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Franz König

Pro Oriente

Chaldäischer Patriarch legt Plan für die Ninive-Ebene vor

In der Erklärung werden sowohl die christlichen Parteien als auch die Einflüsse aus der Emigration in Frage gestellt – Appell zur Einheit unter den Christen und zur Wiederherstellung eines Verhältnisses der „Nachbarschat und Freundschaft“ mit den Muslimen – Die Regierung in Bagdad muss die Sicherheit, den Rechtsstaat und den Wiederaufbau der zerstörten Dörfer und Kleinstädte in der Ebene garantieren

Bagdad, 03.07.17 (poi) Der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako hat in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz des Irak einen Plan für die Zukunft der Ninive-Ebene vorgelegt. Zentrale Punkte des von der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ veröffentlichten Plans lauten: Die Entscheidungskompetenz muss bei den ursprünglichen Bewohnern der Ebene liegen (auch wenn sie noch nicht in ihre Heimatorte zurückgekehrt sind); die Interessen der ausländischen Mächte sind ebenso auszuschalten wie die Interessen von Personen, „die nur eigensüchtige Zwecke verfolgen“; die Christen der Ebene – und die Christen überall in Mesopotamien – müssen zur Einheit finden; mit den nichtchristlichen Nachbarn muss ein Verhältnis der „Nachbarschaft und Freundschaft“ wiederhergestellt werden; die Regierung in Bagdad ist verpflichtet, die Sicherheit, den Rechtsstaat (völlige Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger) und den Wiederaufbau der zerstörten Dörfer und Kleinstädte (mit ihren Häusern, Schulen, Ämtern, Krankenhäusern und Kirchen) zu garantieren.

In der Erklärung des Patriarchen werden sowohl die christlichen Parteien als auch die Einflüsse aus der Emigration in Frage gestellt. Im Hinblick auf die Parteien heißt es, für die Menschen aus der Ninive-Ebene sei die Frage offen, „ob ihre Interessen und ihre Bestrebungen wirklich von den politischen Parteien vertreten werden“. Was die Emigration betrifft, stellt Mar Louis Raphael Sako fest, trotz ihrer Verdienste und ihrer Leiden könnten die Vertreter der Diaspora „nicht über die Zukunft der Region reden“. Diese Vertreter seien zu weit entfernt, um „die Nuancen der aktuellen Situation“ zu verstehen. Was sie aber je nach ihren Möglichkeiten tun könnten, sei die Unterstützung der Rückkehrer bei der Reparatur ihrer zerstörten Häuser in der Ebene. Bisher sei die Kirche die einzige, die im Bereich des Wiederaufbaus aktiv sei.

Die Vorgangsweise bei der politischen Neugestaltung der Ninive-Ebene sei eine „überaus delikate Frage“, betont der Patriarch. Noch seien die meisten der vertriebenen oder geflüchteten Bewohner nicht zurückgekehrt. Ihre Häuser seien demoliert oder niedergebrannt, die Infrastrukturen praktisch inexistent. Die Christen müssten jetzt ihre Einheit stärken, die überflüssigen Konflikte beiseitelassen, eine Atmosphäre schaffen, in der Diskussion, Dialog und Reflexion gedeihen können. Dabei gehe es darum, nach einer Zeit unsäglicher Leiden „realistisch und rational“ zu denken und unter den „weisen und kundigen Persönlichkeiten“ aus den verschiedenen Kleinstädten würdige Repräsentanten auszuwählen, die „im Land und nicht im Ausland“ gemeinsam mit den Nachbarn „und nicht im Gegensatz zu ihnen“ über eine bessere Zukunft für alle verhandeln.
Die Christen der Ninive-Ebene können auf eine lange Geschichte der Beziehungen mit den Muslimen zurückblicken, betont Mar Louis Raphael Sako. Nachbarschaft und Freundschaft mit den Muslimen könnten nicht wegen der Grausamkeiten und Terrorakte der IS (Daesh)-Terroristen zurückgefahren werden. Christen und Muslime hätten Generationen hindurch Freud und Leid, Bräuche und Traditionen geteilt. In diesem Zusammenhang nennt der Patriarch Beispiele aus jüngster Zeit: In der Vorwoche sei er bei seinem Besuch in Karamles mit zwei Rückkehrer-Familien zusammengetroffen, die eine Familie war christlich, die andere gehörte der im Nordirak verbreiteten islamisch-heterodoxen Religionsgruppe der Shabak an: „Beide Familien sprechen aramäisch, sie haben die selben Traditionen und Bräuche und leben in guter Nachbarschaft“.

Es sei jetzt Aufgabe der Christen, sich auf „gemeinsame und akzeptable“ Vorschläge im Hinblick auf die Zukunft der Ninive-Ebene zu einigen, unterstreicht Mar Louis Raphael Sako. Diese Vorschläge seien dann im Rahmen der irakischen Verfassung und der internationalen Gesetze zu verwirklichen. Das könne aber nur geschehen, wenn die Christen eine „klare und eindeutige“ Haltung einnehmen. Zugleich müssten Sicherheit und Stabilität garantiert sein, wobei man auch die Möglichkeit einer internationalen Kontrolle des Friedens in der Region ins Auge fassen könne.

Abschließend wiederholt der Patriarch und Vorsitzende der Bischofskonferenz seine immer wieder öffentlich artikulierte Überzeugung: Die einzige Lösung für alle Bürgerinnen und Bürger des Irak sei der Aufbau eines „demokratischen und zivilisierten“ Systems, um Gerechtigkeit und Gleichheit für alle zu erlangen. (ende)