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Franz König

Pro Oriente

Seligsprechung des litauischen Erzbischofs Teofilius Matulionis, eines Glaubenszeugen der Sowjetära

Führungsriege des „Rates der Europäischen Bischofskonferenzen“ kommt nach Vilnius – Matulionis war einer der „Geheimbischöfe“, die im Zug der Aktion des später in Ungnade gefallenen Jesuiten-Bischofs Michel d’Herbigny in der Sowjetunion der Zwischenkriegszeit geweiht worden waren – Einer der geheimnisvollsten Vorgänge der kirchlichen Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts

Vilnius-Vatikanstadt, 24.06.17 (poi) Eine Seligsprechung von hoher kirchenpolitischer Brisanz findet am Sonntag, 25. Juni, in der litauischen Hauptstadt Vilnius (dem einstigen Wilna des Russischen Reiches) statt: Erzbischof Teofilius Matulionis (1873-1962) wird zur Ehre der Altäre erhoben. Matulionis war in der Auseinandersetzung mit dem bolschewistischen Staatsatheismus ein Bekenner von seiner Ernennung zum Weihbischof von Mogiljew (einst die zentrale römisch-katholische Erzdiözese im Russischen Reich, heute in Weißrussland) durch Pius XI. am 8. Dezember 1928 bis zu seinem Tod am 20. August 1962 im Hausarrest unter KGB-Beobachtung im litauischen Städtchen Seduva im Pfarrhaus neben der schönen zweitürmigen Barockkirche. Aber Matulionis war auch einer der „Geheimbischöfe“, die im Zug der Aktion des später in Ungnade gefallenen Jesuiten-Bischofs Michel d’Herbigny (1880-1957) in der damals noch jungen Sowjetunion geweiht worden waren. Die Causa d’Herbigny ist bis heute einer der geheimnisvollsten Vorgänge der kirchlichen Zeitgeschichte im 20. Jahrhunderte. Der Publizist Hansjakob Stehle („Die Ostpolitik des Vatikans“) hatte zuletzt in diesem Zusammenhang vieles aufgedeckt. Aber die auf die Aktion d’Herbigny bezüglichen Dossiers im Vatikanischen Archiv und in der Generalkurie der Jesuiten sind noch nicht erschöpfend ausgewertet.

Es gibt bereits Stimmen, die in der Seligsprechung von Erzbischof Matulionis einen Hinweis auf eine „Rehabilitierung“ d’Herbignys sehen wollen. Wie auch immer, im Lebenslauf von Matulionis spiegelt sich die dramatische Geschichte der katholischen Kirche im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in den „westlichen Gouvernements des Russischen Reiches“, wie man in seiner Jugendzeit sagte. Geboren wurde er in der Gemeinde Anyksciai (polnisch: Onikszty, Geburtsort des Dichters und Bischofs Antanas Baranauskas/Baranowski), er studierte Philosophie und Theologie am Priesterseminar der Erzdiözese Mogiljew in St. Petersburg (das es heute wieder gibt).1900 wurde er zum Priester geweiht, seine ersten Seelsorgsposten waren im lettischen Bikova und in St. Petersburg, wo er an der berühmten Katharinenkirche am Newskij Prospekt tätig war. 1922 wurde er – im Rahmen der Kampagne gegen den Generalvikar der Erzdiözese Mogilew, Jan Cieplak - von der „Tscheka“ (der von dem polnischen Berufsrevolutionär Feliks Dzierzyński begründeten bolschewistischen Geheimpolizei) erstmals verhaftet und blieb drei Jahre im Gefängnis. Nach seiner geheimen Bischofsweihe am 9. Februar 1929 durch den von d’Herbigny geweihten Geheimbischof Anton Malecki wurde Matulionis noch im selben Jahr neuerlich von den „Organen“ verhaftet. Im Prozess wurde er zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Zunächst war er auf den Solowetskij-Inseln inhaftiert, später in einem Lager in der Landschaft Ingria westlich von St. Petersburg. Die harte Arbeit in der Forstwirtschaft, Hunger, Kälte und Misshandlungen setzten dem Bischof zu, konnten aber seine geistige und geistliche Standfestigkeit nicht erschüttern.

1933 erwirkte die litauische Regierung im Zuge eines Gefangenenaustausches seine Freilassung. Bischof Matulionis war in den Folgejahren Seelsorger des Benediktinerinnenkonvents in Kaunas und besuchte die litauischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten. Nach einer Audienz bei Papst Pius XI. am 24. März 1934 kniete er nieder, um den päpstlichen Segen zu empfangen. Doch der Papst hob ihn empor, kniete seinerseits nieder und sagte: „Du bist ein Märtyrer. Du bist derjenige, der den Segen spendet“. Papst Pius XII. ernannte ihn am 9. Jänner 1943 zum Bischof von Kaisiadorys, das damals noch in der Hand der deutschen Besatzer war.

