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Franz König

Pro Oriente

Rom: Diplomatisch-ökumenischer „Drahtseilakt“ zum Fest der Slawenapostel Kyrill und Method

Papst Franziskus empfing am Freitag getrennt den bulgarischen Staatspräsidenten Rumen Radev und den mazedonischen Staatschef Gjorgje Ivanov

Vatikanstadt-Sofia-Skopje, 26.05.17 (poi) Einen diffizilen diplomatisch-ökumenischen „Drahtseilakt“ hatten Papst Franziskus und der kuriale Apparat am Freitag zu bestehen: Sowohl der bulgarische Staatspräsident Rumen Radev als auch der mazedonische Staatschef Gjorgje Ivanov waren aus Anlass des orthodoxen Festes der Slawenapostel Kyrill und Method – in getrennten Audienzen – im Vatikan zu Gast. Das Grab des Heiligen Kyrill befindet sich in der römischen Basilika San Clemente; auch in der Zeit der kommunistischen Herrschaft war dieses Grab jeweils am 24. Mai Ziel offizieller ministerieller „Pilgerfahrten“ aus Sofia und Skopje, wobei der religiöse Aspekt geflissentlich ausgeklammert und durch „kulturelle“ Erwägungen ersetzt wurde. Die kommunistischen Umständlichkeiten gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Dafür sind die aktuellen politischen Troubles in Sofia wie Skopje dramatisch – und darüberhinaus haben die von den Kommunisten halbwegs unterdrückten nationalistischen Narrative des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts neue Vitalität erlangt. Offiziell hat der Heilige Stuhl über den Inhalt der Gespräche des Papstes mit Radev und Ivanov nichts mitgeteilt. Beide südosteuropäischen Präsidenten wurden von Papst Franziskus – ebenso wie am Mittwoch der US-Präsident Donald Trump – mit Ausgaben der bahnbrechenden Enzyklika „Laudato si“ bedacht; Radev und Ivanov bedankten sich mit Ikonen. Beide Präsidenten trafen auch in getrennten Gesprächen mit Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin zusammen, beide legten am Grab des Heiligen Kyrill in der Basilika San Clemente Kränze nieder.

Dem freitäglichen römischen Auftritt von Radev und Ivanov war ein veritabler Schlagabtausch voraus gegangen, der an die „mazedonische Frage“ erinnerte, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Europa in die beiden Balkankriege stürzte, die sich dann gleich anschließend im Ersten Weltkrieg zur weltweiten Mega-Katastrophe ausweiteten. Denn Ivanov, der innenpolitisch – aber auch aus Washington und Brüssel – unter schwerem Beschuss ist, weil er sich mit dem Ergebnis der Dezember-Wahlen 2016 nicht anfreunden kann, war vor seiner Rom-Reise in Moskau. Dort wurde er mit einem Preis der „Internationalen Stiftung der Einheit der orthodoxen Nationen“ ausgezeichnet – ausgerechnet am 24. Mai, dem „Tag des slawischen Schrifttums“, zugleich der orthodoxe Festtag der beiden Slawenapostel. Bei der Begegnung Ivanovs mit Wladimir Putin sagte der russische Präsident (mit sichtlicher Bezugnahme auf die kulturelle Tradition der mazedonischen Stadt Ohrid), das slawische Alphabet und die slawische Literatur seien „vom mazedonischen Boden“ aus nach Russland gekommen. Daraufhin erklärte die bulgarische Außenministerin Ekaterina Sacharieva, die Schaffung des slawischen Schrifttums sei „auf den Willen hin und unter Beteiligung des bulgarischen Staates“ geschehen. Vor fünf Jahren habe auch der Moskauer Patriarch geäußert, dass die Schriftkultur „dank der Bulgaren“ nach Russland gekommen sei. Und es sei Bulgarien zu verdanken, dass auf den neuen Euro-Geldscheinen auch kyrillische Buchstaben zu sehen sind. Der 24. Mai wurde auch in Sofia groß begangen. Der bulgarisch-orthodoxe Patriarch Neofit feierte die Göttliche Liturgie, Minister, Parlamentarier, Wissenschaftler waren anwesend, am Kyrill-Method-Denkmal wurden Kränze niedergelegt. Präsident Radev verwies auf „Schrift, Sprache und Kultur“ als „gemeinsames Zuhause“.

In Moskau dankte Ivanov dafür, dass er den „panslawischen Erziehern und Heiligen Kyrill und Method“ Tribut zollen könne. Die Ehrung in Moskau sei für ihn als mazedonischem Präsidenten umso wichtiger, als erst im Vorjahr der 1.100 Todestag des Heiligen Kliment von Ohrid – „des bedeutendsten Heiligen Mazedoniens und des größten Schülers der heiligen Brüder Kyrill und Method“ – begangen werden konnte.

Schon am Mittwoch traf in Rom eine mazedonische Delegation unter Führung des stellvertretenden Ministerpräsidenten und Außenministers Nikola Poposki ein, um der beiden Slawenapostel und Patrone Europas zu gedenken. Die Metropoliten Timotej (Jovanovski) und Pimen (Ilievski) hielten in San Clemente einen Gedenkgottesdienst, bei dem Poposki anwesend war. Auch ein bulgarisch-orthodoxer Gedenkgottesdienst fand in San Clemente statt, wurde doch das Grab des Heiligen Kyrill in er Unterkirche ab 1929 von der bulgarisch-orthodoxen Kirche zu einem Pilgerziel ausgebaut.

