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Franz König

Pro Oriente

Weltweite Kritik an islamischem Gottesdienst in der Hagia Sophia

Leiter des türkichen Präsidialamtes für religiöse Angelegenheiten stand dem Gottesdienst zur „Laylat-al-Qadr“ vor – Griechisches Außenministerium sprach von „inakzeptabler Herausforderung der religiösen Gefühle aller Christen“

Istanbul-Washington-Athen, 23.06.17 (poi) Die Kritik an dem islamischen Gottesdienst in der Hagia Sophia am Mittwochabend, 21. Juni, hält an. Am Mittwochabend stand der Leiter des türkischen Präsidialamtes für religiöse Angelegenheiten, Mehmet Görmez, in der einstigen Hauptkirche der Christenheit dem aus Gebeten und Koranlesung bestehenden Gottesdienst zur „Laylat-al-Qadr“ (der „Nacht der Bestimmung“ in den letzten Tagen des Ramadan, in der die Muslime der Offenbarung der ersten Koran-Verse an Mohammed gedenken) vor. Der Gottesdienst wurde vom türkischen Fernsehen direkt übertragen und auch auf den „Social media“-Account des Präsidialamtes gestellt. Das griechische Außenministerium bezeichnete die islamische gottesdienstliche Handlung in der seit 1935 offiziell als Museum geltenden Hagia Sophia als „inakzeptable Herausforderung der religiösen Gefühle aller Christen“. Der griechische Präsident Prokopis Pavlopoulos sagte am Freitag, die Türkei könne keine europäischen Aspirationen verfolgen, wenn sie nicht imstande sei, ein Monument wie die Hagia Sophia zu respektieren. Andere griechische Politiker wandten sich an die UNESCO, die ihrerseits die Türkei daran erinnerte, dass die Hagia Sophia ein „kulturelles Denkmal für alle Menschen“ bleiben müsse.

Ein griechischer TV-Korrespondent stellte am Donnerstag in Washington beim „Press briefing“ im State Department die Frage nach der Haltung der USA zum Geschehen am Mittwochabend. Die Sprecherin des State Departments Heather Nauert meinte daraufhin, Washington erwarte, dass die Türkei weiterhin eine entsprechende Haltung gegenüber der einstigen Kathedrale einnehme, die ein „Ort von außerordentlicher Bedeutung“ sei: „Wir fordern daher die türkische Regierung auf, die Hagia Sophia so zu bewahren, wie es dem Respekt vor ihrer komplexen Geschichte entspricht“. Auf die Zusatzfrage, ob das bedeute, dass Washington die türkischen Pläne zur neuerlichen Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ablehne, antwortete die Sprecherin diplomatisch: „Es ist eine komplexe Geschichte und wir erkennen an, dass dieser Ort große Bedeutung für andere Glaubensgemeinschaften hat, für viele Glaubensgemeinschaften. Und so ermutigen wir die türkische Regierung, diesen Ort zu bewahren“.

Die Erklärung des griechischen Außenministeriums hatte wesentlich bestimmter geklungen: „Wir verurteilen die vom türkischen Fernsehen übertragene Koranlesung und die muslimischen Gebete in Anwesenheit des Leiters des türkischen Präsidialamtes für religiöse Angelegenheiten in der Hagia Sophia. Die Hagia Sophia ist ein UNESCO-Monument des Weltkulturerbes. Der Versuch, sie durch Koranlesung, Gebet und eine Reihe weiterer Aktionen in eine Moschee zu verwandeln, ist eine Herausforderung für die internationale Gemeinschaft, die mobilisiert werden und reagieren muss.

Das ist eine offensichtlich inakzeptable Herausforderung der religiösen Gefühle aller Christen und auch für jene, die das kulturelle Erbe der Menschheit ehren, das in dieser Zeit gefördert werden sollte statt den interreligiösen Dialog zu unterminieren.

Wir fordern die Türkei auf, die Haltung eines modernen und demokratischen Landes einzunehmen und den universalen Charakter der Hagia Sophia zu schützen sowie die jahrhundertealte Tradition dieses universalen Monuments zu respektieren“.

Auch die „Konferenz Europäischer Kirchen“ (CEC) zeigte sich in einer am Donnerstag in Brüssel veröffentlichten Erklärung alarmiert. Mit dem islamischen religiösen Akt am Mittwochabend sei eines der größten Heiligtümer der Menschheit für politische Zwecke instrumentalisiert worden. Heute stehe das zum Museum gewordene Monument für das Ideal der Religionsfreiheit in der modernen Türkei.

Bereits im Frühjahr hatte Präsident Recep T. Erdogan scharfe Kritik ausgelöst, als er ankündigte (ohne dass der Ankündigung Taten gefolgt wären), er würde am Karfreitag (der heuer für Katholiken und Orthodoxe auf den 14. April fiel) in der Hagia Sophia muslimische Gebete rezitieren – als „symbolischen Akt gegen die Kreuzfahrer von heute“. Zugleich hatte er gemeint, die Anweisung von Kemal Atatürk zur Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum sei eine Fälschung gewesen.

Die Hagia Sophia war ab ihrer Erbauung durch Kaiser Justinian im Jahr 537 bis zur osmanischen Eroberung im Jahr 1453 die größte und wichtigste Kirche der Christenheit. Die Osmanen wandelten die Kathedrale zu ihrer Reichsmoschee um, was sie bis zur Säkularisierung im Jahr 1931 blieb. Die Wiedereröffnung als Museum erfolgte am 1. Februar 1935.

Seit 2012 gibt es alljährlich am 29. Mai – dem Jahrestag der osmanischen Eroberung von Konstantinopel – vor der Hagia Sophia rituelle islamische Gebete, in denen die Entschlossenheit verschiedener islamischer Organisationen zum Ausdruck kommt, das Bauwerk wieder zur Moschee zu machen. Treibende Kraft hinter diesen Bestrebungen sei der frühere Vizepräsident Bülent Arinc. Aber auch die (in unterschiedlichen Fraktionen weltweit verbreitete) Sufi-Bruderschaft („tariqa“) „Naqschebandiya“ verfolge dieses Ziel. Präsident Erdogan gilt als Sympathisant der „Naqschebandiya“.(forts mgl)