Im Jahr 1946 wurde Matulionis wieder verhaftet, und zwar wegen eines Hirtenbriefes, in dem er die Gläubigen gebeten hatte, für das Wohl der Gesellschaft zu beten. Dies werteten die „Organe“ als einen „antisowjetischen Akt“, insofern ein Gebet für das Wohl der Gesellschaft so gedeutet werden könne, als habe die sowjetische Gesellschaft ein Gebet nötig, als sei sie nicht schon vollkommen. Bischof Matulionis wurde jegliche Amtsausübung untersagt, er wurde zuerst in einem Moskauer Gefängnis inhaftiert und dann nach Sibirien deportiert. Erst im April 1956 wurde er entlassen. Das Verbot, sein Bischofsamt auszuüben, blieb bestehen. Er lebte fortan in Litauen im Hausarrest; wenige Monate vor seinem Tod zeichnete ihn Papst Johannes XXIII. mit dem persönlichen Titel eines Erzbischofs aus. Die sowjetischen Behörden erteilten im keine Ausreisegenehmigung für die Teilnahme an der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Sein Tod am 20. August 1962 wird in Litauen auf eine Injektion durch eine KGB-Krankenschwester zurückgeführt.

Nach dem Ende des Kommunismus wurde der Seligsprechungsprozess für Matulionis eingeleitet. Papst Franziskus erkannte am 1. Dezember 2016 das Martyrium des Bischofs an. Zur Seligsprechung am Sonntag wird eine große Zahl von Pilgern aus Litauen, aus den Nachbarländern und aus der litauischen Emigration erwartet. Die Seligsprechung ist eine doppelte Premiere: Es handelt sich um die erste Seligsprechung auf litauischem Boden und die erste Seligsprechung eines Glaubenszeugen der kommunistischen Ära in Litauen. Der Vorsitzende der Litauischen Bischofskonferenz, Erzbischof Gintaras Grusas von Vilnius, erklärte, die „radikale Entschlossenheit“ von Bischof Matulionis, die „Wahrheit um jeden Preis zu suchen“, sei eine „attraktive Botschaft für die Jugend von heute“. In diesem Sinn hatte bereits vor der Seligsprechung am 23./24. Juni in Vilnius ein zweitägiges Jugendfestival stattgefunden. Es sei wichtig, dass Matulionis sein Leben lang „Frieden, Vertrauen und Güte“ gezeigt habe, „sogar gegenüber seinen Verfolgern“, sagte der Erzbischof.

An der Seligsprechung werden auch der Vorsitzende des „Rates der Europäischen Bischofskonferenzen“ (CCEE), Kardinal Angelo Bagnasco (Genua), und seine beiden Stellvertreter, Kardinal Vincent Nichols (London) und Erzbischof Stanislaw Gadecki (Poznan/Posen), teilnehmen. In einer CCEE-Erklärung wird daran erinnert, dass in Vilnius sowohl die berühmte Marienikone der Ostra Brama (Tor der Morgenröte) als auch das auf den Visionen der Heiligen Faustyna Kowalska beruhende Bild des Barmherzigen Christus verehrt werden. Der Generalsekretär der CCEE, Msgr. Duarte da Cunha, erklärte, Europa sei auch durch das Zeugnis von Märtyrern wie Bischof Matulionis errichtet worden, der „gegenüber dem totalitären atheistischen Regime die Grundrechte des Menschen verteidigt und sich für die Bewahrung der Religions- und Gewissensfreiheit eingesetzt“ habe. Mit der Anwesenheit ihrer Vorsitzenden wolle die CCEE in Vilnius auf die Notwendigkeit der Bewahrung der Religionsfreiheit verweisen. Für diese Notwendigkeit seien Menschen wie Matulionis leuchtende Zeugen. Matulionis habe die Würde der menschlichen Person und die grundlegenden Werte Europas verteidigt.

Der Jesuit, der Solowjew bekannt machte

Noch ist nicht klar, ob Bischof Michel d’Herbigny am Sonntag in Vilnius – das er persönlich gut kannte – erwähnt werden wird. Der aus einer angesehenen Familie in Lille stammende d’Herbigny war 1897 in die Gesellschaft Jesu eingetreten. 1910 wurde er in Enghien zum Priester geweiht. Am Ende seines Theologiestudiums verteidigte er seine Doktorarbeit „Ein russischer Newman: Wladimir Solowjew (1853–1900)“, die stark beachtet und sofort 1911 veröffentlicht wurde. D‘Herbigny machte damit in der katholischen Welt den großen russischen Religionsphilosophen Solowjew bekannt, der eine Aussöhnung zwischen Katholizismus, Orthodoxie und Protestantismus anstrebte. Dieses Buch sollte seine Karriere mitbestimmen.

