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Franz König

Pro Oriente

Patriarch setzt sich für von Abschiebung bedrohte Chaldäer in den USA ein

Viele der in Detroit Festgenommenen sprechen nicht arabisch und haben keine materiellen oder affektiven Verbindungen mit dem Irak

Washington-Bagdad, 26.06.17 (poi) Mit „Trauer und Sorge“ beobachte die chaldäisch-katholische Kirche die Maßnahmen zur Ausweisung von 144 aus dem Irak stammenden Personen – fast alles Christen – aus den USA. Dies betont der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako in einem Schreiben an den chaldäisch-katholischen Bischof Frank Kalabat, der die chaldäische Eparchie Detroit leitet. Der Patriarch erklärt sich solidarisch mit den Angehörigen der betroffenen irakischen Staatsbürger und wünscht sich von den US-Behörden eine „humanitäre Lösung“. Unter den von ICE (Immigration Customs Enforcement)-Beamten festgenommenen Irakern sind nicht wenige Familienväter, die in den USA den Lebensunterhalt für ihre Familien verdienen. Viele der ausgewiesenen Iraker seien seit langem in den USA wohnhaft und es bestehe keinerlei Verdacht gegen sie, der Sicherheitsmaßnahmen erforderlich mache, betonte der Patriarch laut katholischer Nachrichtenagentur „Fides“.

Die chaldäischen Christen irakischen Ursprungs wurden am Sonntag, 11. Juni, in Detroit in Abschiebehaft genommen und nach Ohio verbracht; als Motiv wurde angegeben, die Festgenommenen hätten sich in der Vergangenheit unterschiedlicher Vergehen und Verbrechen schuldig gemacht. Zuvor war zwischen den USA und dem Irak vereinbart worden, dass Bagdad eine gewisse Anzahl von irakischen Bürgern aufnehmen wird, die aus den USA ausgewiesen werden, damit das Land von der „schwarzen Liste“ gestrichen wird, mit der Präsident Donald Trump die Einreise von Bürgern aus sechs mehrheitlich muslimischen Ländern verhindern will.

Mit einem Urteil vom 22. Juni setzte der Distriktsrichter Mark Goldsmith die Ausweisungsbeschlüsse zunächst für zwei Wochen aus. In dieser Zeit soll geklärt werden, welches Gericht in dieser Angelegenheit zuständig ist. Das US-Justizministerium hatte zuvor nach einer Klage von Menschenrechtlern erklärt, ein Migrationsgericht sei zuständig.

Die katholischen US-Bischöfe haben an Washington appelliert, die geplante Abschiebung von mehr als 100 irakischen Christen zu stoppen. In einem Brief an den zuständigen Minister John F. Kelly argumentierten sie, eine Zwangsrückkehr von Christen stehe nicht in Einklang mit den Bedenken über die Verfolgung von Christen im Irak. Auch wenn einige der von Ausweisung bedrohten Personen früher Straftaten begangen hätten, sei eine Ausweisung nicht zu rechtfertigen, weil den Christen auf Grund der Situation im Irak Verfolgung drohe. Der Brief trug die Unterschriften von Kardinal Daniel DiNardo (Galveston-Houston), Bischof Oscar Cantu (Las Cruces) und Bischof Joe Vasquez (Austin).

Der Internet-Dienst „Baghdadhope“ berichtete, dass viele der von den ICE-Beamten Festgenommenen seit ihrer Kindheit in den USA leben, nicht arabisch sprechen und keine irakischen Personaldokumente haben. Einige hätten sogar bei den US-amerikanischen Streitkräften gedient. Solche Christen in ein Land zu deportieren, in dem die Bürgerrechte der Angehörigen religiöser Minderheiten nicht gesichert sind, bedeute, diese Menschen einem gravierenden Risiko auszusetzen. Daher habe sich auch Bischof Kalabat für die Festgenommenen eingesetzt und Kontakt mit dem State Department und Parlamentariern in Washington aufgenommen. Kalabat habe dabei betont, dass die Kirche sich nicht der Justiz widersetze und rückfällige Kriminelle, die eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen, festgenommen werden müssen. Bei den meisten der 144 am 11. Juni Festgenommenen handle es sich aber eben nicht um rückfällige Kriminelle, sondern um Menschen, die sich seit Jahrzehnten ordentlich verhalten. Der Bischof übermittelte auch dem US-Vizepräsidenten Michael Pence, der beim jüngsten Washingtoner Welttreffen für die verfolgten Christen in Vertretung von Donald Trump gesprochen hatte, eine detaillierte Darstellung. Außerdem versuchte er, Kongressmitglieder für eine Petition an Sicherheitsminister John F. Kelly zu gewinnen, damit das Abschiebeverfahren gestoppt wird.

Der an der chaldäischen Patriarchalkurie in Bagdad tätige Bischof Basil Yaldo – der jahrelang als Seelsorger in Detroit war – stellte im Gespräch mit „Baghdadhope“ fest, Dutzende Familien hätten sich nach den Ereignissen des 11. Juni im Patriarchat gemeldet und um Intervention gebeten. Die Situation sei sehr schwierig. Unter den Festgenommenen seien solche, die keine Dokumente haben, weil sie schon vor Jahrzehnten illegal in die USA eingereist sind, andere seien nicht eingebürgert worden, weil sie sich etwas zuschulden kommen lassen hatten. Aber wenn man diese Menschen in den Irak deportiere, werde es große Probleme geben. Er kenne persönlich einen der Festgenommenen, einen 47-jährigen chaldäischen Katholiken, der seit 38 Jahren in den USA lebe und kein arabisch spreche: „Wenn dieser Mann nach Bagdad kommt, ist er verloren“. Viele der Betroffenen hätten mit dem Irak keine materiellen, affektiven oder kulturellen Verbindungen.

Detroit spielt in der Emigrationsgeschichte der chaldäischen Christen, aber auch von Muslimen aus dem mesopotamischen Raum, eine große Rolle. Daher gibt es dort auch seit Jahrzehnten eine starke Präsenz von Personen mit irakischem Migrationshintergrund.(forts mgl)