Die kirchliche und nationale Zuständigkeit für die beiden Slawenapostel, die im 9. Jahrhundert vom in Konstantinopel residierenden römischen Kaiser zur Missionierung der Slawen ausgesandt wurden, ist kompliziert. Die mazedonisch-orthodoxe Kirche, die sich 1967 unter tätiger Hilfe der Tito-Kommunisten vom serbischen Patriarchat getrennt hatte, ist kirchenrechtlich bis heute nicht anerkannt. Ein ähnliches Schicksal hatte – nach den Glanzzeiten des Mittelalters - die bulgarisch-orthodoxe Kirche zu meistern; 1870 bewog die Hohe Pforte (die osmanische Regierung) den schwachen Sultan Abdulaziz dazu, einen „Firman“ zur Anerkennung eines „bulgarisch-orthodoxen Exarchats“ herauszugeben, sichtlich um das Ökumenische Patriarchat zu schwächen. Es sollte bis 1945 dauern, bis Konstantinopel die Eigenständigkeit der bulgarisch-orthodoxen Kirche anerkannte.

Auch in nationaler Hinsicht gibt es bis heute vieldiskutierte Problemlagen. Im 19. Jahrhundert legte die bulgarische Nationalbewegung gegen die osmanische Herrschaft mit großer Selbstverständlichkeit Wert darauf, dass auch das slawische Mazedonien (einschließlich Ohrids) zum bulgarischen Nationalterritorium gehören sollte. Dementsprechend wurde Mazedonien während des Zweiten Weltkriegs auch an Bulgarien „angeschlossen“. Nach 1945 entwickelten die Tito-Kommunisten zur „Stabilisierung der Verhältnisse“ im südlichsten Teil Jugoslawiens das Konzept der slawisch-mazedonischen Ethnie mit eigener Republik. Als der Kommunismus zu Ende ging und Jugoslawien zerfiel, wurde auch diese Republik selbständig, sie darf aber bis heute nicht Mazedonien heißen, weil Athen befürchtet, dass eine solche Bezeichnung einen Anspruch auf das griechische Mazedonien samt Saloniki signalisieren könnte (was im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert tätsächlich der Fall war). Deshalb trägt der Staat, dessen Präsident Gjorgje Ivanov ist, offiziell den umständlichen Namen FYROM (Former Yugoslav Republic of Macedonia).

Die Geschichte der Slawenapostel ist in besonderer Weise mit Rom verbunden, weil es ihnen gelang, auf der Krim die Reliquien des Heiligen Papstes Klemens I. aufzufinden und im Jahr 867 nach Rom zu überführen. Klemens I. war vermutlich schon unter Kaiser Domitian (81-96) in die Gegend von Cherson verbannt und dort unter Kaiser Trajan im Jahre 100 oder 101 im Schwarzen Meer ertränkt worden. Das Marterwerkzeug, ein Anker, an den er gebunden wurde, wurde auch symbolisch erklärt: Christus ist der wahre Anker der Hoffnung und der Erlösung.

Die Krim war zwar immer römisches Reichsterritorium geblieben (Teil der „Basileia ton Romaion“, wie das Reich auf griechisch genannt wurde), trotzdem hatten die Wirren der zweiten Hälfte des ersten christlichen Jahrtausends auch die Halbinsel ergriffen und dazu geführt, dass das Heiligtum des Papstes Klemens in Cherson auf einer oft vom Meer bedeckten kleinen Insel nahezu in Vergessenheit geraten war. Als Kyrill als Leiter einer diplomatischen Mission zu den Chasaren (das der Krim benachbarte Großreich mit einer zum Judentum konvertierten Oberschicht)im Herbst des Jahres 860 auf die Halbinsel kam, erfuhr er in Cherson einiges über das Klemens-Heiligtum im Meer. Die Stadt war damals weitgehend von ihrem Hinterland abgeschnitten, sodass die Menschen – wie Kyrill schrieb – „nicht so sehr Bürger einer Stadt als vielmehr Insassen eines Gefängnisses erschienen, da sie sich aus Cherson nicht herauswagten".

Im Bericht Kyrills heißt es, dass es schwierig war, den Sarg und die Gebeine zu finden. Es galt, den geeigneten Tag und die betreffende Stunde abzuwarten. Erst in der Nacht des 30. Jänner 861 war „die Stunde gekommen und der Tag, an dem Gott es zuließ, dass der Heilige sich zeigte". Kyrill konnte in Begleitung des Bischofs Georgios von Cherson, mehrerer Priester und einiger Frommer unter Psalmengesang mit seinem Schiff aus dem Hafen von Cherson auslaufen. Das Auftauchen des Grabes war offensichtlich von Ebbe und Flut abhängig, sonst hätte man nicht Tag und Nacht warten und noch dazu die Fahrt bei Nacht durchführen müssen.

Die Reliquien des Märtyrer-Papstes wurden unmittelbar nach der Wiederauffindung feierlich in einer Prozession in die Stadt getragen und dort zunächst in einer neu erbauten Kirche und dann in der Kathedrale niedergelegt. Nach dem übereinstimmenden Bericht der ältesten Quellen führten die heiligen Slawenapostel auch bei ihrer späteren Mission bei den Slawenvölkern Reliquien des Heiligen Klemens mit sich bis sie diese unter großer Anteilnahme von Papst Hadrian II., seines Klerus und des gläubigen Volkes von Rom in die römische Basilika San Clemente übertrugen. Dort wollte dann auch der in Rom verstorbene Slawenapostel Kyrill beigesetzt sein, "an der rechten Seite des Altars", was wieder die innere Nähe dieser beiden Heiligen zeigt. Bis heute ist diese Stelle, die als das Grab des heiligen Kyrill angenommen wird, eine besonders beliebte Pilgerstätte aller slawischen Völker. (ende)