D‘Herbigny begann seine Karriere als Professor der Theologie im belgischen Enghien. In den Sommerferien machte er Reisen nach Osteuropa, vor allem nach Russland. Diese Eindrücke veranlassten ihn zur Organisation eines Priesterseminars in Enghien für die nach der Revolution von 1905 an die Öffentlichkeit getretene, aber immer noch unter scharfer Beobachtung der kaiserlich-russischen Geheimpolizei, der „Ochrana“, stehende russisch-katholische Kirche des byzantinischen Ritus. Als die Deutschen 1914 Belgien überfielen, musste er das Experiment beenden.

Im Jahr 1922 wurde d‘Herbigny nach Rom berufen, um an der Päpstlichen Universität Gregoriana zu lehren. Als das 1917 beründete Päpstliche Orientalische Institut 1922 von Pius XI. der Gesellschaft Jesu anvertraut wurde, wurde d‘Herbigny zum Rektor ernannt. Ab Dezember 1924 beriet er die vatikanische Ostkirchenkongregation, obwohl er die Handhabung der russischen Angelegenheiten kritisch beurteilte. Er war auch ein aktives Mitglied der vatikanischen Kommission „Pro Russia“.

Der französische Jesuit wurde ein Vertrauter von Papst Pius XI. für den russischen Bereich. Am 6. Oktober 1925 war d’Herbigny in Moskau bei einer öffentlichen Großdiskussion mit Anatolij W. Lunatscharskij, dem Volkskommissar für Bildung, über Religion. Dort lernte er den orthodoxen Metropoliten Aleksander Wwedenskij, das Oberhaupt der „Erneuerer“ innerhalb des Patriarchats, kennen und widmete dieser Strömung in der französischen Jesuitenzeitschrift „Etudes“ eine überaus positive Darstellung. Im Hinblick auf die Situation der Katholiken in der jungen „Union der Sozialistischen Räterepubliken“ machte er sich allerdings keine Illusionen. Damit begann das Russland-Abenteuer d’Herbignys, den Hansjkob Stehle als „rätselhafteste, interessanteste und tragischeste“ Figur der vatikanischen Ostpolitik bezeichnet hat.

Im Auftrag des Papstes wurde d’Herbigny nach Russland geschickt, um dort eine katholische „Untergrundhierarchie“ aufzubauen; apostolische Administratoren sollten in den großstädtischen Zentren die katholischen diözesanen Strukturen der vorrevolutionären Zeit ersetzen. Pius XI. hatte zuvor den Jesuiten zum Bischof von Troja in Kleinasien ernannt, wo es seit 1923 keine Christen mehr gab. Auf dem Weg musste der Jesuit in Berlin Station machen, wo er von Nuntius Eugenio Pacelli – dem späteren Papst Pius XII. – streng geheim zum Bischof geweiht wurde.

In Moskau weihte d‘Herbigny am 21. April 1926 Pater Pie Eugène Neveu, aus Belgien stammenden Pfarrer der katholischen Gemeinde in der (jetzt im Zug des Ukraine-Konflikts wieder oft medial genannten) Bergbaustadt Makejewka, und machte ihn zum Apostolischen Administrator für die katholische Kirche in der Region Moskau . Am 10. Mai desselben Jahres weihte er Aleksander Frison und Boļeslavs Sloskans zu Bischöfen und ernannte sie zu Administratoren für Odessa und Mogiljew. Am 13. August desselben Jahres weihte er auch Antoni Malecki zum Bischof und betraute ihn mit der Sorge für St. Petersburg. Weitere Missionen in die Sowjetunion folgten. Die Aktion endete in einer Katastrophe: alle neuen Bischöfe wurden verhaftet. Agenten der Tscheka hatten d‘Herbigny offensichtlich während seiner Reisen sorgfältig beschattet.

1928 wurde das Päpstliche „Collegium Russicum“ von Pius XI. gegründet. Dieses Projekt sprach d‘Herbigny an, weil damit sein Traum aus der Zeit vor 1914 nun in Rom realisiert wurde. Doch die Zeiten hatten sich geändert. D’Herbigny verlor das Vertrauen von Papst Pius XI. Er trat im Jahr 1931 als Rektor des Päpstlichen Orientalischen Instituts zurück und ging 1933, offiziell aus gesundheitlichen Gründen, nach Belgien. Im Jahr 1934 verließ er die Kommission „Pro Russia„. Bis zum Jahr 1937 reiste d‘Herbigny weiterhin um die Welt und hielt zahlreiche Vorträge – mit scharfen Attacken auf den sowjetischen Staatsatheismus der ersten stalinistischen Phase. 1937 wurde ihm Schweigen auferlegt, sodass es ihm streng verboten war, mit jemandem zu sprechen und zu kommunizieren außer mit seinen Ordensbrüdern und seiner Familie. Die Umstände und Motive seiner Kaltstellung sind bis heute ungeklärt. Nach dem Verzicht auf die bischöflichen Insignien lebte er zwanzig Jahre zurückgezogen in Mons im Departement Gers als einfacher Priester. Er starb 1957 in Aix-en-Provence, wo er begraben ist. (ende)