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Franz König

Pro Oriente

Byzantinische Liturgie im römischen Petersdom

Vor 150 Jahren wurde der Märtyrer-Bischof von Polozk, Iosafat (Kuntsewytsch), heilig gesprochen – Großerzbischof Swjatoslaw (Schwetschuk) zelebrierte die Göttliche Liturgie am Papstaltar über der „Confessio“ – „Beten, arbeiten und notfalls auch sterben für die Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit der Kirche Christi“

Vatikanstadt, 26.06.17 (poi) Mehr als 6.000 griechisch-katholische Gläubige aus aller Welt, aus der Ukraine, aus Polen, aus Weißrussland, aber auch aus Nordamerika versammelten sich am Sonntag im römischen Petersdom, um bei der vom unierten Großerzbischof von Kiew und Halytsch, Swjatoslaw (Schewtschuk), zelebrierten Göttlichen Liturgie des 150. Jahrestages der Heiligsprechung des Märtyrer-Erzbischofs von Polozk, Iosafat (Kuntsewytsch; 1584-1623), zu gedenken. Papst Franziskus hatte Großerzbischof Swjatoslaw die Erlaubnis gewährt, am Papstaltar über der „Confessio“ (dem Petrusgrab) zu zelebrieren. Er flehe zu Gott, dass die Christen der Ukraine sich von der flammenden Begeisterung des Heiligen Iosafat für die kirchliche Einheit anstecken lassen, sagte der Großerzbischof in seiner Predigt.

In einem „Radio Vatikan“-Interview vor der Feier im Petersdom hatte der Großerzbischof von Kiew daran erinnert, dass der Heilige Iosafat „ein Märtyrer der Einheit der Kirche“ war. Die Heiligkeit dieses Bischofs berge die starke Botschaft, dass alle Christen bereit sein müssen, für die Wiederherstellung der „vollen und sichtbaren Einheit der Kirche Christi“ zu beten, zu arbeiten und notfalls auch zu sterben. Das Gebet im Petersdom werde auch dem Frieden in der Ukraine gelten, ebenso aber der Einheit der Kirchen im Land, so der unierte Oberhirte von Kiew. Der oft nicht so spürbare Schmerz der Trennung zwischen Katholiken und Orthodoxen gehe gerade in der Ukraine durch das Herz der Nation. Heute gebe es mehr denn je das Verlangen nach der Einheit der Christen, um einen „authentischen Frieden“ zu gewinnen.

Die Gedenkfeiern zum 150. Jahrestag der Heiligsprechung von Iosafat (Kuntsewytsch) hatten bereits am Samstagabend mit einer Pontifikalvesper in der griechisch-katholischen Sophienkathedrale in Rom begonnen. Bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft in der Ukraine hatte die Sophienkathedrale als Zentrum der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche gedient.

Papst Franziskus widmete den Teilnehmern der großen griechisch-katholischen Wallfahrt zu Ehren des Heiligen Iosafat (Kuntsewytsch) am Sonntagmittag beim Angelus ein herzliches Grußwort, in dem er u.a. sagte: „Ich grüße besonders den Großerzbischof, die Bischöfe, die Priester und Gläubigen der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, wie auch die Pilger aus Weißrussland, die des 150. Jahrestags der Kanonisierung des Heiligen Iosafat gedenken. Ich schließe mich geistlicherweise der Göttlichen Liturgie an, die ihr binnen kurzem in der Basilika St. Peter feiern werdet. Zugleich erbitte ich vom Herrn für alle von euch den Mut zum christlichen Zeugnis und für die geliebte ukrainische Erde das Geschenk des Friedens“.

Der Heilige Iosafat gilt als Protomärtyrer der aus der Brester Union von 1596 entstandenen griechisch-katholischen, mit dem Papst in voller Gemeinschaft stehenden Kirche auf dem Territorium der einstigen „Rzeczpospolita“, der polnisch-litauischen Doppelrepublik, die weit nach Osteuropa reichte. In der Entstehung der Union wirkten kirchliche, theologische, spirituelle und politische Aspekte zusammen. Im litauischen Teil der Doppelrepublik, der auch die Ukraine, Weißrussland und Lettland umfasste, blieben auch nach 1596 die Grenzen zwischen „orthodox“ und „griechisch-katholisch“ fließend, zumal Liturgie und kirchliche Struktur identisch waren.

Kuntsewytsch war mit 20 Jahren in das berühmte Dreifaltigkeitskloster in Wilna (heute: Vilnius) eingetreten, bereits mit 30 wurde er einer der Oberen. Wenige Jahre später – 1617 – wurde er zum Bischof von Witebsk ernannt, im Jahr darauf zum Erzbischof von Polozk. Der Bischof verband sein Eintreten für die Einheit mit Rom mit einer zutiefst ostkirchlichen Spiritualität, so war er einer der großen Förderer des Jesusgebets. In seiner Eparchie gab es nicht nur Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der Union von Brest, auch die Spannungen mit den lateinischen Katholiken und den reformierten Christen spielten eine wichtige Rolle; die Fronten gingen quer durch alle konfessionellen und politischen Lager. Bei einem Pastoralbesuch in Witebsk wurde der Erzbischof am 12. November 1623 von einer wütenden Menge niedergeschlagen, durch Schüsse aus Feuerwaffen verletzt und in die Dwina geworfen.

Die sterbliche Hülle des Märtyrers wurde in Polozk beigesetzt, bereits 1643 erfolgte die Seligsprechung. Bei der Aufteilung der „Rzeczpospolita“ an die Nachbarmächte in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wurde die sterbliche Hülle in das habsburgische Teilungsgebiet verbracht. 1867 erfolgte die Heiligsprechung des Märtyrers, die manche Historiker auch im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen Papst Pius IX. und dem Russischen Reich sehen. Während des Ersten Weltkriegs transferierten die österreichisch-ungarischen Truppen bei ihrem Abzug aus Ostgalizien die Reliquien nach Wien, wo sie in der ukrainischen griechisch-katholischen Pfarrkirche St. Barbara aufbewahrt wurden. Nach 1945 wurde der Zugriff des „sowjetischen Elements“ auf die Kirche St. Barbara im von den vier Besatzungsmächten gemeinsam kontrollierten 1. Bezirk befürchtet, daher wurden die Reliquien in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Rom gebracht, wo sie seither im Petersdom verehrt werden. (ende)