKWS koptische Pilger unterwegs waren.

Der Großimam von Al-Azhar, Ahmed al-Tayyeb, der sich beim Evangelischen Kirchentag in Berlin aufhält, war zutiefst erschüttert, als er von dem Blutbad erfuhr. „Ich bitte alle Ägypter, angesichts dieses brutalen Terrorismus zusammenzustehen“, sagte al-Tayyeb vor Journalisten: „Diese Tat will die Stabilität Ägyptens zum Einsturz bringen“. Kein Mensch, egal ob Christ oder Muslim, könne angesichts einer solchen ungeheuerlichen Tat ruhig bleiben. Für die Muslime ist das Blutbad besonders bedrückend, weil es am Vorabend des Fastenmonats Ramadan stattfand (der am Samstag beginnt). „Jetzt können wir alle schönen Worte über Buße und Nächstenliebe einpacken“, meinte ein ägyptischer Imam.

In Wien sagte Kardinal Christoph Schönborn im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „Kathpress“, dass der Hass niemals das letzte Wort haben darf. Im vergangenen Oktober sei er bei seiner Ägypten-Visite in Minya gewesen und sei dort auch mit dem örtlichen Bischof und den Angehörigen jener jungen Kopten zusammengetroffen, die in Libyen von IS-Terroristen bestialisch ermordet wurden. Die Begegnung mit den Christen von Minya hätten ihn tief bewegt. Das Christentum dort sei „unglaublich lebendig“, genau das Gegenteil von Hass sei dort zu spüren. Sein Mitgefühl gelte allen Angehörigen der Opfer und den Verletzten des Blutbads auf der Pilgerfahrt nach Anba Samuel.

Papst: "Barbarischer Anschlag"

Papst Franziskus hat den Anschlag von Ägypten als "barbarisch" verurteilt. Er sei "tief betrübt" über diesen "sinnlosen Akt des Hasses". Besonders betroffen sei er darüber, dass so viele Kinder bei dem Attentat am Freitag ums Leben kamen.

In einem Telegramm an Ägyptens Staatspräsident Abd-el-Fattah al-Sisi versicherte er alle Betroffenen seiner Solidarität. Er bete für die Verstorbenen, deren trauernde Hinterbliebene sowie die Verletzten, hieß es in dem Schreiben. Zudem bekundete Franziskus seinen Wunsch nach "Frieden und Versöhnung für die ganze Nation".

Der Apostolische Nuntius in Ägypten, Erzbischof Bruno Muso, sprach am Nachmittag von einem "feigen Anschlag", der sich "gegen die Christen, gegen die Kirche und gegen alle Ägypter" richte.

Appell des Weltkirchenrats

Der Generalsekretär des Weltkirchenrats, Pfarrer Olav Fykse Tveit, betonte in seiner Beileidskundgebung für die Opfer des Blutbads in der Provinz Minya, er sei mit allen, die „Familienmitglieder oder Freunde verloren haben“. Es sei schockierend, dass der Überfall Menschen auf einer Friedenswallfahrt gegolten und dass sich dieser Überfall auf den Spuren einer „langen Kette von Gewalttaten und Verfolgungen“ ereignet habe. Angesichts dieser Brutalität müsse die menschliche Familie – „alle Gläubigen und alle Menschen guten Willens“ – zusammenhalten, „füreinander einstehen, einander beschützen, solche Gewalttaten verhindern“.

Der Weltkirchenrat appelliere an den ägyptischen Präsidenten al-Sisi, an die religiösen und politischen Verantwortungsträger der Region, rasch und entschlossen zu handeln, um die „fundamentalen Rechte der Gläubigen aller Religionsgemeinschaften und das Recht auf Sicherheit und Gerechtigkeit für alle“ zu gewährleisten. Pfarrer Fykse Tveit lud die weltweite Gemeinschaft des Weltkirchenrats zum Gebet für Frieden und Gerechtigkeit „für die koptischen Christen und für alle, die verfolgten werden“, ein.

Durch Gebet, Aktion und Einheit könnten die Christen angesicht von Terror und Gewalt ein „kraftvolles Zeichen“ setzen, betonte der Generalsekretär. Der Weltkirchenrat verlange einmal mehr, dass der Terror gegen Kirchen in Ägypten aufhöre. (forts mgl)